Aus Pfarrer Altweggs Rechtfertigungsrede

«Es ist uns ernst mit dem Gedanken, dass es sich im Christentum um nichts anderes als um die Gründung des Gottesreiches auf Erden handle. Das kann aber nicht anders geschehen, als dass wir uns dem Geist und Leben Gottes, dem Geist der Gerechtigkeit, der Billigkeit, der Wahrheit, der Brüderlichkeit aufschliessen und glauben, dass das nicht blosse Ideale seien, nicht eine blosse Phantasiewelt, sondern eine Wirklichkeit, in die man sich bloss hineinzustellen braucht. Aber das glauben eben unsere Kirchenchristen gewöhnlich nicht. Sie predigen wohl Gott; sie predigen die Wahrheit, die Gerechtigkeit und die Bruderliebe; aber sie glauben in Wirklichkeit nicht daran. Das heisst: Sie glauben nicht, dass man mit der Wahrheit, der Gerechtigkeit, der Bruderliebe im praktischen Leben bestehen könne. Vor allem glauben sie nicht, dass man damit im Geschäfts- und Erwerbs- und im politischen Leben auskommen könne. Da muss man ihrer Meinung nach klug sein wie die Schlangen. Sie haben nicht den Mut, eine Geschäftsmoral zu verwerfen, die eigentlich keine Moral mehr ist. sondern halten es für selbstverständlich, dass im Geschäftsleben in letzter Linie der Profit ausschlaggebend sei. Oder dass im politischen Leben jedes Volk mit allen Mitteln einer listigen Diplomatie und schliesslich der bewaffneten Gewalt sich zu behaupten und möglichst gut zu stellen suche. Darum schweigen diese Christen zu allen Härten und Ungerechtigkeiten der sozialen Verhältnisse. Sie schweigen zu der Vergewaltigung und Ausplünderung der einen Klasse durch eine andere. Sie schweigen zu den offenbaren Auswüchsen des Erwerbs- und Geschäftslebens. Sie schweigen zu allen Brutalitäten, mit denen die Staaten sich behaupten zu müssen meinen. Sie schweigen – und verlangen vor allem von ihren Pfarrern, dass sie dazu schweigen sollen. ˂Diese Dinge gehen euch nichts an. Das ist Politik. Und Politik hat mit der Religion nichts zu tun.˃

Da stehen wir nun eben auf einem grundsätzlich anderen Standpunkt. Wir meinen, das allein sei Christentum, wenn man Gott und das Leben aus Gott unter allen Umständen ernst zu nehmen wagt. Darum halten wir es für so wichtig, dass von unseren Kanzeln nicht nur allerlei Erbaulichkeiten gesagt, sondern ein kraftvolles Wort für eine gründliche Umgestaltung unseres wirtschaftlichen und politischen Lebens gesprochen werde. In aller Bescheidenheit halten wir uns für verpflichtet, im Namen des Evangeliums Protest einzulegen, wo wir seine Grundsätze verletzt sehen.» (…) «Immer wieder hört man den Einwand: Bei uns in der Schweiz ist das ganz etwas anderes. Kein Mensch denkt bei uns daran, mit unserem Heer ein anderes Volk zu vergewaltigen. Bei uns handelt es sich nur um Grenzschutz, um Abwehr fremder Vergewaltigung. Und gerade in diesen so ausserordentlich gefährlichen Zeiten sollte man sich’s wohl überlegen, bevor man an unserer Landesverteidigung irgendwie rüttelt. Bei der Abrüstung müssen die Grossmächte vorangehen; ein kleiner Staat wie die Schweiz kann das nicht. Darauf erwidern wir in Kürze nur eins: Wie stellt man sich eigentlich vor, dass ein solcher Umschwung bei den Völkern, wie wir ihn hier im Auge haben, eintrete? Etwa so, dass irgendein Volk, das durch die äusseren Umstände am besten dazu in der Lage scheint, beschliesst: So, jetzt stellen wir die Rüstungen ein? Als ob das nicht für das stärkste Volk ein so grosses Wagnis wäre wie für das schwächste. Oder durch gegenseitige Vereinbarung? Wenn nicht der wirkliche Volkswille, wir führen keinen Krieg mehr, dahintersteht, so sind alle Vereinbarungen, wie wir gesehen haben, ˂Fetzen Papier˃. Nein, die ganze Umkehr ist doch nur so denkbar, dass eben zunächst in einzelnen das Gewissen aufwacht; dass die einzelnen erklären: Wir können nicht mehr und wollen nicht mehr. Füsiliert uns oder sperrt uns ein, oder macht mit uns, was ihr wollt: ˂Hier stehe ich, ich kann nicht anders.˃ Durch dieses mutvolle Verhalten der einzelnen allein werden ganze machtvolle Volksbewegungen ausgelöst, die dann eine wirkliche Garantie sind für einen neuen Tagesanbruch in der Menschheit. Dieses Erwachen der Gewissen aber ist an keine Landesgrenzen gebunden. ˂Der Geist weht, wo er will˃. Wo einer aber sein Rauschen hört, sei er dann Schweizer oder Deutscher oder Amerikaner, da muss er ihm gehorchen, oder er war nicht auserwählt. So aber entsteht von selbst die rechte Internationalität der Bewegung. Es ist ein Unsinn, zu sagen, dass dieses oder jenes Volk vorangehen soll. In allen Völkern müssen diejenigen vorangehen, die die Gewissensnötigung dazu verspüren. Wo sie aber ein Mensch verspürt und mit lauterer, selbstloser Gesinnung zu der ihm aufgetragenen Sache steht, da wollen wir den Hut vor ihm abnehmen und es nicht dulden, dass man ihn lächerlich mache und ihm die Ehre abspreche. Das ist ja eben die Art, wie Gott schafft in der Welt, dass er die Gewissen der Menschen ergreift, dass sie, und wäre es im Gegensatz zur ganzen Welt, handeln, wie sie handeln müssen. Auf diese Weise führt Gott immer wieder neue Zeiten in der Weltgeschichte herauf. Bis er die Menschheit schliesslich zu dem Ziel gebracht hat, an dem er sie haben will. So sehen wir die Sache an. Und nun dürfen wir vielleicht doch hoffen, dass diejenigen, die guten Willens sind, uns verstehen werden. Verstehen, dass die Kirchenpflege Wipkingen durch das Unterlassen des Augustläutens niemanden provozieren, sondern ihren Gemeindegliedern sagen wollte, wie wichtig es in diesen Zeiten ist, dass jeder einzelne sich besinne, dass er nicht einfach gedankenlos im alten Trott mitmache, sondern zu erkennen suche, wo hindurch nach dem Willen Gottes der Weg für unser Geschlecht führt, und ihn dann auch gehe.»

Die Jubiläumsveranstaltung
«Warum die Kirchenpflege Wipkingen am 1. August 1917 nicht geläutet hat.» Die denkwürdige Rechtfertigungsrede von Pfarrer Ernst Altwegg
als szenische Lesung am Originalschauplatz mit den Schauspielern
Hanspeter Müller-Drossaart (als Pfarrer Altwegg) und Isabel Schaerer (für die historischen Anmerkungen). Anschliessend sind Besucherinnen und Besucher zu einer Jubiläums-Wurst vom Grill eingeladen. Der Anlass ist ein Gemeinschaftsprojekt der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Zürich-Wipkingen mit der Zeitschrift «Neue Wege».
Dienstag, 1. August, 20 Uhr
Evangelisch-reformierte Kirche Zürich-Wipkingen, Wibichstrasse 43, 8037 Zürich. Freier Eintritt.

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