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Quartierleben

Der einzige Politgeograph der Schweiz wohnt in Wipkingen

27. September 2016 von

Foto: Patricia Senn

Ab und zu im Café des Amis anzutreffen: Michael Hermann.

Von

Online seit
27. September 2016

Printausgabe vom
29. September 2016
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Seit einigen Jahren ist Michael Hermann zur Stelle, wenn die Medien einen Experten zum Thema Politik brauchen. Andere Politologen mochten es nicht, wenn man den Geographen als Politikwissenschaftler bezeichnete. Also nannte er sich Politgeograph und trug die Bezeichnung fortan als Markenzeichen. Seine Forschungsstelle «sotomo» liegt im Kreis 6, wohnen tut der gebürtige Huttwiler seit etwas mehr als fünf Jahren in Wipkingen – wieder.

«Wipkinger»: Du hast schon früher hier gelebt?

Genau. Während des Studiums hatte ich eine Wohngemeinschaft an der Lägernstrasse. Als ich neu nach Zürich kam, wohnte ich erst an der Birchstrasse, auf der Höhe Bad Allenmoos. Dort fühlte es sich nicht gerade städtisch an. Damals lag zwischen dem Stadtzentrum und Oerlikon noch das Niemandsland und ich dachte: Echt jetzt? Ich bin im bernischen Huttwil aufgewachsen und besuchte in der Kleinstadt Langenthal das Gymnasium, aber dieses Zürich erschien mir doch sehr provinziell. Erst später an der Lägernstrasse bekam ich das Gefühl des «Angekommenseins». Damals war das Quartier zwar nicht so hip wie heute, es war das Ende der 90er Jahre, und ausser dem Bahneinschnitt gab es hier nicht viel. Aber die Leute waren städtischer als in Oerlikon, so eine bunte Mischung verschiedener Charaktere. Trotzdem musste man immer in den Kreis 5 und 4 runter, wenn man ausgehen wollte. Später zog ich sogar in die Nähe der Langstrasse und Wipkingen war mit einem Mal weit weg ─ zumindest kam es mir so vor. Als meine Partnerin und ich vor etwas mehr als fünf Jahren dann wieder hierher kamen ─ ein Schritt zurück in die Bürgerlichkeit sozusagen ─ habe ich aber schnell gemerkt, dass das Zentrum mit einem mitwandert. Und die Routen ändern sich: Heute fahre ich viel lieber mit dem Velo über die Achse Hardbrücke/Weststrasse als über die Langstrasse ans andere Ende der Stadt. Es gibt eine andere Perspektive auf die Stadt. Und es ist wahnsinnig, wie sich das Quartier nur schon in den fünf Jahren, in denen ich hier lebe, verändert hat. Der Röschibachplatz ist zum Zentrum geworden, es ist sehr belebt und urban geworden.

Was gefällt Dir denn in Wipkingen besonders?

Es ist faszinierend: Ich wohne an der Habsburgstrasse, hier ist Wipkingen fast wie ein Dorf. Ich meine, Wiedikon ist ja auch sehr schön, aber es ist ein typisches Stadtquartier. Das Spezielle an Wipkingen ist schon, dass es ein bisschen abgeschirmt ist, einen eigenständigen Charakter hat. Es ist auch nicht alles nur schön: Da die Rosengartenstrasse, hier die Bahnlinie und dazwischen ein bisschen eingeklemmt das Quartier. Aber das macht eben auch den Charme aus, wenn nicht alles elegant und hübsch ist. Und obwohl es jetzt sehr lebendig und bunt ist, gibt es viele ruhige Ecken. Ich mag diese Ruhe, die habe ich erst jetzt für mich entdeckt.

Dass Michael Hermann nun wieder im «Dorf» gelandet ist, hat er auch seinem guten Vorstellungsvermögen zu verdanken: Auf der Suche nach Wohneigentum stiess er auf die Überbauung Dammstrasse/Habsburgstrasse, wo zwei Hofhäuser frei waren. Während die meisten sich von einem schattigen Hinterhof abschrecken liessen, sah er den 60 Meter langen Gartenkorridor der Nachbarn, auf den man vom Haus aus blicken würde. Der vollendete Bau gab ihm recht: Das Doppel-Einfamilienhaus liegt zwar eingebettet, aber offen da. Sein Vorstellungsvermögen hatte ihm ein Juwel verschafft.

Wo trifft man Dich in Wipkingen an?

Ich bin regelmässig im Café des Amis oder im Kafischnaps – das Nordbrüggli ist etwas zu nahe von zu Hause, da könnte ich auch bei uns auf die Terrasse sitzen. Am Wochenende spazieren wir oft an der Limmat entlang bis nach Höngg und dann rauf über die Waid und den Käferberg zurück. Unser Hausspaziergang. Da macht man etwas Höhe und hat Fluss und Berge.

Wie reagierst Du, wenn man Dich auf der Strasse erkennt?

Angesprochen werde ich in dieser Stadt ganz selten. In Zürich gehört es zum städtischen Groove, dass man sich nicht so schnell beeindrucken lässt, man lässt sich in Ruhe. Es gibt ja einige Leute hier, die man vom Fernsehen kennt, deshalb ist es sehr unaufgeregt. Auf dem Land ist das anders, da kommen die Leute eher auf einen zu. In Huttwil, wo ich herkomme, sind sie bei meinem letzten Besuch fast aus den Beizen gerannt (lacht). Aber eben, so was geschieht eher auf dem Land.

Stört es Dich angesprochen zu werden?

Nein. Meine Erfahrung ist, dass die Menschen bei einer realen Begegnung eher ein positives Feedback geben, einem sagen, dass man es gut macht. Das ist wohl der grosse Unterschied zu den Kommentarschreibern im Internet und von daher ein willkommener Ausgleich. Aber eigentlich bewege ich mich ganz normal und so bekannt bin ich jetzt auch wieder nicht. Das einzige, was mich manchmal irritiert sind Leute, die von mir erwarten, dass ich mich an ihre Namen erinnere, nachdem man sich irgendeinmal begegnet war. Ich bin da oft überfordert. Wahrscheinlich würden sie mich ja auch nicht erkennen, wenn ich nicht «der vom Fernsehen» wäre, das ist manchmal etwas unfair. Aber das ist eigentlich das einzige, das ich unangenehm finde.

Die Politik als gesellschaftliches Phänomen, als Spiegel von Wertewandel und gesellschaftlichen Konflikten, das interessiere ihn, erzählt Michael Hermann. Zu beobachten, was die Politik sozialwissenschaftlich über uns aussagt, sei das Spannendste daran. Er wolle auch nicht Politiker werden, diese Art der Macht habe ihn nie gelockt. Dafür die Dynamik der Themen, dass man die Dinge immer wieder neu denken muss und einfügen, in das, was man schon weiss.

Woher kommt dieses Interesse an den Menschen?

Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich viel in Bildern denke – ich kann mir Dinge gut vorstellen und mich auch recht gut in andere Menschen hineinversetzen. Dafür kann ich vielleicht weniger gut abstrakt denken oder Algebra-Aufgaben lösen. Und ich stelle gerne Fragen. Je älter man wird, umso mehr Leute trifft man, die gar keine Fragen mehr zu haben scheinen. Manchmal habe ich dann keine Lust etwas zu erzählen, weil es das Gegenüber offenbar ohnehin nicht interessiert. Also fange ich an, Fragen zu stellen. Ich versuche zu verstehen, wie die Leute funktionieren: Was denken sie und wieso denken sie das? Woher kommt diese Grundhaltung oder jene politische Position? Das finde ich spannend. Ich kann in einem Gespräch mit einem SVP-Wähler genauso viel Neugierde dafür aufbringen, was er sagt, wie für jemanden mit rot-grüner Einstellung. Das hat nichts mit meiner eigenen politischen Haltung zu tun. Ich will sie einfach verstehen.

Darf man in Deiner Position als Experte überhaupt eine politische Haltung leisten?

Das ist eine zentrale Frage. Anfangs wollte ich, dass meine eigene Haltung möglichst nicht erkennbar ist, weil ich dachte, die Leute würden meine Argumente dann immer in diesem Licht beurteilen und mir irgendeine politische Agenda unterschieben. Das hat eine Zeitlang gut funktioniert. Irgendwann wurde ich aber zur Projektionsfläche: Die einen meinten, ich sei rechts, die anderen links. Und sie bezogen sich nicht mehr auf die Argumente, sondern auf meine vermeintliche politische Gesinnung. Während der Uni habe ich mich sehr an denen gestört, die immer genau wussten, was richtig und was falsch ist und andere Meinungen gar nicht gelten liessen. Damals waren es die Linken, heute ist es vor allem die Rechte, die völlig von sich überzeugt ist. Mir sind selbstkritische Menschen grundsätzlich sympathischer. Aber es ist nicht nur das: Wenn man sich einfach neutral verhält und keine Stellung bezieht, stärkt man automatisch die «Überzeugten». So unterstützt man indirekt Entwicklungen, die man selber gar nicht gut findet. Dann habe ich ja auch verschiedene Rollen: Wenn ich eine Umfrage oder eine Prognose mache, soll die einfach möglichst genau sein, dort haben meine persönlichen Ansichten nichts zu suchen, aber, wenn ich etwas beurteile, habe ich schon eine Haltung, und die darf auch eine Rolle spielen.

Und wie reagieren die Leute auf diesen Sinneswandel?

In einer Kolumne mit dem Titel «Das Ende des kühlen Denkers» habe ich klar deklariert, auf welcher Seite ich stehe, nämlich Mitte-Links. Das warf kurz Wellen, manche meinten, ich hätte mich von der sachlichen Position verabschiedet und könne nicht mehr als Experte beim Fernsehen fungieren. Weil ich ja jetzt nicht mehr neutral sei. Das hat sich erstaunlich schnell beruhigt. Ich finde, es funktioniert heute besser. Wenn ich etwas kritisiere, kann man es besser einordnen und hört mehr auf das Argument. Das schönste Kompliment, das mir jemand gemacht hat, war zu sagen, dass er eigentlich fast nie meiner Meinung sei, aber es überzeugend fände, wie ich sie vertrete.

Vor Kurzem erschien Dein Buch «Was die Schweiz zusammenhält». Was hält sie denn nun zusammen?

Interessant ist ja, dass dieses Thema die Schweizer tatsächlich beschäftigt, obwohl gar nicht in Frage gestellt ist, dass die Schweiz zusammenbleibt. Im Buch geht es natürlich noch weiter: Was macht die Identität des Landes aus, was ist das Spezielle daran, wie hat es sich politisch entwickelt. Die Schweiz war bei ihrer Entstehung eigentlich ein sehr unwahrscheinliches Gebilde: Einerseits gab es die nationalistischen Spannungsfelder von Deutschland und Frankreich, andererseits definierten sich diese Länder, wie Italien auch, als Kulturnationen sehr stark über ihre Sprachen. Und dazwischen lag dieses Stück Land sozusagen «im Auge des Orkans», das auch noch die Phase des aggressiven Nationalismus überlebt hat. Das macht die Schweiz zu einer unwahrscheinlichen Nation. Diese existenzielle Verunsicherung in der Entwicklungsgeschichte führt wohl dazu, dass die Menschen sich heute noch immer hinterfragen und sich Gedanken darüber machen, ob die Schweiz auseinanderfallen könnte. Das führt dann zu einer seltsamen Mischung von Überheblichkeit – man ist sehr stolz und ist mit grosser Selbstverständlichkeit Schweizer – und Minderwertigkeitskomplexen, weil man nicht so richtig sagen kann, was die Schweiz eigentlich ausmacht. Damit befasst sich ein Teil des Buches. Eine Antwort auf die Frage, was die Schweiz zusammenhält ist, dass die Konflikte, die es ja offensichtlich gibt, immer wieder andere Richtungen einnehmen und sich zwar überlappen, aber nicht ganz decken. Der Sprachenkonflikt ist nicht dasselbe wie der Konfessionskonflikt. Die Probleme zwischen Berg und Tal sind nicht identisch mit denen zwischen Stadt und Land. Und die Kantone bilden nochmals eine ganz andere Ebene. Ein Gegenbeispiel: In Belgien entspricht der Sprachgraben auch dem Wirtschaftsgraben, dazu kommt neu der Föderalismus, den sie auch entlang dieser Grenzen eingeführt haben. Das verstärkt den gesamten Konflikt. Bei uns führen die Meinungsverschiedenheiten nicht dazu, dass die Gruppen auseinanderdriften, sondern sie bilden das Gewebe und stärken es, was ideal ist. Wäre Harmonie die Voraussetzung, damit ein Land zusammenbleibt, wäre es ständig gefährdet, weil Stimmungen schnell umschlagen können. Die Schweiz aber ist so gebaut, dass sie eben auch Konflikte erträgt. Das macht den Zusammenhalt aus. Es sind nicht immer dieselben in der Minderheit, das ist entscheidend. Natürlich kommt dann auch die Kleinräumigkeit dazu, und dass die Institutionen funktionieren. Es gibt also zwei Themen: Diese Urangst der Schweizer vor einem Auseinanderbrechen und das Gewebe von sich überlappenden Konflikten, welches das Land stabil und konfliktfähig macht, und eben dies verhindern.

Und wenn er alles Geld der Welt hätte, welches Thema würde der Politgeograph anpacken? Die Antwort kommt ohne grosses Zögern: Er mache bereits das, was er gerne machen will. Und sei ausserdem froh, gäbe es keinen Mäzen. Der Druck von aussen inspiriere ihn, sporne ihn an. Erst wenn es jemandem nützt, so scheint es, macht es ihm auch richtig Spass.

Und was bringt die Zukunft noch?

Ich habe das Glück, das machen zu können, was ich gerne tue und dabei offenbar genügend andere interessiert, so dass ich davon leben kann. Das beibehalten zu können, macht mich schon glücklich. Ich schaue von Tag zu Tag oder von Projekt zu Projekt. Eine Karriere zu machen war nie ein Ziel. Ich wollte durchaus erfolgreich sein, aber einfach indem ich gute Sachen mache. Bekannt zu sein bedeutet aber durchaus auch für interessantere Anlässe und Podiumsgespräche angefragt zu werden, das nehme ich gerne an, aus dem einfachen Grund, dass dadurch auch mein Alltag spannender wird. Das Leben verläuft meiner Ansicht nach zyklisch – von Tag zu Tag und Jahr zu Jahr. Die lineare Vorstellung davon ist für mich der Horror, weil sie nur im Tod endet. Ich sehe es so: Im Leben gibt es Dinge, die einen belasten und andere, die einen inspirieren. Das Ziel ist es, die Dinge, die man gerne macht, öfter machen zu können als die, die man nicht mag. Und dies von Tag zu Tag und nicht irgendwann in der Zukunft. Wie der Schuhmacher, der jeden Tag dasselbe macht, aber zufrieden ist damit, weil er darin aufgeht, mit seinem Produkt und seiner Tätigkeit. Egal was man macht, egal ob mehr oder weniger erfolgreich: Zufrieden ist man eigentlich nur, wenn man es schafft, im Alltag zufrieden zu sein. Erfolg ist etwas Flüchtiges, man gewöhnt sich viel zu schnell an Dinge, die einmal noch aussergewöhnlich waren.

Herzlichen Dank für das Gespräch

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