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Quartierleben

Die Freiwilligenarbeit im Wandel

28. Juni 2017 von

Foto: zvg

Rund 30 Interessierte trafen sich zu einem Kick-Off Event zur Gründung der ersten Zürcher KISS Genossenschaft.

Von

Online seit
28. Juni 2017

Printausgabe vom
29. Juni 2017
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Die Nachbarschaftshilfe Wipkingen-Höngg erfindet sich neu: KISS heisst das Konzept und hat nichts weniger zum Ziel, als die Lösung eines der grossen sozialen Probleme unserer Zeit.

Unsere Gesellschaft befindet sich in einem demografischen Wandel. Die grossen Geburtskohorten der Babyboomer Generation treten aus dem Arbeitsprozess aus, und in den nächsten zwanzig Jahren wird sich die Zahl der 80-Jährigen beinahe verdoppeln. Viele von ihnen können Dank Hilfe aus ihrem Umfeld noch eigenständig wohnen und leben. Diese Hilfe aber, etwa beim Einkaufen oder Glühbirnen wechseln ist oft entscheidend. Der Anteil junger Schweizer nimmt bei einer konstanten Geburtenrate von rund 1,5 Kindern pro Frau jedoch stetig ab. Ausserdem steigt die geografische Mobilität. Familien leben immer weiter auseinander und Nachbarschaften werden immer kürzer. Diese Trends führen dazu, dass sowohl die Familieninterne, wie auch die nachbarschaftliche Unterstützung dieser Menschen abnehmen. Doch es gibt Lösungsansätze. Eine davon macht gerade jetzt in den Quartieren Wipkingen und Höngg Schule. Die beiden traditionell so verschiedenen Quartiere haben im Bereich der Nachbarschaftshilfe eine neue Partnerschaft lanciert und adaptieren im Zuge der Umstrukturierung ein vielversprechendes Model.

Anreize schaffen

«Zeitgutschriften» heisst das Zauberwort und verspricht neue Helfer zu motivieren. Wer jemandem hilft, erhält die erbrachten Arbeitsstunden gutgeschrieben. Diese Stunden können für die Hilfe anderer eingelöst werden. Es gilt das Prinzip: Eine Stunde ist immer eine Stunde, ungeachtet der erbrachten Leistung. Diese Unterstützung umfasst nur Leistungen im Sinne der Nachbarschaftshilfe. Pflege soll in den Händen von Fachpersonen bleiben und auch bezahlt werden. So entsteht ein reger Austausch von nachbarschaftlichen Dienstleistungen, ohne dass Geld im Spiel ist. Und dieser Austausch generiert soziale Kontakte und Begegnungen. Das ist aus vielerlei Gründen wünschenswert. Und vor allen Dingen dringend nötig, findet Ruedi Winkler, Präsident des Vereins KISS Schweiz.

Neue Formen der Solidarität

KISS steht für «keep it small and simple», und ist eben jenes Konzept, das im Zuge der Umstrukturierung der Nachbarschaftshilfe Höngg und Wipkingen auch hier eingeführt werden soll. «Der Verein KISS ist der Dachverband der Genossenschaften oder Vereine, die vor Ort die Nachbarschaftshilfe organisieren. Diese beschäftigen eine bezahlte Fachperson, die Hilfesuchende und Helfer zusammenbringt», erklärt Winkler das Konzept. »Dabei wird immer auch auf das Zwischenmenschliche geachtet». Zurzeit bestehen neun solche Genossenschaften, verstreut über die ganze Deutschschweiz. An über einem Dutzend Orten in der Schweiz laufen Vorbereitungen zur Gründung neuer Vereine. Die Quartiere Wipkingen-Höngg sind die ersten, die dieses Modell in der Stadt Zürich aufbauen. Die einzelnen Genossenschaften sind darauf ausgelegt, dass sie regional und überschaubar bleiben. Wächst eine Genossenschaft über die Grenze von 300 Mitgliedern hinaus, wird eine Neue geschaffen. Innerhalb der einzelnen Genossenschaften soll eine persönliche Vernetzung möglich sein. Die demografische Entwicklung der kleineren Familien und steigenden Mobilität machen neue Formen der Solidarität nötig. «Entweder nimmt die Zivilgesellschaft das dezidiert in die Hände und wir organisieren uns aus eigener Kraft und Motivation heraus selber, um unseren Mitmenschen direkt und real zu begegnen. Oder der Staat ist gezwungen, diese Leistungen etwa durch obligatorischen Sozialdienst sicherzustellen». Oder aber die intergenerationelle Solidarität findet monetär über Steuern, Ergänzungsleistungen und Subventionen statt. Winkler steht ganz klar für die erste Option ein. Denn Solidarität lässt sich für ihn nicht über den Abzug auf dem Lohnausweis abspeisen. «Solidarität muss gelebt werden» so Winkler.

Ein erster Schritt ist getan

Am 14. Juni traf sich Winkler mit rund 30 Interessierten im Zentrum der katholischen Pfarrei Höngg zu einem Kick-Off Event, um die Gründung der ersten Zürcher KISS Genossenschaft in die Wege zu leiten. «Das Treffen verlief sehr positiv und wir gehen davon aus, dass wir im Herbst unsere Arbeit aufnehmen können», freut sich Winkler.

Das neue Angebot findet man ab Herbst unter www.kiss-zeit.ch. Bis dahin überbrückt die Nachbarschaftshilfe Wipkingen die bestehende Lücke auch in Höngg.

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