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Ratgeber

Doppelte Premiere

14. Dezember 2016 von

Seeteufel, «Coda di rospo» an Weissweinsauce mit Basilikum, Cherrytomaten und Gemüse.

Misto, Tomatensuppe, knuspriges Brot: Schon mal ein guter Anfang!

Haffners Wahl: Die mit Käse und Rohschinken gefüllten «Involtini di maiale» mit Risotto und Gemüse.

Daniele Raldi, Inhaber und Gastgeber im neuen «Al Fiume» in Wipkingen.

Emese Herenröder, genannt «Emmi», mit dem Seeteufel.

Von

Online seit
14. Dezember 2016

Printausgabe vom
15. Dezember 2016
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Postfaktisch? Das war einmal! Jetzt kommt postaktuell! Denn bereits vor zehn Monaten hat der Wechsel vom «Mediterraneo» zum «Al fiume» in Wipkingen stattgefunden. Dank der gefühlten 237ten Baustelle im Kreis 10 rückte das neu gestylte Restaurant jedoch erst im April so richtig ins Blickfeld der Öffentlichkeit. Und auch jetzt dürfte noch nicht «ganz Zürich» mitbekommen haben, dass es an der Limmat einen neuen Italo gibt. Mit einem familienfreundlichen Konzept, fairen Preisen und geführt von einem Quereinsteiger.

Im Auftreten ganz Italo, aber unverkennbar mit Basler Dialekt: Daniele Raldi wirkt wie der geborene Beizer, ist aber ursprünglich Bauingenieur ETH. Doch die Kulinarik liegt in den Genen des Secondos: Seine Onkel und Tanten führen ein Gastrounternehmen namens «Ianniciello», das in Deutschland, Frankreich und Italien mehrere italienische Restaurants führt. Raldis Koch kommt ebenfalls aus der Familie: Es ist sein Onkel Raffaele, seit 30 Jahren Profikoch. «Ohne ihn hätte ich den Sprung in die Gastronomie nie gewagt, », sagt Raldi. Vor allem die Gartenterrasse habe ihm bei der Suche nach einer Lokalität imponiert: «Der Blick auf die Limmat, die Bäume, die Ruhe, trotz der Hardbrücke weiter vorne: Das ist ein Juwel, da kommt Ferienstimmung auf». Die liebt er selber auch. Sein Hobby ist das Reisen. Eben war er in Florida, zuvor in Japan, nächste geplante Destination ist Argentinien. «Doch das steht noch in den Sternen, jetzt muss ich zuerst mal mein noch junges Restaurant in den Köpfen der Wipkinger und Höngger platzieren», sagt er. Lektüre auf dem Nachttischchen? «Café Odeon», das Buch von Curt Riess und Esther Scheidegger, erschienen 2010 im Europa Verlag. Im «Odéon» habe er in seinen Studentenzeiten oft verkehrt, nach dem Umbau dann mehr im «Bluetige Dume» und dem «Johanniter». Sonstige Facts? «Single, grosser Freundeskreis, von Haus aus Optimist. Wir schaffen das, auch wenn das ˂Al fiume˃ mit seinen 150 Plätzen verhältnismässig gross und die Zufahrt in diesem Gewirr von Strassen und Brücken nicht eben einfach ist. Aber wir haben reservierte Parkplätze weiter vorne neben der Rampe. Und mit dem Tram und Bus sind wir gut erreichbar».

Essen im «Al fiume»

Für Höwi ist das «Al fiume» eine Premiere, nicht so für Fredy Haffner. Der Redaktionsleiter des «Hönggers» und «Wipkingers» hat sich mit Höwi im neuen Italo zum Essen verabredet. «Ich habe hier schon etliche Male gegessen, jedes Mal gut», sagt er. So auch heute. Er rühmt die mit Käse und Schinken gefüllte Schweinsrouladen namens «Involtini». Da Haffner die auf der Karte stehenden Pommes als Beilage unpassend findet, hat er nach Risotto gefragt. Emmi, die Serviertochter, meint, da müsse sie den Chef fragen, denn normalerweise gäbe es Risotto nur am Abend. Raldi erklärt, das habe mit dem Aufwand zu tun, alles werde à la minute zubereitet. Er werde aber beim Onkel in der Küche nachfragen. Der findet das kein Problem. Der Sonderwunsch wird erfüllt. Schon mal eine Qualität des Hauses. Auch das kulinarische Mittagsangebot überzeugt: Es umfasst ein Dutzend Pizzen und acht bis neun Wochenmenüs. Ende November war das günstigste «Orecchiette an Tomatensauce mit Mozzarella und Basilikum» (Fr. 16.50), das teuerste Seeteufel mit Basilikum, Cherrytomaten und Gemüse (Fr. 23.50). Unbescheiden wählt Höwi den «Teufel aus dem See», der sich unter Cherry-Tomaten versteckt. Beim ersten Schnittversuch wirkte das Fleisch etwas gummig, im Gaumen war die Darreichung dann aber perfekt. Das ist typisch für diesen mit Zähnen bewaffneten Räuber, der bis zu zwei Meter lang werden kann: Das Fleisch bleibt auch nach der Zubereitung fest, wobei meist nur die Bäckchen auf den Tisch kommen. Eher etwas hotelküchenartig kam das Gemüse daher, dem man anmerkte, dass es nicht erntefrisch vom Morgenmarkt kam, sondern zugekauft bei Aligro. Auch das Fleisch und der Fisch stammen von diesem Gastrogrossisten aus Schlieren, der einen guten Ruf geniesst. Trotzdem: Beim Gemüse könnte Onkel Raffele noch etwas zulegen. Insgesamt gefällt das Essen im «Al Fiume». Die Saucen, der härteste Qualitätstest jeder Gastrokritik, kamen eindeutig nicht aus dem Beutel. Die Weissweinsauce beim Seeteufel war sogar exzellent. Auch der Wein schmeckte den beiden Journis. Es ist eine Edizione «Cinque Autoctoni» von Farnese: «Ganz mein Geschmack», meint Haffner, «fruchtig, vollmundig, schönes Bouquet», na ja, er ringe ein wenig nach Worten, es gelinge ihm leider nicht so gut wie den Profis, Wein zu beschreiben. Höwi kann nach kurzem Gegoogle nachhelfen: Es ist ein Apulier, 91 Punkte im Weinspectator, aus fünf autochthonen Rebsorten gekeltert und zum Glück nicht in Barriques ausgebaut, also ohne Holznoten. Und ja, nicht ganz billig ist er auch. Angesichts der reichlichen Portionen verzichten die beiden Journis auf ein Dessert. Das Angebot an Hausgemachten ist jedoch überzeugend und umfasst nebst Klassikern wie «Panna cotta» oder «Zabaglione» auch Trouvaillen wie Vanille-Glacé, das paniert und fritiert wird.

Mit dem «Chef» essen?

Das kann informativ sein. So erfährt Höwi, dass Fredy Haffner fürs Leben gerne isst und Restaurantbesuche auch deshalb mag, weil sie für ihn eine Inspiration darstellen. «Meistens koche ich für meine drei Kinder – allesamt Feinschmecker – aber im Alltag eine eher einfache Küche. Wenn ich dann aber Zeit habe, um etwas Anspruchsvolles zu kochen, greife ich gerne auf Gerichte zurück, denen ich in einem Restaurant begegnet bin», sagt der geschiedene Teilzeitvater. Kochbücher benütze er selten, fügt der «Chef» an: «Ich lese den ganzen Tag schon viel in der Redaktion, da muss ich mich nicht auch noch am Feierabend durch ˂Buchstabensuppen˃ kämpfen». Was Höwi auch noch erfährt: Ab Anfang 2017 werden der «Höngger» und der «Wipkinger» auf dickeres Papier gedruckt: «Es wird das gleiche sein wie beim Züritipp, etwas dicker, weisser, gut für die Fotos und die Lesbarkeit», sagt Haffner. Was beiden Journalisten gefällt im «Al fiume» ist das neue Design. Das warme Rostrot an den Wänden schafft ein süditalienisches Ambiente, die nach vorne geholten Rundbögen und Holzbalken sind «tipico», aber fern von billigem Italokitsch. «Eine befreundete Künstlerin hat mir bei der Gestaltung geholfen», sagt Raldi, der es auch bei der Weihnachtsdeko stilvoll mag: Auf den Tischen stehen Weihnachtssterne, vorne eine Krippe, die aus Neapel kommt. «Das gehört einfach zu einem italienischen Restaurant», sagt Raldi, der im Übrigen auch perfekt Italienisch spricht.

Kritik?

Die betrifft die Website! Die Information über das kulinarische Angebot ist picobello, über das Weinangebot erfährt man aber zu wenig: Gerade mal drei offene Weine sind aufgeführt. Auch über die Gastgeber tappt man im Dunkeln. «It’s a people business!». Wäre doch hübsch, nicht nur edel fotografierten Pizzateig und Mehl zu sehen, sondern auch Bilder von der Crew, ein Blick backstage in die Küche, den kochenden Onkel, den Pizzaiolo…! Super dagegen ist die Info über die Specials, etwa die Gerichte mit weissem Alba-Trüffel (Risotto, Tagliolini, Rindsfilet), die es am Mittag aber leider nicht gibt. Schade! So ein kleiner «Trüffel»-Knaller für Gourmets à la Höwi würde einem Edelitalo auch am Mittag gut anstehen! Spannend das Silvester-Menü, das fünf Darreichungen umfasst (siehe Website). Und toll, dass die «piccini» genauso ernst genommen werden wie die Erwachsenen. Ob allerdings ein Kalbsschnitzel mit Pommes für die kleinen Gäste das Grösste ist, wagt Höwi zu bezweifeln. Dass bei den Vorspeisen nicht nur italienische Delikatessen auf einem «Piatto misto» auftauchen, sondern auch «Focaccia», ligurisches Fladenbrot aus dem Holzofen, ist ein kreatives Angebot. Solche Highlights dürfte es noch mehr haben auf der Karte. Höwis Gesamteindruck: Alles ist vorhanden im «Al fiume», um sich als Italo mit Gourmetanspruch zu profilieren. Nur kommt das noch etwas zu wenig zum Ausdruck.

Restaurant «Al Fiume» an der Limmat
Hönggerstrasse 43, 8037 Zürich-Wipkingen
Telefon 044 271 06 46
www.al-fiume.ch
Montag bis Freitag, 11 bis 14 Uhr und 18 bis 23 Uhr.
Samstag und Sonntag, 17 bis 23 Uhr.

Zum Autor
Er nennt sich Höwi, ist ein stadtbekannter Gastrokritiker und Buchautor und schaut den kochlöffelschwingenden Profis im Kreis 10 in die Töpfe. Die Gastrokolumne erscheint monatlich im Höngger und alle drei Monate im Wipkinger.

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