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Sozialzentrum Hönggerstrasse

Ein Arbeitstag im Kinderschutz

14. Dezember 2016 von

Foto: Nadja Hugentobler, Soziale Dienste Stadt Zürich9

Melanie Hofmann und Deborah Dössegger sind Sozialarbeiterinnen im Sozialzentrum Hönggerstrasse.

Von

Online seit
14. Dezember 2016

Printausgabe vom
15. Dezember 2016
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Melanie Hofmann und Deborah Dössegger arbeiten als Sozialarbeiterinnen im Quartierteam Wipkingen/Höngg im Sozialzentrum Hönggerstrasse. Ihr Arbeitsalltag ist anspruchsvoll und abwechslungsreich. Vor allem aber ist er sehr unvorhersehbar. Sie unterstützen Familien und Kinder in besonderen Lebenslagen. Mit wirtschaftlicher Sozialhilfe unterstützen sie Menschen in finanzieller Not; mit Kinder- und Jugendhilfe Familien und Kinder in schwierigen Lebenslagen.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag von euch aus?

Zu dieser Frage könnten wir ein Buch schreiben. Wir führen täglich Gespräche mit Klienten und Fachpersonen in grossen und in kleinen Runden. Die Gespräche finden im Büro statt, aber auch extern in der ganzen Schweiz; zum Beispiel bei Klientinnen zu Hause, in Fachstellen, Schulen, Kinderheimen oder Pflegefamilien. Zusätzlich tauschen wir uns in wöchentlichen Fachsitzungen im Team aus, arbeiten in Arbeitsgruppen mit, fällen Entscheidungen, stellen schriftliche Anträge an die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde KESB. Neben dem häufigen, direkten Kontakt mit Klientinnen und Klienten erledigen wir zusätzlich viele administrative Arbeiten. Wir schreiben Stellungnahmen, Berichte und Anträge.

Das tönt abwechslungsreich.

Ja, wir haben kaum einen Tag, der dem anderen gleicht. Wir wissen nie, was der Tag bringt und müssen stets mit Unvorhersehbarem rechnen. Deshalb müssen wir flexibel sein und stets neu priorisieren. Tagesziele zu setzen und zu erreichen, ist oft nicht möglich.

Wie arbeitet ihr mit euren Klientinnen und Klienten?

Wenn immer möglich, arbeiten wir systemisch. Das bedeutet, dass wir nicht nur die Klientinnen und Klienten einbeziehen, sondern – wenn vorhanden – das gesamte Familiensystem, die Schule, die Peergroup oder weitere involvierte Personen oder Stellen.

Was ist der Grund, dass Kinder und/oder Eltern, die ihr betreut, zu euch kommen?

Die meisten Klientinnen und Klienten kommen zu uns, weil sie müssen. Zum Beispiel, weil sie auf finanzielle Hilfe angewiesen sind oder weil Kindesschutzmassnahmen oder Abklärungen durch die KESB angeordnet wurden. Es gibt auch Familien, die in vorübergehend schwierigen Situationen freiwillig unsere Unterstützung, Beratung und Begleitung suchen. Unsere Erfahrung ist, dass wir in den allermeisten Fällen, ob freiwillig oder nicht, eine gute Zusammenarbeit mit den Familien aufbauen können, sobald Angst und Skepsis nach dem Erstgespräch abgebaut werden konnte. Viele Familien nehmen uns als Unterstützung wahr, was aber Entscheidungen und Anträge gegen den Willen der Familien nicht ausschliesst. Der Fokus unserer Arbeit liegt immer auf dem Wohl der Kinder und Jugendlichen.

Welche Highlights erlebt ihr bei dieser Arbeit?

Wir erleben immer wieder ganz unterschiedliche Highlights. Das kann eine Ablösung aus einer langjährigen Sozialhilfeabhängigkeit sein. Oder schwierige Jugendliche absolvieren erfolgreich eine Ausbildung. Hochstrittige Eltern können wieder miteinander über die Kinder sprechen, eine Familienbegleitung kann erfolgreich abgeschlossen werden. Oder ein Besuchsrecht kann nach einem langjährigen Unterbruch wieder wahrgenommen werden. Das sind schöne und berührende Momente.

Wo liegen die Grenzen eurer Arbeit?

Wenn Familien kooperieren, sind Veränderungen möglich. Das erleben wir in vielen Fällen. Bei fehlender Kooperation und Einsicht oder, wenn wir als Kontrolle und Belastung wahrgenommen werden und vom Gesetz her keine weiteren Möglichkeiten bestehen, können wir unsere Aufträge nur schwer und manchmal leider auch gar nicht erfüllen. Eine verfügte Kindesschutzmassnahme ist ein starker Eingriff in die Privatsphäre einer Familie und erfordert daher ganz klare Indikatoren. Präventiver Kindesschutz ohne die Mitarbeit der Eltern ist nicht möglich. Bis wir in einem Fall eingesetzt werden, ist oft bereits viel passiert. Wir können dann nicht alles auf Anhieb lösen, auch wenn das von aussen oft von uns erwartet wird. In einer früheren, freiwilligen Beratung kann mehr bewirkt werden.

Interview: Manfred Dachs, Leiter Quartierteam Wipkingen/Höngg, Sozialzentrum Hönggerstrasse.

Weitere Informationen zu den Angeboten in den Sozialzentren der Sozialen Dienste Stadt Zürich: www.stadt-zuerich.ch/sod

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