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Sozialzentrum Hönggerstrasse

Ein Blick hinter die Türen des Sozialzentrums

28. Juni 2016 von

Foto: Quelle: Soziale Dienste Stadt Zürich

Doris Egloff, Leiterin Sozialzentrum Hönggerstrasse.

Von

Online seit
28. Juni 2016

Printausgabe vom
30. Juni 2016
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Doris Egloff ist Leiterin des Sozialzentrums Hönggerstrasse, eines von fünf Sozialzentren in der Stadt Zürich, und zuständig für die Menschen in Höngg, Wipkingen, Unter- und Oberstrass. Ein Gespräch über Aufgabenbereiche und Berufung.

Beatrice Henes: Doris Egloff, gibt es in diesen Quartieren überhaupt Armut?

Doris Egloff: Selbstverständlich. Auch in den Kreisen 6 und 10 gibt es Menschen, die Sozialhilfe beziehen müssen. Aber es ist schon richtig, dass wir in zwei Kreisen tätig sind, in denen privilegiertere Menschen leben.

Wie zeigt sich denn die Armut in ihrem Einzugsgebiet?

Auch in unseren Quartieren gibt es ältere Häuser oder Genossenschaften mit günstigen Wohnungen, in denen Familien mit niedrigem Einkommen leben. Manchmal sind sie weniger gut ausgebildet oder arbeiten in schlecht bezahlten Berufen, sodass der Lohn für die Ernährung einer ganzen Familie nicht ausreicht – sogar wenn beide Elternteile arbeiten.

Doppelverdiener, die nicht genug verdienen, um die Familie zu ernähren. Arbeiten denn viele Ihrer Klientinnen und Klienten?

Ja, tatsächlich haben viele einen oder zwei Füsse im Arbeitsmarkt. Darunter sind auch Teilzeitarbeitende, die Kinder betreuen. Wer Sozialhilfe bezieht und keiner Arbeit nachgeht, muss ein sogenanntes Arbeitsintegrationsprogramm besuchen. Schliesslich ist es unser Ziel, dass Sozialhilfeempfänger möglichst schnell Arbeit finden und finanziell wieder unabhängig werden. Oft haben Menschen, die zu uns kommen, nur vorübergehende Krisen, brauchen ein, zwei oder drei Monate Unterstützung.

Was muss ich tun, wenn ich Sozialhilfe beantragen muss?

Informieren Sie sich zuerst über unsere Website oder direkt in unserem Sozialzentrum, was die Voraussetzungen für eine Anspruchsberechtigung sind. Ihr Vermögen darf zum Beispiel nicht grösser sein als 4’000 Franken und Ihr Lohn muss so tief sein, dass das Existenzminimum nicht überschritten wird. Im Sozialzentrum wird man mit Ihnen ein Gespräch führen und Ihnen den Antrag auf wirtschaftliche Sozialhilfe erläutern. Sie müssen über Ihre finanzielle Situation detailliert Auskunft geben und sehr viel Persönliches transparent machen, wie zum Beispiel Kontoauszüge, Lohnausweise oder die finanzielle Situation Ihres Partners. All das benötigen wir, um zu beurteilen, ob Sie Anspruch auf Sozialhilfe haben.

Dass man in einem Sozialzentrum Sozialhilfe bekommt, liegt auf der Hand. Was passiert sonst noch hinter diesen Mauern?

Mauern klingt etwas hart. Auch wenn wir detaillierte Abklärungen machen müssen, sind wir doch in erster Linie ein Ort, wo eine hilfesuchende Person Unterstützung erhält. Wir können ihr aufzeigen, welche Möglichkeiten es im Quartier gibt, was sie in einem ersten Schritt selber lösen kann oder welche konkreten Angebote die sozialen Dienste haben. Wir sind ein Ort, an den man sich hinwenden kann, um Lösungen zu finden.

Führen Sie auch Beistandschaften?

Wir führen Beistandschaften im Auftrag der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB). Das sind beispielsweise ältere Menschen, die ihre Finanzen nicht mehr selber managen können, die vielleicht im Heim leben und Unterstützung in gewissen Lebensbereichen brauchen. Wenn keine oder ungenügende familiäre Unterstützung vorhanden ist, werden professionelle Beistandschaften eingerichtet. Leider gibt es viele ältere Menschen, die niemanden mehr haben, der ihnen im Alltag hilft.

Führen Ihre Sozialarbeitenden auch Beistandschaften für Kinder?

Wenn Familien grössere Probleme haben – Konflikte, psychische Probleme der Eltern, Suchtproblematiken – dann kann das Wohl des Kindes gefährdet sein. Eine Beistandschaft ist in solchen Fällen oft hilfreich. Beiständinnen und Beistände können Eltern entlasten und sie in ihrer Erziehungsarbeit unterstützen. Sie kümmern sich um das Kindswohl, arbeiten dabei aber auch mit den Eltern zusammen. Glücklicherweise sind Platzierungen von Kindern in eine Institution eher selten. Eine Fremdplatzierung wird in Fällen geprüft, wenn Eltern gegenüber ihren Kindern gewalttätig sind oder schwere psychische Erkrankungen haben und deswegen zeitweise in der Psychiatrie leben. Das Ziel ist – wenn immer möglich – den Kontakt zwischen Eltern und Kind aufrechtzuerhalten und gemeinsam mit den Eltern eine Situation zu schaffen, in der die Familie wieder zusammenleben kann. Es gibt auch ambulante Angebote, bei denen Eltern in ihrer Erziehungsarbeit unterstützt werden.

Bieten Sie auch freiwillige Beratungen an, beispielsweise für Eltern, die von sich aus Unterstützung suchen?

Unsere Türen stehen offen für alle. Wenn Sie zum Beispiel Fragen haben zur Erziehung Ihrer Kinder, bieten wir Beratung auf freiwilliger Basis an oder empfehlen Ihnen eine für Sie passende Beratungsstelle. Zu den sozialen Diensten gehören auch die Mütter- und Väterberatungen, die freiwillig und unterstützend sind für Eltern, die in der Stadt leben und Kinder unter fünf Jahren haben.

Kann ich auch zu Ihnen kommen, wenn ich mich sozial engagieren will?

Noch so gerne! Wir suchen immer wieder Freiwillige, zum Beispiel für unseren hauseigenen Schreibdienst. Dieser richtet sich an Menschen, die Hilfe benötigen beim Formulieren von Briefen oder Ausfüllen von Bewerbungen. Wir haben auch eine Kontaktstelle Freiwilligenarbeit. Diese ist im Sozialzentrum Selnau zu finden. Viele Informationen sind auch auf dem Internet zu finden (siehe Infobox).

Wieso sind Sie Sozialarbeiterin geworden?

Ich wurde in meiner Familie sensibilisiert für soziale Themen. Schon als Kind hat es mich betroffen gemacht, wenn Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder ihres gesellschaftlichen Status oder wegen einer Behinderung ausgegrenzt wurden. Als Jugendliche habe ich mich stark für Chancengleichheit interessiert und mich auch in der Freiwilligenarbeit engagiert. Die Sozialarbeit war für mich folglich eine Berufung, nicht nur ein Beruf. Ich bin im Übrigen überzeugt, dass Armut selten selbst verschuldet ist. Wird man in eine reiche oder eine arme Familie hineingeboren? Wie stehen die Chancen, eine gute Ausbildung machen zu können? Gibt es Menschen, die einen bestärken oder aus einer Krise heraus helfen? Wir sollten uns nicht dazu verleiten lassen, aufgrund negativer Einzelfälle die Sozialhilfe in Frage zu stellen. Es ist wichtig, dass wir ein Netz haben, das greift, wenn man durch die Maschen zu fallen droht.

 

Kontaktstelle Freiwilligenarbeit
Sozialzentrum Selnau, Selnaustrasse 17, 8026 Zürich, Telefon 044 412 66 77, Informationen zur Freiwilligenarbeit: www.stadt-zuerich.ch/freiwillige

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