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Quartierleben

Ein Künstler, der keiner sein will

28. März 2018 von

Foto: Fredy Haffner

Hermann Siegrist in seinem Atelier mit einem Modell der Eisenplastik «Räder»: «Sie stilisiert und erinnert an Räder, wie sie im Zürcher Industriequartier entwickelt, gebaut und in alle Welt geliefert wurden».

Foto: Fredy Haffner

Hermann Siegrist (rechts) überwacht die Montage von «Räder» auf dem Park Platz beim ehemaligen Bahnhof Letten.

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28. März 2018

Printausgabe vom
29. März 2018
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Der Höngger Hermann Siegrist hat am 16. Januar auf dem Park Platz, der alternativen Oase beim ehemaligen Bahnhof Letten, seine Eisenplastik «Räder» aufgestellt. Der «Wipkinger» erfuhr in seinem Atelier mehr über ihn, sein Leben und: warum er gar nicht Künstler sein will.

Schnell findet man sich in Hermann Siegrists Atelier inmitten seiner Arbeiten wieder, und ebenso schnell ist man mitten in seiner Lebensgeschichte. Die begann 1947 in Zürich-Wiedikon, wo er aufwuchs und später die Lehre als Elektroniker absolvierte. Bald danach durfte er als Servicetechniker für die noch junge Firma Kontron in Basel eine Filiale eröffnen und die Labors der Chemiemultis mit Geräten beliefern: «Roche hatte gerade das Institut für Immunologie eröffnet und wollte die neuesten Geräte für Mikrobiologie, zum Beispiel solche, die damals erstmals DNS analysieren konnten. Das war die bereicherndste Zeit meiner Kariere», schwärmt Siegrist noch heute.

Dann doch lieber Spanien

Dann stand die Rekrutenschule an, doch für Militär hatte der junge Mann nichts viel übrig. Auswandern war dannzumal einer der Wege, um zu «entkommen». Siegrist erinnerte sich an eine Reise als Jugendlicher nach Andalusien, wo ihn die orientalisch geprägte Kultur und der Flamenco fasziniert hatten, zog hin, um Spanisch zu lernen und dann den Rest der Welt zu entdecken – aber schneller als gedacht war das Ersparte weg. Doch Meister Zufall half: Auf dem Weg zurück in die Schweiz traf er in Genf auf einen früheren Arbeitskollegen, der ihm direkt eine Stelle in Teheran vermittelte. Siegrist griff zu und blieb zehn Jahre im Iran, bis Chomeinis Revolution 1979 Reza Schah Pahlavi hinwegfegte – und mit ihm viele ausländische Firmen. Siegrists Frau, eine Armenierin, stand kurz vor der Geburt des ersten Kindes, als das Paar ausreisen musste. Zurück in der Heimat lernte der junge Vater programmieren und sprang auf den damals gerade anrollenden Siegeszug der Computer auf. Der neue Weg führte ihn bis in Beraterpositionen bei internationalen Konzernen, doch das sei keine gute Zeit gewesen, und so kam ihm dann die mit 58 auferlegte «Frühpensionierung» nicht ungelegen, meint Siegrist. Heute sagt er, er habe nur unkonkrete Vorstellungen davon gehabt, wie er sein Leben neu bereichern könnte. In jener Zeit der mühsamen, doch letztlich erfolgreichen Jobsuche mietete er das Atelier ohne genau zu wissen, wozu.
Kunst war bis zu diesem Zeitpunkt etwas, das Siegrist nur aus der Distanz des Betrachters kannte. Durch seine Frau, die Kunst studiert hatte, hatte er im Iran zwar nahen Kontakt zur dortigen Kunstszene, doch er hatte nie das Gefühl, das es etwas für ihn sei. Als Jugendlicher betrachtete er damals in Andalusien gerne die Werke Picassos, doch selber tätig werden? «Da hatte ein Hauswart der Kunstuniversität in Teheran weniger Hemmungen», erzählt Siegrist, «der schaute den Studenten zu, versuchte es auch, und Mash Esmail Tavakoli wurde ein bekannter Künstler, der an der Art Basel ausstellte, 1994 aber leider verstarb», sinniert er.

Vom Maschendraht zum Armierungseisen

Doch Siegrist wagte sich zuerst nur an «Chügelibahnen» für seine Kinder: «Meine beiden Jungs fanden es schade, dass man die Kugeln auf einer Bahn immer wieder an den Start geben musste, also baute ich ihnen eine Möbiusschleife aus Maschendraht und Papiermaché. Die Bahn richtig bewegend konnten die Jungs nun ihre Kugeln endlos laufen lassen».
Der Maschendraht ebnete quasi den Weg zum Armierungseisen, Siegrists heutigen Hauptmaterial, das ihm farblich, und weil es durch den Rost «lebt» sympathisch ist. Dem Eisen blieb er so treu wie der Möbiusschleife*. Beides, so Siegrist, sei unerschöpflich.
Die erste grössere Skulptur wurde eine Hommage an «La Singla», benannt nach einer berühmten Flamencotänzerin. Die Möbiusschleife gibt perfekt die Bewegung der Tänzerin wieder, man sieht förmlich den wallenden Rock, die wirbelnden Fächer. Kurzerhand platzierte er sie in die Mitte der nahe beim Atelier gelegene Endhaltestelle Werdhölzli, sandte ein Foto davon an das Tiefbauamt, und dieses liess «La Sigla» zu Siegrists Überraschung drei Monate stehen. So unverhofft wie das Tiefbauamt «La Sigla» reagierte, platziert Siegrist mitten im Gespräch: «Ich bin ja kein richtiger Künstler». Wie bitte? «Naja, Künstler haben ihre Theorien, ihre Stile, ihre Bildung, ihre Szenen. Das habe ich alles nicht. Ich versuche einfach, etwas Schönes zu machen, mehr nicht». Den Anspruch, als Künstler bezeichnet zu werden, habe er nicht, und er brauche auch keine Theorien, die akademisch erklären müssten, was hinter seinen Werken stecke.

Ohne Scheuklappen durchs Leben

Auch das Werk «Räder», das nun den Park Platz beim früheren Bahnhof Letten ziert, stand zuerst nur temporär, an einer Ausstellung in der Pfingstweid. Doch wohin danach? Niemand wollte Asyl gewähren. «Dann hörte ich vom Park Platz in Wipkingen, ging hin und war sofort von dem Engagement der jungen Leute begeistert», so Siegrist. «An denen habe ich Freude, die machen und investieren etwas, damit für das Quartier und diesen Ort etwas entsteht». Das andere, diesen leicht anarchischen Ort weniger positiv zu sehen, versteht er nicht: «Es braucht nur etwas Offenheit den Jungen gegenüber. Die verschafft einem auch eine grosse Genugtuung: Wenn man offen ist, gelangt man zu mehr neuen Erkenntnissen als wenn man sich abschottet». Für ihn, der sich in seinem Leben mit vielen Krisen abfinden und sich neu orientieren musste, ob im Beruf oder damals in der Zeit der iranischen Revolution, sind Neuorientierung und die Offenheit dafür zu einem Teil seines Lebens geworden. Für ihn sei es ein Glück gewesen, fremde Länder bereisen und dort leben zu können, sagt Siegrist, denn sonst würde er vielleicht auch mit Scheuklappen durchs Leben gehen. So aber nahm der 70-Jährige an Vorbereitungssitzungen für das Sommerfest 2017 auf dem Park Platz teil und seine «Räder»-Plastik fand Asyl auf der alten Rampe des Bahnhofs Letten.

Erleuchtendes im Atelier

In der Winterzeit verbrachte er nun viel Zeit im Atelier und arbeitete an Modellen. Für grössere Originale fehlt der Platz. Als er durch sein kleines Reich führt, fallen Modelle aus kleinen Autoreifen auf. Die gab es auch in Grossformat: Echte Autoreifen, zu einem «Teppich» zusammengebunden und mitten in eine Schneelandschaft gestellt, Schwarz auf Weiss im Kontrast. Siegrist, der zuvor erwähnt hatte, dass er gerne dereinst eine Skulptur im Verkehrskreisel an der Frankentalerstrasse aufstellen würde, sollte sich vielleicht überlegen, dafür diese Möbiusschleife aus Autoreifen wieder ins Auge zu fassen.
Falls er bis dann nicht als Leuchtendesigner bekannt geworden ist, denn auch solche Objekte fallen im Atelier auf. Warum die nicht längst in einem schicken Möbeldesignhaus stehen? Siegrist lacht nur verlegen: seine eigenen Objekte auf den Markt bringen, nein, das sei nicht so sein Ding. Auch Designer will er offenbar nicht sein, sondern «einfach etwas Schönes machen».

* Stichwort Möbiusschleife, Möbiusband
Man nehme einen Streifen Papier, verdrehe ihn um 180 Grad und klebe die beiden Ende zusammen, fertig ist das einfachste aller Möbiusbänder. Das Konstrukt, benannt nach einem seiner beiden Erfinder, August Ferdinand Möbius, faszinierte auch Künstler wie Max Bill oder M.C. Escher.

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