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Tanzhaus

Faszination der unvollkommenen Schönheit

27. Juni 2018 von

Plakat zum «tanzenden Satyr»
Foto: © Nunzio Impellizzeri Dance Company

Plakat zum «tanzenden Satyr»

Von

Online seit
27. Juni 2018

Printausgabe vom
28. Juni 2018
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Die hellenistische Statue «Tanzender Satyr» inspiriert den in Zürich wohnhaften Choreografen Nunzio Impellizzeri so sehr, dass sie zur Muse für seine neue zeitgenössische Tanzproduktion «Corpo barocco» wurde. Im nächsten Oktober wird das Stück im Tanzhaus Zürich Premiere feiern. Nunzio Impellizzeri im Interview.

Die Statue des «Tanzenden Satyrs» wurde 1998 an der Südwestküste Siziliens aus dem Meer geborgen, nachdem er sich im Schleppnetz eines Fischerbootes verfangen hatte. Er tanzt ohne Arme, mit nur einem Bein und Augen aus Alabaster – und strahlt dabei eine eigenwillige Schönheit aus, völlig ungeachtet seiner Unvollkommenheit. Doch wie kann das Unvollkommene eine derartige Schönheit erzeugen?

Tanzhaus: Nunzio Impellizzeri, erinnern Sie sich an den Moment, als Sie die Statue des «Tanzenden Satyrs» zum ersten Mal gesehen haben?

Nunzio Impellizzeri: Ich stamme aus Sizilien und war, als die Statue gefunden wurde noch an der Kunstschule. Live gesehen habe ich den «Tanzenden Satyr» erst letztes Jahr in einer Dauerausstellung im Museo del Satiro in Mazara del Vallo. Als ich der Skulptur gegenüberstand, hatte ich eine ergreifende Erfahrung. Wie eine Skulptur ohne Arme und einem fehlenden Bein so viel Bedeutung und Schönheit in sich vereinbaren kann, erstaunte mich sehr. Im gegenwärtigen Zustand erinnert mich die Statue nicht an antike griechische Kunst, sondern vielmehr an die übertriebene und dramatische Schönheit, die dem Barock zugeschrieben wird.

Inwieweit beeinflussen barocke Kunstkonzepte ihre Arbeit?

Schönheit wurde im Barock durch das Unvollkommene dargestellt. Defekt, Anomalie und Ausnahme sind zentrale Begriffe. Ein wichtiges Element im barocken Illusionismus ist die Täuschung. Man kann sich nie sicher sein, ob das, was man sieht, Realität oder kunstvoll geschaffene Illusion ist. Mir erscheint diese Art der Darstellung in der heutigen medialen Gesellschaft wieder allgegenwärtig zu sein.

Und wie kommt es zu diesem Titel «Corpo barocco»?

Unser Körper ist das Wichtigste, das wir haben. Er bewahrt unser Leben und unser ganzes Wesen auf. Ein Körper ist in seiner natürlichen Erscheinung schön. Versuche, ihn zu verändern, zu verbessen oder perfekt erscheinen zu lassen, bergen das Risiko, ihn in ein verzerrtes, barockes Bild zu verwandeln. Wir sind von Natur aus unvollkommen. Das macht jeden von uns einzigartig und wertvoll – nur fällt es uns leider oft schwer, daran zu glauben. Deshalb ist es meine choreografische Entscheidung, den Körper und seine Ausdrucksformen – die natürliche Schönheit also – in den Mittelpunkt zu stellen und zu einer natürlichen Synchronie von Schönheit, Körper und Werte werden zu lassen. Dies sind Elemente des Lebens, die heute zunehmend verfälscht werden.

Wo finden Sie Schönheit in Ihrem täglichen Leben?

Das tägliche Leben ist reich an Schönheit, aber Schönheit steht in engem Zusammenhang mit der Bedeutung, die wir ihr beimessen. Ich durfte kürzlich in einer Tanzstunde ein blindes Mädchen anleiten. Sie war physisch sehr starr aufgrund ihrer vielen Ängste. Es gelang mir im gemeinsamen Austausch, ihr Selbstvertrauen zu stärken und wir begannen zu tanzen. Sie löste sich zusehends und während meine «äusseren Augen» sie sicher durch den Tanzraum führten, schaffte ich es, mich durch ihre «inneren Augen» selbst in meinem Inneren besser zu sehen. Dies vereinte uns in beinahe magischer Form. Am Ende der Lektion meinte das Mädchen freudig, dass es heute Schönheit gesehen hätte. Ihr Kommentar berührte mich sehr und ich verstand: Schönheit war für sie das, was sie die Augen ihrer Seele sehen liessen. In dem Moment, in dem unser Herz mit den Augen sieht, sehen wir Schönheit!

«Corpo barocco»
Nunzio Impellizzeri Dance Company
10. bis 14. Oktober 2018 im Tanzhaus Zürich
www.tanzhaus-zuerich.ch
www.nunziodance.com

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