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Quartierleben

Gemeinsames Kochen als Akt der Begegnung

14. Dezember 2016 von

Foto: Dagmar Schräder

Die Tische im Kolonielokal der Baugenossenschaft des Eidgenössischen Personals sind gedeckt.

Von

Online seit
14. Dezember 2016

Printausgabe vom
15. Dezember 2016
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Einmal im Monat treffen sich Quartierbewohnende aus Wipkingen mit Asylsuchenden aus dem Durchgangszentrum zum gemeinsamen Kochen und Essen. Organisiert wird der Anlass von «Refugees welcome in Wipkingen», einer Gruppe von Freiwilligen aus dem Quartier.

In Katharinas Küche wird fleissig gearbeitet. Der dreijährige Jason hilft ihr bei der Vorbereitung eines Kartoffel-Lauch-Gratins. Er wäscht Lauch, schält Kartoffeln und wickelt die Äpfel für das Dessert in Blätterteig ein, nachdem er sie mit süssen Datteln und Rosinen gefüllt hat. Mit Feuereifer ist er auch bei der Sache, als es ums Abwaschen geht. Seine Eltern Vladimir und Miranda verfolgen die kleine Wasserschlacht am Waschbecken mit leichter Sorge und ermahnen ihn immer wieder erfolglos, mit der Spritzerei aufzuhören. «Kein Problem», meint Katharina lachend, «er macht seine Arbeit doch sehr gründlich». Ganz entspannen können sich die Eltern trotzdem nicht, schliesslich sind sie hier zu Gast bei Katharina, einer Person, die sie vor einer guten Stunde zum ersten Mal gesehen haben.

Die eigene Wohnungstür für unbekannte Nachbarn öffnen

Katharina ist eine von rund 15 Wipkingerinnen und Wipkingern, die an diesem Samstagnachmittag dem Aufruf von «Refugees welcome in Wipkingen» gefolgt und gemeinsam vom Treffpunkt am Röschibachplatz zum Durchgangszentrum für Asylsuchende an der Dorfstrasse spaziert sind. Hier haben sie Flüchtlinge aus den verschiedensten Ländern abgeholt, Einzelpersonen, ganze Familien – wer Zeit und Lust hatte, durfte mitkommen. Neben Jasons Familie aus Albanien sind heute Nachmittag Asylsuchende aus Syrien, Afghanistan und Eritrea dabei. Sie alle haben sich anschliessend auf die einzelnen Wohnungen der teilnehmenden Quartierbewohnenden verteilt, um dort den Nachmittag mit ihnen zu verbringen und ein Gericht für das gemeinsame Abendessen vorzubereiten, das am frühen Abend im nahen Kolonielokal der Baugenossenschaft des Eidgenössischen Personals stattfinden wird. Katharina hat Jason und seine Familie mit nach Hause genommen. Etwas harzig ist der Beginn des gemeinsamen Nachmittags verlaufen. Die unbekannte Familie hat mit Katharina eine erste Tasse Tee getrunken, man hat sich vorgestellt, in gebrochenem Englisch die üblichen Fragen beantwortet und war doch noch ein wenig befangen.

Aus Fremden werden Freunde

Doch das Unbehagen währt nicht lange. Beim gemeinsamen Kochen schwindet die anfängliche Distanz schnell, und auch der lebhafte Jason, der im Gegensatz zu den Erwachsenen kaum Berührungsängste kennt, hilft ihnen dabei, ihre Hemmungen zu überwinden. Selbst die Sprachbarriere ist kein wirkliches Hindernis für Verständigung – wo die Englischkenntnisse nicht ausreichen, wird über Gesten und Symbole kommuniziert. Katharina ist bereits zum zweiten Mal bei einem solchen Anlass mit dabei und stellt ihre Küche zur Verfügung. Für sie ist es gerade das Private und Intime des gemeinsamen Kochens in den eigenen vier Wänden, das die Begegnung so besonders macht, ganz anders, als wenn man sich einfach an einem neutralen Ort zum Essen treffen würde. «Mir ist die 1:1-Begegnung mit den Menschen, die im gleichen Quartier wie ich wohnen, sehr wichtig. Mit dem Kochen in meiner Küche möchte ich zudem ein Zeichen der Gastfreundschaft setzen. Gerade hier bei uns in der Schweiz ist es ja durchaus nicht selbstverständlich, jemanden zu sich nach Hause einzuladen, vor allem jemanden, den man noch nie gesehen hat», erklärt Katharina ihre Beweggründe.

Ein Stück «Willkommenskultur» für Wipkingen

Zwei Stunden sind mittlerweile vergangen, der Gratin ist fertig und auch die Äpfel in ihrem knusprigen Schlafrock duften bereits lecker – Zeit, zum Abendessen aufzubrechen. Ein kurzer Spaziergang durchs Quartier und das Kolonielokal ist erreicht. Hier herrscht Hochbetrieb, über 60 Personen haben sich bereits im Saal eingefunden, die Tische sind weihnachtlich dekoriert, es riecht nach Glühwein und selbstgebackenen Keksen. Guy Schicker und Jan-Marc Lehky, die gemeinsam mit anderen den heutigen Anlass organisiert haben, begrüssen ihre Gäste, bevor das Buffet eröffnet wird. Nicht nur die Kochteams sind hier, auch ehemalige Bewohnerinnen und Bewohner des Durchgangszentrums sowie Nachbarn aus der Genossenschaft sind zusammengekommen. Das Buffet ist mit Reis, Pasta und Couscoussalat bereits reich bestückt, der Kartoffelgratin ergänzt das Angebot. Zum Dessert gibt es nicht nur die Äpfel, sondern auch Torte und Guetzli, die eine Gruppe im Kolonielokal selbst gebacken hat. Die Stimmung ist ausgelassen, die Kinder toben um die Tische und stibitzen die Weihnachtsschokolade von den Tischen, die Erwachsenen plaudern fröhlich in allen möglichen Sprachen – eine bunte, friedliche Gemeinschaft. Hinter den Treffen steckt ein loser Zusammenschluss engagierter Wipkingerinnen und Wipkinger, die sich «Refugees welcome in Wipkingen» nennen. Bereits seit rund einem Jahr organisieren die Freiwilligen regelmässig einmal monatlich diese Kochanlässe. «Wir sind ein Kernteam von sieben Freiwilligen, die sich jeweils mit der Organisation der Kochanlässe abwechseln», erklärt Jan-Marc Lehky. «Mit dem gemeinsamen Kochen wollen wir ein Stück <Willkommenskultur> nach Wipkingen holen, Berührungsängste nehmen und Nähe schaffen. Für die Bewohnerinnen und Bewohner des Durchgangszentrums geht es uns darum, ein wenig Normalität in ihrer aussergewöhnlichen Lebenssituation zu schaffen, ihnen zu helfen, sich hier in unserem Quartier wohlzufühlen und ihnen Kontakte in der Nachbarschaft zu ermöglichen, auch wenn sie in den meisten Fällen nicht lange hier wohnen. Deswegen ist es uns wichtig, den Anlass regelmässig zu wiederholen und eine gewisse Kontinuität zu schaffen. Weil wir uns jeden Monat treffen, können die Asylsuchenden, die in der Regel nicht länger als drei Monate im Durchgangszentrum wohnen, mehrmals an einem solchen Anlass teilnehmen und vielleicht sogar bleibende Kontakte knüpfen. Es freut uns daher ganz besonders, dass jedes Mal auch ehemalige Bewohnerinnen und Bewohner für das gemeinsame Kochen und Essen wieder nach Wipkingen zurückkehren».

Wie weiter?

Anfang nächsten Jahres wird sich die Arbeit von «Refugees welcome in Wipkingen» allerdings massgeblich verändern. «Vor zirka zwei Wochen haben wir erfahren, dass das Durchgangszentrum im Februar 2017 schliessen wird», erklärt Jan-Marc Lehky. Momentan kommen – auch aufgrund der Schliessung der Balkanroute – weniger Flüchtlinge in die Schweiz, das Durchgangszentrum wird im Augenblick nicht benötigt. «Wir werden uns überlegen, wie wir mit unserer Arbeit fortfahren können. Wir möchten uns sehr gerne weiter engagieren, selbst wenn hier in Wipkingen kein Durchgangszentrum mehr existiert. Mit Sicherheit gibt es auch weiterhin grossen Bedarf, Begegnungen zwischen den in unserer Stadt Schutzsuchenden und der hiesigen Quartierbevölkerung zu ermöglichen und zu intensivieren. Es bleibt nur zu hoffen, dass das Netzwerk, das wir hier im vergangenen Jahr aufbauen konnten, bestehen bleibt und weiterwachsen kann».

Kontaktadressen:
Wer Interesse hat, selbst einmal mit Flüchtlingen zu kochen und zu essen oder sich anderweitig zu engagieren, ist herzlich eingeladen, mit der Gruppe «Refugees welcome in Wipkingen» Kontakt aufzunehmen. Kontakt per E-Mail: refugeeswipkingen@gmail.com oder über die Facebook-Gruppe «refugees welcome to Zürich»

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