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Gesundheit & Soziales

Herausforderung Demenzkrankheit

27. September 2016 von

Foto: zvg

Beim Essen Gemeinschaft erleben.

Foto: zvg

Rücksichtsvolle Begleitung

Von

Online seit
27. September 2016

Printausgabe vom
29. September 2016
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Wir bemühen uns täglich, unser Leben in Fahrt und uns selber fahrtüchtig zu halten. So beunruhigt uns die Demenzkrankheit, die Vorstellung nämlich, dass unser Alltag oder der unserer nächsten Angehörigen der Kontrolle entgleiten könnte.

Demenzielle Erkrankungen können aber uns alle betreffen. Die ersten Anzeichen stellen sich meist schleichend ein. Gut, wenn wir uns als Angehörige oder Freunde mit der nötigen Umsicht und Gelassenheit den Herausforderungen stellen, welche die Erkrankung mit sich bringt.

Sie kehrte nicht nach Hause zurück

«Wir merkten, dass unsere Mutter nicht mehr kochte. Oder sie hatte ihr Portemonnaie versteckt, nicht mehr gefunden und war aufgebracht, weil sie glaubte, es sei ihr gestohlen worden. Auch andere Dinge liessen uns gelegentlich aufhorchen. Zweimal kehrte sie nicht nach Hause zurück. Bis wir zur Abklärung in die Memory Klinik fuhren. Da wurde bestätigt, dass unsere Mutter den Alltag nicht mehr selbstständig bewältigen kann.» So schildert der Sohn einer Bewohnerin des Pflegezentrums Käferberg die Situation, die schliesslich zum Eintritt führte. Und er erklärt: «Es war für alle besser, als sie schliesslich ins Pflegezentrum kam, wo sie dauernd betreut wird.» Der Entscheid hatte in der Familie allerdings Diskussionen ausgelöst. Während die Notwendigkeit für die beiden Söhne auf der Hand lag, sträubte sich die Schwiegertochter zunächst dagegen. Sie hatte die Mutter regelmässig betreut. Für sie wäre es normal gewesen, bis zuletzt selber für sie zu schauen. Am neuen Ort war die Mutter zuerst nicht glücklich, wie ihr Sohn berichtet: «Sie hat ihre Wohnung vermisst. Sie sagte, alle Leute hier seien komisch, und sie habe kaum Bekannte, mit denen sie über Vergangenes reden könnte. Die Pflegenden würden mit ihr machen, was sie wollen.» Aus Verunsicherung wurde sie, sonst eine sehr liebenswürdige Frau, manchmal aggressiv. Und es dauerte Monate, bis sie sich einleben konnte. Die Pflegenden hatten schliesslich empfohlen, die Mutter nicht mehr so oft nach Hause zu nehmen, damit sie an einem Ort, dem neuen, besser heimisch würde.

Milieutherapie im Pflegezentrum

Demenzkranke Menschen sind nicht mehr in der Lage, ihren Alltag selbstständig zu bewältigen und sich wie gesunde auf ihre Umgebung einzustellen. So hilft es wenig, zu erklären und zu begründen, wenn sich Konflikte anbahnen. Wichtiger ist es, Geduld zu haben, die Beziehung weiter zu pflegen und eine Atmosphäre des Vertrauens zu schaffen. Die Milieutherapie im Pflegezentrum zielt darauf ab, das Umfeld auf die Bedürfnisse der Betroffenen abzustimmen. Dazu gehört die Gestaltung der Räumlichkeiten ebenso wie jene des sozialen Umfelds mit den zwischenmenschlichen Kontakten.

Kleine Gruppen und Gemeinschaft

«Mittelschwer Demenzkranke leben im Pflegezentrum Käferberg in kleinen, überschaubaren Wohngruppen», erklärt Pflegeexpertin Brigitte Hodel Freidig. «Dies erleichtert ihnen die Orientierung und schafft Geborgenheit und Vertrauen. Das Alltagsleben spielt sich vorwiegend in den Gemeinschaftsräumen ab, weshalb bei der Raumgestaltung auf eine familiäre und wohnliche Atmosphäre geachtet wird. Uhren, Kalender und Schautafeln helfen, sich im Alltag zurecht zu finden. Die Räume werden den Jahreszeiten entsprechend dekoriert und an wichtigen Festtagen traditionsgemäss geschmückt, um die Orientierung im Jahreszyklus zu erleichtern. Jede Wohngruppe verfügt über einen geschützten Aussenbereich, wo sich die Bewohnerinnen und Bewohner auch ohne Begleitung im Freien aufhalten können». «Im Tagesablauf nehmen die Mahlzeiten viel Raum ein. Bewohnerinnen, Bewohner und Pflegende essen gemeinsam, und es besteht die Möglichkeit, dass Angehörige und Besucherinnen und Besucher mit ihnen zusammen essen. Demenzkranke Menschen erleben so Gemeinschaft und zwischenmenschliche Kontakte, was auch durch gemeinsame Aktivitäten gefördert wird, wie Kochen, Backen, Singen oder andere Tätigkeiten. Die Essenszeiten helfen zudem, sich im Tagesablauf zu orientieren».

Professionelle Betreuung

Die Betreuung demenzkranker Menschen erfordert viel Geduld, Verständnis, Einfühlungsvermögen und Flexibilität. Und neben den persönlichen Kompetenzen gute Fachkenntnisse. Das Pflegezentrum Käferberg bietet daher Betreuungspersonen im Haus Gelegenheit, die Kenntnisse im Rahmen des Bildungsprojekts «Professionelle Betreuung vom Menschen mit Demenz» zu vertiefen: Theoretische Grundlagen, Themen wie Wesensveränderungen, Wahrnehmungsstörungen und unterschiedliche Gedächtnisformen, Fragen zur Pflege und Betreuung sowie solche zu herausforderndem Verhalten und Aggression.

Verstehen, dann ist alles gut

«Bei uns hilft es, dass wir in der Nähe wohnen und oft hier zu Besuch sind», berichtet der Sohn der besagten Bewohnerin. «Die Begegnung braucht viel Geduld. Anfangs versuchten wir zu argumentieren, wenn die Mutter seltsame Ideen hatte. Aber das brachte nichts. Wir haben damit aufgehört. Wir nehmen sie auf Spaziergänge mit, und an Orte, wo sie sich erinnern kann. Wir müssen versuchen, sie zu verstehen, dann ist alles gut». Trotz schrittweisem Verlust der kognitiven Fähigkeiten, den demenzkranke Menschen erleiden, bleibt ihnen eines bis zum Sterben: die Emotionen.

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