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Quartierleben

Leben im Durchgangszentrum

27. September 2016 von

Foto: Dagmar Schräder

Das Durchgangszentrum an der Dorfstrasse.

Foto: Dagmar Schräder

Der Stundenplan mit den Beschäftigungsangeboten.

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Online seit
27. September 2016

Printausgabe vom
29. September 2016
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An der Dorfstrasse in Wipkingen ist seit Oktober vergangenen Jahres ein Durchgangszentrum für Flüchtlinge untergebracht. Wer sind die Menschen, die hier leben, woher kommen sie und unter welchen Bedingungen leben sie?

Ein unscheinbares Mietshaus an einer Nebenstrasse der Rosengartenstrasse, mehrere Stockwerke hoch, ein schlichtes Schild mit der Aufschrift «Durchgangszentrum» an der Tür. Seit Herbst vergangenen Jahres dient dieses Gebäude dem Kanton als Durchgangszentrum für Flüchtlinge, die in der Schweiz Asyl beantragt haben. Die Zürcher Fachorganisation AOZ betreut die Bewohnerinnen und Bewohner des Zentrums im Auftrag des kantonalen Sozialamts.

Spürbar weniger syrische Flüchtlinge

April Walker ist die Leiterin des Durchgangszentrums an der Dorfstrasse. Sie erklärt, wer die Menschen sind, die bei ihr im Haus leben: «Momentan leben 60 Personen hier bei uns, insgesamt bietet das Haus Platz für 90 Personen. Während das Zentrum Ende des letzten Jahres teilweise bis an seine Kapazitätsgrenzen und sogar darüber hinaus gefüllt war, sind die Bewohnerzahlen derzeit rückläufig. Bei der Inbetriebnahme im Herbst 2015 waren hier hauptsächlich syrische und afghanische Familien untergebracht, doch seit der Schliessung der Balkanroute im Frühling kommen deutlich weniger Flüchtlinge aus diesen Ländern in die Schweiz», führt Walker aus. Aktuell stammen die Bewohnerinnen und Bewohner aus acht verschiedenen Ländern, neben Syrien und Afghanistan sind dies die afrikanischen Staaten Somalia, Eritrea und Marokko, daneben Sri Lanka sowie Albanien und Kosovo. Die meisten von ihnen sind junge, allein reisende Männer, viele haben Frauen und Kinder, die sie in ihren Heimatländern zurücklassen mussten. Zwei Bewohnerinnen, die ohne ihre Partner geflüchtet sind, leben mit ihren neugeborenen Säuglingen im Zentrum, beide Babys sind in Zürich geboren.

Vom Empfangszentrum über das Durchgangszentrum in die Gemeinden

Für all diese Personen ist die Dorfstrasse die zweite Station in der Schweiz: nach ihrer Einreise waren sie zunächst einige Wochen in einem Empfangs- und Verfahrenszentrum des Bundes untergebracht, bevor sie dort dem Kanton Zürich zugewiesen wurden und nun für einige Monate im Durchgangszentrum leben. «Falls die Asylsuchenden in diesem Zeitraum keinen negativen Asylbescheid erhalten – was eher selten der Fall ist, weil die meisten Verfahren länger dauern – werden sie anschliessend auf die verschiedenen Gemeinden im Kanton verteilt. Welche Gemeinde das im Einzelfall ist, bestimmt die Platzierungsstelle der kantonalen Asylkoordination. Etwa ein Viertel der momentanen Bewohner des Hauses kann in der Stadt Zürich bleiben. In welche Gemeinde sie kommen, erfahren die Betroffenen jedoch erst am Tag ihrer Abreise», erklärt Walker.

Leben mit 13 Franken am Tag

Die Asylsuchenden an der Dorfstrasse sind also jeweils nur für relativ kurze Zeit hier. Während ihres Aufenthalts leben sie in einer der sieben Dreizimmer-Wohnungen des Hauses gemeinsam mit maximal 14 anderen Personen. In einem Zimmer wohnen bis zu sechs Asylsuchende. Frauen und Männer wohnen getrennt, Familien bleiben aber zusammen. Alle Bewohnerinnen und Bewohner einer Wohnung teilen sich ein Badezimmer, eine separate Toilette sowie die Küche. Einen Gemeinschaftsraum mit TV und Spielecke für die Kinder haben die Asylsuchenden und die Mitarbeiter der AOZ im Erdgeschoss des Gebäudes in Eigenregie gestaltet. Kochen, waschen und einkaufen müssen die Bewohnerinnen und Bewohner selbst. Jeder erwachsene Asylsuchende erhält dafür vom Kanton eine finanzielle Unterstützung von 13 Franken pro Tag, mit der nicht nur die Lebensmittel, sondern auch Kleidung, Transport und sonstige Lebenshaltungskosten finanziert werden müssen.

Aktives Quartier

Weil dieser Betrag etwas knapp bemessen ist, um ein Leben in Zürich zu finanzieren, sind die meisten Asylsuchenden froh um Sachspenden der Bevölkerung. Viele Wipkingerinnen und Wipkinger haben sich dies zu Herzen genommen und sind gerne bereit, zu spenden. «Als das Durchgangszentrum im vergangenen Herbst eröffnet wurde, war die Solidaritätswelle im Quartier enorm und wir haben sehr viele Spenden, vor allem Kleiderspenden, erhalten», berichtet Walker. Aufgrund der grossen Spendenbereitschaft ist der Bedarf an Kleidung momentan gedeckt, vor allem auch, weil der Lagerplatz im Durchgangszentrum sehr begrenzt ist. «Wenn wir gezielt etwas suchen, etwa einen Schulthek für Kinder oder bestimmte Artikel für Babys, dann wenden wir uns per Internet oder E-Mail an die freiwilligen Unterstützer hier im Quartier. In den meisten Fällen finden wir schnell, was wir suchen.» Ganz allgemein ist Walker sehr angetan vom Engagement der Wipkingerinnen und Wipkinger. «Wir erleben Wipkingen als ein sehr offenes und hilfsbereites Quartier. Bis jetzt haben wir hier an diesem Standort kaum negative Erfahrungen gemacht – ganz im Gegenteil. Neben den Sachspenden gibt es eine ganze Reihe von freiwillig Engagierten, die für die Flüchtlinge die verschiedensten Aktivitäten anbieten.» Einmal im Monat etwa organisiert «refugees welcome» einen gemeinsamen Nachmittag für Quartierbewohner und Flüchtlinge. An diesem Tag laden Menschen aus dem Quartier Flüchtlinge aus dem Durchgangszentrum für ein paar Stunden zu sich nach Hause ein, um dort gemeinsam eine Mahlzeit für den Abend zuzubereiten. Abends treffen sich dann alle Kochgruppen in einem Gemeinschaftsraum in Wipkingen, essen zusammen, plaudern, lernen sich kennen. Darüber hinaus existieren zahlreiche weitere Begegnungsprojekte, sowohl von Institutionen als auch von Privatpersonen initiiert. Eine pensionierte Kindergärtnerin etwa kommt ins Zentrum, um mit den Kindern zu spielen, andere Freiwillige organisieren Spielabende für Erwachsene, es gibt Yogakurse, Fussballturniere und Fitnessangebote speziell für die Flüchtlinge. Auch die Kirchgemeinden sind sehr aktiv.

Wunsch nach Beschäftigung

«Das Angebot, das die Freiwilligen hier aufgebaut haben, ist toll», meint Walker, «und die Bewohnerinnen und Bewohner nehmen die Angebote sehr dankbar an». Generell sind die Erwachsenen, die im Haus leben, froh um Abwechslung in ihrem Alltag. Während Kinder im schulpflichtigen Alter in den Schulhäusern Letten und Riedtli den Unterricht besuchen können, haben die Erwachsenen, abgesehen von den sechs Lektionen Deutsch, welche die AOZ wöchentlich für sie anbietet, nur wenig Beschäftigungsmöglichkeit. «Für die meisten wäre es ein echtes Bedürfnis, möglichst bald einer geregelten Arbeit nachgehen zu können. Mit dem Status ˂N˃, den die Flüchtlinge während des laufenden Asylverfahrens haben, ist dies jedoch nicht möglich, es gibt grundsätzlich keine Erwerbsarbeiten, für die sie eine Arbeitsbewilligung erhalten», erläutert Walker die Situation.

Der Traum von einem Leben in Sicherheit

Auch Hassan* aus Somalia, sowie Karim und Sarah aus Eritrea äussern diesen Wunsch. Sie sind alle seit wenigen Monaten in der Schweiz und glücklich, zumindest vorläufig angekommen zu sein und nicht mehr um ihr Leben fürchten zu müssen. Alle haben sie Familie und Freunde zurückgelassen und Monate bis Jahre auf der Reise in die Schweiz verbracht, sind in den verschiedensten Ländern gestrandet, teilweise gar verhaftet und gefoltert worden. Alle drei haben die Schweiz auf der gefährlichen Route per Schiff über das Mittelmeer erreicht, dabei ihr Leben riskiert und mit ansehen müssen, wie andere weniger Glück hatten als sie. Sichtlich gezeichnet berichtet etwa Sarah in gebrochenem Englisch, wie sie in die Schweiz gekommen ist. Sie erzählt von ihrer langen Reise von Eritrea über den Sudan und quer durch die Sahara nach Libyen, von wo sie sich, alleine mit ihrem neunjährigen Sohn und mit dem zweiten Kind schwanger im Mai dieses Jahres per Boot auf den Weg über das Mittelmeer Richtung Europa machte. Das Unglück nahm seinen Lauf, ihr Boot sank, nur wenige Passagiere konnten sich retten. Sarah musste mit ansehen, wie ihr Sohn in den Fluten verschwand und konnte sich selbst nur mit Mühe über Wasser halten. Nach fünf Stunden im Wasser wurde sie schliesslich gerettet. Nun sitzt sie hier, in Wipkingen, völlig auf sich allein gestellt und hält ihren neugeborenen Sohn im Arm. «Moses» hat sie ihn getauft. Ihr Schicksal ähnelt demjenigen so vieler Flüchtlinge, die in diesen Tagen, Wochen und Monaten unterwegs nach Europa sind. Wie Hassan, Karim und all die anderen Geflüchteten träumt sie nun nur davon, ihre traumatischen Erlebnisse hinter sich lassen zu können und hier in der Schweiz ein neues Leben beginnen zu dürfen.

(*alle Namen von der Redaktion geändert.)

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