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Quartierleben

Porträt eines Meilensteins

28. März 2018 von

Foto: Filip Birchler

Das Kraftwerk von aussen.

Foto: Filip Birchler

Die beiden Generatoren arbeiten mit je zwei Megawatt.

Von

Online seit
28. März 2018

Printausgabe vom
29. März 2018
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Das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich, kurz ewz, ist seit seiner Gründung 1892 für die Stromversorgung der Stadt zuständig. Anfang nahm alles hier, in Wipkingen, mit der Errichtung des Kraftwerks Letten, das im letzten Jahr sein 125-Jahre-Jubiläum feierte.

Die Geschichte des elektrischen Stromes erzählt sich am besten, wenn man zum Vergleich die Welt vor seiner technischen Nutzung beschreibt. Dunkel wars, damals, in der Nacht des mittelalterlichen Zürichs. Nachtbuben und Finsterlinge trieben unter dem schützenden Deckmantel der Finsternis ihr unheilvolles Unwesen. Es würde bis in das Jahr 1778 dauern, dass der Rat zwischen dem Rathaus und der Hauptwache die erste, zaghafte Öllaterne aufstellte. Einige Ladenbesitzer folgten seinem Beispiel. An einer Bürgerversammlung im Jahre 1806 wurde schliesslich beschlossen, 160 Laternen, in sichtbarem Abstand in der ganzen Stadt verteilt, aufzustellen. Die Ölfunzeln wurden 1856, nach Errichtung des Gaswerks, dem Verlegen von Gasleitungen und der Gründung der Gasaktiengesellschaft durch den Ingenieur Riedinger aus Bayreuth, von helleren und weniger russenden Gaslampen abgelöst. Am Sechseläuten 1855 dann folgendes Schauspiel: Die verblüfften Zürcher Stadtbürger wurden Zeugen, wie zwei riesige Scheinwerfer vom Turm des Grossmünsters aus die Stadt beleuchteten. Zum ersten Mal wurde man jetzt auf die Möglichkeiten des elektrischen Lichts aufmerksam. Von vielen Leuten, allen voran den Vertretern der Gasindustrie, wurde die Elektrizität aber als unnötiger und viel zu teurer Luxus abgetan, in ihren Augen eine moderne Extravaganz, die der Gasbeleuchtung niemals ernsthafte Konkurrenz würde bereiten können. Wie sie sich irrten. Es war die Zürcher Hotellerie, die erstmals den Bedarf an elektrischem Licht äusserte, um ihre Gäste vor dem Gestank der Petroleumlampen in den Esssälen zu bewahren. Nach und nach meldete auch die Industrie Interesse an, allen voran die Textilindustrie, und schliesslich feierte die Elektrizität ihren Einzug in den alltäglichen Haushalt. Mit dem 1876 erfundenem Telefon, das noch auf dem Prinzip der Galvanik beruhte, wurde das elektronische Zeitalter eingeläutet. 1866 erfand Werner von Siemens den ersten Generator zur Stromproduktion, und die Revolution war perfekt. Lampen, die nun mithilfe von Elektrizität leuchteten, waren um einiges heller als die Gaslaternen. Elektrische Strassenbahnen lösten die Rösslitrams ab, was dazu führte, dass die Trams nun auch den Zürichberg schafften, und die Elektrizität führte zu einer «Komfortisierung» des Haushalts – Staubsauger, Bügeleisen, elektrische Raumheizung, Fernseher, Mixer, Toaster, was wären wir heute ohne sie? Mit dem wachsenden Bedarf an Strom, musste nun eine Gesellschaft gegründet werden, die der Stadt die Herstellung von und die Versorgung mit Elektrizität garantieren konnte. So wurde nach einer Stadtratssitzung am 4. Juni 1890 die Errichtung eines Elektrizitätswerkes im Letten beantragt. Am 28. Dezember desselben Jahres stimmte die Gemeindeversammlung dem im August gestellten «Antrag auf Einführung der elektrischen Beleuchtung» zu. Der Bau des Wasserkraftwerks Letten wurde 1892 fertiggestellt. An dem Ort, wo vorher ein Wasserwerk die Stadt mit Trinkwasser aus dem Grundwasser unterhalb der Limmat versorgte, prangte nun das erste Elektrizitätswerk der Stadt, von einigen Wissenschaftlern als die «Keimzelle für Zürichs Entwicklung» bezeichnet. Das Kraftwerk an der Limmat, in Wipkingen, markierte die Geburtsstunde des ewz, das seither ständig gewachsen ist und sich, durch die Beteiligung an weiteren Kraftwerken an der Limmat, aber auch in Mittelbünden und im Bergell etabliert hat und seit jeher vermochte, die wachsende Industrie in Zürich sowie Teile von Graubünden mit Strom zu versorgen.

Ein Blick hinter die Kulissen

Heute produziert das inzwischen denkmalgeschützte Kraftwerk Letten allein pro Jahr genügend Strom, um in der Stadt Zürich alle Strassen- und Weglampen, inklusive allen Festbeleuchtungen von Brücken, Kirchen, etc., zu beleuchten. In Zahlen entspricht dies einer durchschnittlichen Jahresproduktion von 21 Gigawattstunden. Zum Vergleich, die beiden anderen Limmatkraftwerke: Das Kraftwerk Wettingen produziert 135 GWh pro Jahr und das Kraftwerk Höngg deren acht. Umweltfreundlich produzierter Strom wird von ewz mit den Qualitätslabels «naturemade basic» und «naturemade star» ausgezeichnet. Ein Rappen pro verkaufter Kilowattstunde von «naturemade star», dem sogenannten Ökostrom, fliesst in einen Fonds, aus diesem ökologische Aufwertungen, wie z.B. die Renaturierung von Flussläufen oder die Revitalisierung von Ökosystemen, bezahlt werden. Hergestellt wird der Ökostrom im Kraftwerk Letten von den beiden riesigen Generatoren, die in der Halle des Maschinenhauses unermüdlich arbeiten. Tatsächlich liegt das monotone Pfeifen der Maschinen, so penetrant es auch wahrgenommen wird, aber im Bereich des Legalen – unter 80 Dezibel – und somit Unschädlichen. Für die zusätzliche Sicherheit der Arbeiter ist mit Ohrstöpseln gesorgt. Es sind achtzehn Männer, die standortübergreifend für die Wartung der Maschinen und der Betreibung der drei Limmatkraftwerke Höngg, Letten und Wettingen zuständig sind. Gemäss Christoph Busenhart, dem Leiter Kraftwerke an der Limmat bedarf es mindestens eines Dutzends an ausgebildeten Arbeitskräften, die im Falle von Hochwasser oder bei einem Wehrversagen zum Einsatz kommen können. Aus diesem Grund dürfen sich sämtliche Mitarbeiter, die im Bereitschaftsdienst eingeteilt sind, nicht weiter als dreissig Minuten von Zürich entfernt aufhalten und müssen während der Pikettwoche rund um die Uhr abrufbereit sein. Zum Glück kommt es aber nur alle vier bis fünf Jahre zu einem Hochwasser, und Überschwemmungen konnten bis jetzt, bis auf ein paar Ausnahmen, so beim Jahrhunderthochwasser 1999, verhindert werden.

Die Zürichseeregulierung als Beihilfe zur Stromproduktion

In den Jahren 1951/52 wurde das Kraftwerk Letten komplett umgebaut. Der Umbau hatte nicht nur die bedeutende Erhöhung der Leistungsfähigkeit der Generatoren zum Ziel, sondern auch die Einbindung des Kraftwerks in eine neue Aufgabe: Der Regulierung des Zürichsees. Das ewz übernahm die Verantwortung für die seit Jahrhunderten existierenden Bemühungen, durch bessere Abflussverhältnisse im Limmatbett die Hochwasserstände des Zürichsees zu kontrollieren. Als Abflussorgane dienen hierbei: Das Kraftwerk Letten, die beiden modernen Dachwehre beim Platzspitz und der Schanzengraben. Je nach Niederschlag und Wassermenge im Einzugsgebiet des Zürichsees, wird mehr oder weniger Wasser aus dem See gelassen, um den Wasserpegel auf der Kote zu halten – gemäss Reglement über die Zürichseeregulierung, welches 1977 vom Bundesrat festgelegt wurde. Dank dieser Regulierung betragen die geplanten Schwankungen des Zürichseepegels heute im Schnitt mit einem halben Meter nur noch einen Bruchteil der Schwankungen zu Anfang des 20. Jahrhunderts. In den 1910er Jahren, als man damit anfing, rund um den See bis an das Ufer hinunterzubauen, wurden die ersten Anforderungen an eine Zürichseeregulierung laut. Die Schwankungen des Wasserpegels betrugen damals bis zu zwei Meter. Für den Abfluss des Wassers errichtete man damals beim Platzspitz ein Nadelwehr. Die einen halben Meter breiten und bis zu vier Meter langen, hölzernen «Nadeln» des Wehrs mussten in mühsamer Handarbeit aus dem Wasser gezogen werden, wollte man Wasser abfliessen lassen. Bei diesem Vorhaben liessen etliche Arbeiter ihr Leben. Das Nadelwehr wurde deshalb durch ein moderneres Dachwehr ersetzt, dessen Bedienung einfacher war und die heute automatisiert ist. Die Sanierung dieses Dachwehrs ist das nächste grosse Projekt beim Kraftwerk. Die Sanierung findet unter der Leitung der Eigentümerin der Wehre, dem Amt für Wasser, Energie und Luft des Kanton Zürich (AWEL) statt.
Heutzutage ist die grösste Gefahr bei der Seeregulierung, dass der Fluss bei einem drohenden Hochwasser bei der Rathausbrücke für eine Vorabsenkung des Zürichsees nicht schnell genug abfliesst, da die Limmat dort wegen der Rathausbrücke sehr eng ist. Im Moment ist dies aber der einzige Risikofaktor: Geht man im Maschinenraum des Kraftwerks Letten eine Metalltreppe hoch, so findet man im Büro, wie mithilfe von Grafiken und unzähligen elektrischen Schaltanlagen die ganze See- und Dachwehrregulierung automatisiert überwacht und betrieben wird. Fehler sind dank der ausgereiften Technik kaum möglich.

Weitere Aufgaben des Kraftwerks

Das Hauptgebäude des Kraftwerks, also das Maschinenhaus mit den beiden Generatoren, befindet sich zwischen einem Oberwasser- und einem Unterwasserkanal, wobei der Unterwasserkanal viel tiefer liegt. Das Limmatwasser strömt durch einen sogenannten Einlaufrechen unter das Gebäude, wo es eine Turbine antreibt, die wiederum den Generator zum Drehen bringt. Durch das Auslaufbauwerk strömt das Wasser wieder raus, in den Unterwasserkanal. Am Anfang arbeitete das Kraftwerk mit zwei einfachen 200-kW-Wechselstrommaschinen. 1951 wurde es für die Seeregulierung umgebaut und im gleichen Zug ein neues Maschinenhaus errichtet. Die letzte Modernisierung erfolgte im Jahre 2003. Das gesamte Gebäude, einschliesslich der Rechenanlage, konnte aber so belassen werden, wie es war. Heute ist alles digitalisiert und automatisiert.
Das Kraftwerk liegt mittig zwischen den beiden Badeanstalten Oberer und Unterer Letten. Unscheinbar, wie es auf den ersten Blick ist, wird es einfach als Teil des Stadtbilds von Wipkingen wahrgenommen. Was sich aber viele Badi-Gäste im Sommer nicht mehr bewusst sind, ist, dass ohne das Kraftwerk, der Letten-Kanal und somit die Badis nicht existieren würden. Die Modernisierung Anfang der 1950er Jahre hatte nämlich eine Erhöhung des Damms zur Folge, was die Erbauung der Badeanlagen überhaupt erst ermöglichte. Auch ist die Architektur des Baus selbst nicht so unscheinbar, wie man vielleicht denken möchte. Das Gebäude steht unter Denkmalschutz. Das Kraftwerk hat zudem seine ursprüngliche Rolle als Wasserwerk noch nicht ganz aufgegeben, so lagern dort einige Wasserhahnenbatterien, mit denen die Bewohner aus dem Notwassernetz von Zürich Trinkwasser bei den Notbrunnen beziehen können. Dies für den Fall, dass dem Zürcher Hauptwassernetz etwas widerfährt.
Ebenfalls erwähnenswert ist der Fischaufstieg, auch Fischtreppe genannt, durch deren Errichtung das Kraftwerk mit dem ökologischen Qualitätssiegel «naturmade star» ausgezeichnet worden ist. Durch diesen Fischaufstieg ist der Lebensraum der Fische vom Rhein über die Aare bis zum Zürichsee wieder vernetzt. Es handelt sich hierbei um 33 Fischarten und vier bis fünf Krebsarten, die mühelos über die Treppe auf die andere Seite gelangen können. Direkt neben der Fischaufstiegshilfe befindet sich der Einlaufrechen, an dem sich der aus der Limmat treibende Müll sammelt. Hier wurden bei den jährlichen Reinigungen schon Fahrräder, Einkaufswagen und Mülleimer geborgen. Der grösste Teil des Abfalls bleibt aber im Zürichsee zurück. Nur während Anlässen wie der Streetparade kommen im Einlaufrechen grosse Mengen Abfall zusammen. Meistens wird jedoch Schwemmholz und Laub sowie die eine oder andere PET-Flasche angeschwemmt.

Schweizer Wasserkraft – in der Krise?

Nochmals kurz zurück zu den Generatoren: Die beiden mit je zwei Megawatt arbeitenden, blauen Generatoren sind fünfzehn Jahre alt. Sie mussten am Anfang des Jahrtausends für die digitale Automatisierung angeschafft werden. Dafür befinden sie sich jetzt auf dem höchsten Stand der Technik. Wie aber sieht die Zukunft der Wasserkraft aus? ewz glaubt weiterhin an die Wasserkraft. Ihre Zeit wird wieder kommen. Zurzeit hat es einfach zu viel Strom auf dem europäischen Strommarkt, und die Preise sind unter den Gestehungskosten der Wasserkraftwerke gefallen. 126 Jahre gibt es das Wasserkraftwerk Letten nun, den Grundstein der Zürcher Energieversorgung. Es wäre schade, müsste dieser Meilenstein der Stadtgeschichte äusseren Einflüssen weichen. Das Licht der Stadt soll weiterhin aus dem denkmalgeschützten Vorzeigekraftwerk von Wipkingen kommen.

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