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Sozialzentrum Hönggerstrasse

Sozialhilfe im Wandel

29. März 2017 von

Foto: Alessandra Keremis, Soziale Dienste Stadt Zürich

Thomas Spescha arbeitet als Jurist im Fachstab Wirtschaftliche Hilfe, Sozialzentrum Hönggerstrasse.

Von

Online seit
29. März 2017

Printausgabe vom
30. März 2017
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Thomas Spescha arbeitet seit 1993 beim Sozialdepartement der Stadt Zürich. Seit 2014 ist er Jurist im Fachstab Wirtschaftliche Hilfe im Sozialzentrum Hönggerstrasse. Die stetigen Veränderungen in der Sozialhilfe halten ihn auf Trab und fordern ihn immer wieder neu heraus.

Interview: Stefanie Stalder

Stefanie Stalder: Was interessiert dich besonders an deiner Tätigkeit?

Thomas Spescha: Bereits während dem Gymnasium wollte ich Jurist und Rechtsanwalt werden. Im Verlaufe des Studiums relativierte sich dieser Wunsch, da mich nur ein kleiner Teil der Vorlesungen begeisterte. Nach dem Lizenziat wollte ich daher nicht mehr die klassische Juristen-Laufbahn einschlagen, vielmehr suchte ich eine Arbeit an der Schnittstelle zwischen Recht und Sozialwesen. Schon als Kind hatte ich engen Kontakt mit Kindern und Jugendlichen mit geistigen und körperlichen Behinderungen, da meine Eltern im Bündnerland ein Schulheim leiteten. Seit meiner ersten Anstellung beim damaligen Fürsorgeamt der Stadt arbeite ich nun schon über zwanzig Jahre in verschiedenen Funktionen für das Sozialdepartement, und es ist noch nie langweilig geworden. Die Stadtbewohnerinnen und Stadtbewohner werden ständig mit neuen Herausforderungen konfrontiert, auf die häufig auch die öffentliche Sozialhilfe Lösungen finden muss.

Wie hat sich die Sozialhilfe in den letzten 25 Jahren verändert?

Auch im Bereich der Sozialhilfe findet eine stetige Verrechtlichung statt. Bei meinem Berufseinstieg gab es abgesehen vom kantonalen Sozialhilfegesetz kaum schriftliche Vorgaben für die Ausrichtung persönlicher oder finanzieller Unterstützung. Auch die Richtlinien der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe umfassten nur wenige Seiten. Dies verlangte von den fallführenden Sozialarbeitenden hohe Selbstständigkeit, um bei der Ausrichtung der Sozialhilfe nachvollziehbare Entscheide zu fällen. Gleichzeitig musste und muss dabei die rechtsgleiche Behandlung gewährleistet werden. Als gesamtstädtische Organisation ist es uns ein Anliegen, bei identischer Ausgangslage auch die gleiche Unterstützung auszurichten; unabhängig davon, ob eine Person durch das Sozialzentrum Hönggerstrasse oder ein anderes der vier Sozialzentren betreut wird. In den letzten zwanzig Jahren wurde zur Förderung der Rechtssicherheit und des Gleichbehandlungsgebots ein umfangreiches Regelwerk für die Ausrichtung von Unterstützungsleistungen erarbeitet.

Wie sieht deine tägliche Arbeit im Fachstab Wirtschaftliche Hilfe aus?

Unser Team besteht aus den zwei Fachbereichen Sozialhilfe und Sozialversicherungen. Im Bereich Sozialversicherungen vertreten wir unterstützte Personen vor allem gegenüber der Invalidenversicherung. Im Bereich Sozialhilfe halten wir das interne Regelwerk aktuell, arbeiten bei Projekten mit und führen interne Schulungen durch. Daneben beansprucht die Beratung der Sozialarbeitenden einen Grossteil meiner Arbeitszeit. Diese können sich an uns wenden, wenn sie in einer Situation im Arbeitsalltag Support brauchen. Persönlich werde ich vor allem bei juristischen Fragen zur Sozialhilfe beigezogen, da es zu meinen Aufgaben gehört, die Rechtsprechung in diesem Bereich zu beobachten.

Was sind aktuell die brennenden Themen in der Sozialhilfe? Und mit welchen neuen Herausforderungen ist die Sozialhilfe zukünftig konfrontiert?

Immer mehr entwickelt sich die Sozialhilfe zu einem Sozialrentensystem. Entgegen ihrem ursprünglichen Zweck muss sie oft nicht nur kurzfristig, sondern über Jahre ausgerichtet werden. Der Arbeitsmarkt nimmt vor allem Personen mit einem physischen, psychischen oder sozialen Handicap immer seltener dauerhaft auf. Daran ändern auch die verstärkten Integrationsbemühungen der Invalidenversicherung leider nur wenig. Denn gleichzeitig sparen die Sozialversicherungen immer mehr. Kurzfristig mögen diese Massnahmen Einsparungen bringen. Langfristig belasten sie jedoch die Finanzen der Gemeinden, da diese für die Ausrichtung der Sozialhilfe zuständig sind. Als letztes Netz sind wir als Teil der Solidargemeinschaft Schweiz verpflichtet, Personen beratend und finanziell aufzufangen, die durch das vorgelagerte Netz der Sozialversicherungen fallen. Momentan beobachte ich einen Verteilkampf, der auf Ebene der Staaten beginnt, aber auch die Wirtschaft und die Gesellschaft erfasst hat. Die Solidarität zwischen Reich und Arm, Gesund und Krank, Gebildet und Ungebildet nimmt ab. Ich hoffe weiterhin, dass dieser Trend zur Entsolidarisierung gestoppt und umgekehrt werden kann.

Zum Schluss: Gibt es ein aussergewöhnliches Erlebnis aus deinem Arbeitsalltag?

Früher arbeitete ich hauptsächlich für die Einsprache-Instanz der Sozialbehörde. Damals musste ich die Einsprache eines betagten Ehepaars behandeln, das aufgefordert worden war, seine über 3’000 Franken teure Mietwohnung zu kündigen und eine günstigere Wohnung zu suchen. Ursprünglich hatten sich die knapp achtzigjährigen Eheleute diese Wohnung problemlos leisten können. Sie hatten aber ihr ganzes Vermögen in der Höhe von mehreren Millionen Franken wegen Betrügern verloren, denen der Ehemann aufgesessen war. Deshalb war das Ehepaar plötzlich auf Sozialhilfe angewiesen, und eine derart teure Miete konnte nicht mehr finanziert werden. Das Ehepaar war nicht einverstanden, eine günstigere Wohnung zu suchen und erhob Einsprache. Es fiel nicht leicht, diese Einsprache zu bearbeiten, weil das Ehepaar fortgeschrittenen Alters und Opfer von Betrügern war. Das Einsprache-Verfahren verläuft in der Regel schriftlich, aber ausnahmsweise führte ich mit dem Ehemann ein Gespräch. Ich konnte ihm seine Angst vor dem Wohnungsverlust und vor den Umtrieben eines Umzugs etwas nehmen und ihm zudem diverse Unterstützungsangebote aufzeigen. Dadurch konnte das Ehepaar die Abweisung seiner Einsprache akzeptieren. Ein paar Monate später erhielt ich vom Ehemann einen Brief, in dem er sich für die Unterstützung bedankte. Er und seine Frau hätten eine Alterswohnung in der Nähe ihrer bisherigen gefunden, und auch der Umzug habe tipptopp geklappt. Sie würden sich in der neuen Wohnung sehr wohl fühlen. Das war für mich eine grosse Erleichterung!

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