Überbauung Kronenwiese – Satellit oder neuer Quartierteil?

Das Baugerüst im Südflügel ist abgebaut, die rekordträchtigen Besichtigungsschlangen haben Aufsehen erregt und bald fahren die ersten Zügelwagen vor. Höchste Zeit für eine erste Einschätzung des markanten Gebäudes.

Roland Hurschler, Vorstand Grüne Kreis 6/10

Die Wohnungsnot in Zürich bleibt ein zentrales Thema, wenn auch nicht im gleichen Ausmass wie 2008, als die Bevölkerung der Umzonung des unteren Teils der Kronenwiese zugunsten einer Arealüberbauung zugestimmt hat. Damals standen auf Stadtgebiet lediglich 57 Wohnungen leer. Dieses Jahr waren es im Juni 484 freie Wohnungen, im ganzen Kanton Zürich über 6000. Dies erklärt mitunter die damalige Zustimmung zu Umzonungen und Gestaltungsplänen mit sehr hoher bis maximaler Dichte wie der Kronenwiese oder dem Freilager in Albisrieden. Wie quartierverträglich diese Lösungen sind wird die Zukunft zeigen. Der «Fall Ringling» beweist, wie sich die Sensibilitäten geändert haben und Quartierinteressen wieder stärker gewichtet werden, auch wenn die späte Entscheidung gegen das Projekt fragwürdig ist.

Chancen und offene Fragen

Die Stadt Zürich ist, im Vergleich mit ähnlich grossen Städten, eindeutig unterversorgt mit Grünräumen. Mit der Kronenwiese ist die zweitletzte, ökologisch wertvolle Brache in der näheren Umgebung von Wipkingen verschwunden. Die letzte, das Gebiet um den Bahnhof Letten, wird auf unbefristete Zeit zwischengenutzt. Was erhält das Quartier im Gegenzug? Einerseits ein ökologisch und ästhetisch vorzügliches Gebäude mit sehr hoher Wohnqualität. Mehr Leben und bessere Aufenthaltsqualität: Günstige Gewerbeflächen – inklusive einem neuen Café – können die Kreuzung Nordstrasse/Kornhausstrasse beleben, falls auch die Verkehrssituation entsprechend angepasst wird. Die Kreispartei Grüne 6/10 hat hierzu diverse Eingaben für neue Fussgängerstreifen, Anpassung der Velowege sowie zur besseren Gestaltung des Strassenraums gemacht. Mehr Vielfalt: Ein Drittel der Wohnungen ist subventioniert. Zudem sind zehn Wohnungen für die Asyl-Organisation Zürich (AOZ) reserviert. Somit erhalten Menschen die Möglichkeit im Quartier zu wohnen, denen dies aufgrund der deutlich gestiegenen Mieten verwehrt geblieben wäre. Öffentliche Infrastruktur: Ein Doppelkindergarten/Hort sowie eine Krippe sind eine willkommene Ergänzung des diesbezüglichen Angebots im kinderreichen Wipkingen. Zu hoffen ist, dass möglichst viele Familien aus der näheren Umgebung bei der Vergabe der Wohnungen berücksichtigt wurden. Sowie dass die neu geschaffenen Betreuungs-, Gewerbe- und Atelierräume in einem ausgewogenen Mix auch für die Quartierbewohnerschaft ausserhalb der Siedlung zur Verfügung stehen.

Projekte fürs Quartier

Optisch wirkt die neue Überbauung noch wie eine Trennmauer. Die organische Verbindung zum Naherholungsraum Schindlergut ist gekappt. Im Gegensatz zu anderen verdichteten Gebäuden wie der Kalkbreite sollte die neue Überbauung kein Satellit sein, sondern sich in die Umgebung einfügen, mit ihr interagieren. Die Grünen sind für eine sinnvolle Verdichtung innerhalb bereits besiedelter Gebieten und gegen eine Ausweitung von Bauzonen. Trotzdem stimmen die neueren Entwicklungen und Pläne für Wipkingen nachdenklich. Der Swissmill-Tower ist – gelinde ausgedrückt – kein Gewinn fürs Quartier. Genauso wenig wie das geplante überdimensionierte Tunnelportal beim Wipkingerplatz. Und die öffentliche Infrastruktur – Buslinien, Badis, Schulen – stösst immer mehr an ihre Kapazitätsgrenzen. Vor diesem Hintergrund steigen die Erwartungen, dass als nächstes ein Projekt realisiert wird, das lokale Bedürfnisse berücksichtigt und die Quartierbevölkerung miteinbezieht: Sei es eine attraktive Neugestaltung des Letten Areals, sei es die Wiedereinführung regelmässiger S-Bahn-Verbindungen ab Bahnhof Wipkingen, seien es Aufwertungen von Quartierstrassen, usw. Wir bleiben dran!

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