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«Wenn ein Kind vernachlässigt wird, geht mir das sehr nah.»

30. März 2016 von

Foto: Nadine Grunder

Schulsozialarbeiterin Carmen Pinazza.

Von

Online seit
30. März 2016

Printausgabe vom
31. März 2016
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Carmen Pinazza arbeitet seit elf Jahren als Schulsozialarbeiterin. Im Auftrag des Sozialzentrums Hönggerstrasse der Sozialen Dienste ist sie Ansprechperson für Schülerinnen und Schüler, Eltern und Lehrpersonen des Schulhauses Nordstrasse.

Frau Pinazza, was macht eine Schulsozialarbeiterin?

Ich begleite und berate Kinder, Eltern und Lehrpersonen im Schulhaus. Es ist ein niederschwelliges Angebot im Auftrag der Kinder- und Jugendhilfe. Die Themen drehen sich um den Lebensraum des Kindes, das sich im Dreieck zwischen Zuhause, Schule und Lehrpersonen bewegt. Da gibt es immer wieder Konflikte. Zum Beispiel, dass Kinder auf dem Schulweg geplagt oder beleidigt werden, dass sie keine Freunde haben oder dass es zuhause Probleme gibt. Mit solchen Anliegen kommen die Kinder teilweise von sich aus zu mir. Ich kümmere mich um das Kindswohl. Dazu gehört, dass ich Gefährdungen erkenne. Auch Lehrpersonen wenden sich direkt an mich, wenn sie beobachten, dass ein Kind immer zu spät kommt, regelmässig krank ist oder der Kontakt mit den Eltern nicht klappt. Dann besprechen wir zusammen, wie wir mit dem Kind und der Familie weiter vorgehen.

Wie kommen Kinder mit ihren Anliegen zu Ihnen?

Kinder können in jeder Pause zwischen den Schulstunden und in ihrer Freizeit zu mir kommen. Auch während der Schulstunde können sie vorbeikommen, dann müssen sie die Lehrperson informieren, ohne sich inhaltlich zu erklären. Die Kinder wissen mittlerweile gut, welche Situationen sie mit mir besprechen können. Sie erzählen mir beispielsweise, wenn sie von anderen Kindern gehänselt werden oder wenn sie Probleme mit Geschwistern haben. Wenn Kinder regelmässig zu mir kommen, sind die Eltern immer einverstanden und informiert.

Können Sie ein Beispiel erzählen?

Ein Kind kam zu mir und sagte: «Ich habe gehört, wie ein anderes Kind meine Eltern beleidigt hat.» Es war verletzt, aber es wollte das andere Kind nicht direkt konfrontieren. Wir haben dann zusammen überlegt, was wir machen könnten. Dazu brauche ich gestalterische Hilfsmittel. Es kommt vor, dass Kinder die eigenen Emotionen weniger gut in Worte fassen können. Darum spielen wir mögliche Gefühle mit unserer Mimik nach, zeichnen sie auf oder verwenden Figuren, um die erzählte Situation aufzeigen zu können. Diese spielerischen und gestalterischen Methoden helfen dem Kind sehr beim Sprechen, Zeigen und Formulieren. Ich zeige dann auf, welche möglichen Lösungsschritte zusammen gemacht werden können.

Wie läuft das ab, wenn eine Lehrperson ein Gespräch anregt?

Die Lehrperson erklärt mir, worum es geht, und wir organisieren ein Treffen mit dem Kind. Wir sagen dem Kind von Anfang an ganz offen, warum wir uns treffen. Es muss klar sein, dass es keine Strafe ist, zu mir zu kommen. Ich bin keine Richterin oder Polizistin. Ich frage dann das Kind ganz direkt, ob es die Situation ähnlich empfindet oder nicht oder ob es zusätzlich etwas dazu sagen will. Da kommen oft spannende Antworten. Ich stelle dem Kind Möglichkeiten vor, was wir als Nächstes tun könnten. Das kann zum Beispiel sein, dass man den Selbstwert stärkt und Mut macht, wenn das Kind Hemmungen hat, sich vor die Klasse zu stellen und einen Vortrag zu halten.

Wie haben die Lehrpersonen reagiert, als plötzlich eine Schulsozialarbeiterin in ihren Reihen auftauchte?

Als ich vor elf Jahren in dieses Schulhaus kam und die Stelle der Schulsozialarbeit aufgebaut habe, war es für die Lehrpersonen schon speziell. Zu Beginn brauchte es eine Menge Vertrauensarbeit. Wir mussten meine Möglichkeiten und Grenzen klar definieren. Als ihnen bewusst wurde, was ich mache und dass ich ihnen nichts wegnehme, war sehr schnell alles in Ordnung. Jetzt kommen die Lehrpersonen zu mir, wenn sie nicht weiter wissen, und fragen mich, ob ich mit Eltern sprechen kann.

Wie läuft das mit den Eltern?

Meistens sehr positiv. Auch wenn die Kooperation nicht immer gleich gut klappt, ist es wichtig, dass ich mir ein Gesamtbild der aktuellen Situation mache. Dazu gehört auch die Sicht der Eltern. Einige sind sehr froh um meine Unterstützung und erzählen mir von ihren Problemen. Andere sind eher zurückhaltend. Teilweise braucht es viele Gespräche, bis wir auf die Ursache eines Problems stossen. Da könnte man leicht den Überblick verlieren. Für mich stellt sich jedoch immer die Frage: Wie kann ich das Kind bestmöglich unterstützen und meine Hilfe anbieten?

Wann geht Ihnen eine Geschichte nah?

Wenn es um das Kindswohl geht. Jeder Kindsschutzfall ist eine anspruchsvolle und komplexe Situation. Ich kann mich zwar auf meine langjährige Erfahrung stützen, aber jeder Fall ist individuell und als Einzelfall anzugehen. Am meisten Mühe macht mir, wenn ein Kind vernachlässigt wird. Wenn es mir sagt, es fühle sich zuhause nicht wohl, es werde geschlagen oder es müsse auf die Geschwister aufpassen, weil die Eltern immer arbeiten. Manchmal befindet es sich zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Weg in eine Krankheit oder Depression. Doch es liebt Mama und Papa, nimmt sie in Schutz und will nicht, dass ich mit ihnen spreche. Dann wird es für mich sehr anspruchsvoll. Ich befinde mich mit dem Kind in einem Vertrauensverhältnis und bespreche nichts mit den Eltern, ohne das vorher mit dem Kind abgesprochen zu haben. Doch wenn ich mir wirklich Sorgen mache und nicht mehr schlafen kann, muss ich dieses Vertrauensverhältnis zum Wohle des Kindes brechen. Das ist Teil meines Auftrags.

Was tun Sie in so einer Situation?

Am wichtigsten ist, dass ich mit dem Kind immer ehrlich bin. Ich sage, dass ich mir grosse Sorgen mache und nun auch die Schulleitung informieren muss. Wir sprechen dann mit den Eltern und holen das Kind gegen Ende der Besprechung dazu. So erfährt es ebenfalls vor Ort und im Beisein der Eltern, was als Nächstes passiert. Ich musste Kindern schon versichern, dass ich zu ihnen nach Hause nachsehen komme, falls sie am nächsten Tag nicht in der Schule erscheinen. Solche kritischen Situationen gibt es leider ab und zu.

Wer unterstützt Sie in diesen Momenten?

Wenn ich nicht weiterkomme, tausche ich mich mit meinen Kolleginnen und Kollegen des Quartierteams im Sozialzentrum aus. Einmal wöchentlich gibt es eine Teamsitzung mit Fallbesprechungen. Da kann ich eine Aussensicht einholen. Wir haben guten Kontakt zueinander und der regelmässige Austausch gibt mir Sicherheit. Im Alltag im Schulhaus bin ich zwar alleine, aber der Kontakt zu den anderen Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeitern der Schulkreise Wipkingen und Höngg sowie Unterstrass und Oberstrass ist sehr gut und wertvoll.

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