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Quartierleben

Wie ein Almodóvar Film

28. Juni 2017 von

Foto: Patricia Senn

Erica Matile in ihrem schönen Zuhause.

Von

Online seit
28. Juni 2017

Printausgabe vom
29. Juni 2017
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Modeschafferin, Autorin, Setdesignerin, Stylistin, Künstlerin und Mutter: Erica Matile hat schon viele Dinge im Leben ausprobiert, angepackt und durchgezogen. Gerade ist der zweite Band «Vom Fleck weg» im Salis Verlag erschienen, ein Buch mit Tipps und Tricks rund um den Haushalt, stilvoll gestaltet von Cécile Graf Gloor und mit Fotografien von Nora Dal Cero.

Der «Wipkinger» besuchte das «Urgestein der Schweizer Modeszene», wie die NZZ sie einmal liebevoll nannte, in ihrem wunderschönen Haus in Wipkingen. Seit mehr als zwanzig Jahren lebt sie mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern hier. Die grossgewachsene, elegante Frau trägt einen langen Rock aus afrikanischem Stoff, selbstgemacht. Aber meistens kaufe sie ihre Kleider auch ein, sagt sie und lacht. Die mehrfach preisgekrönte Modedesignerin nahm sich Zeit, ihr Talent zu entdecken, «erst» mit dreissig, nach einer Lehre als Modeberaterin und einem Handelsschulabschluss, widmete sie sich ernsthaft der Mode und kreierte ihre erste Damenkollektion. 1987 nahm sie an der «Avantgarde» der Modewoche München teil und wurde kurz darauf an die «Swiss Avantgarde Fashion Trends» (SAFT) in Zürich und die «British Designer Show» in London eingeladen. Als ihr der 1. Preis am «Concours internationale des jeunes stylistes» in Genf verliehen wurde, dachte sie: «Ich glaube, ich bin auf dem richtigen Weg». Also blieb sie dran.

Wipkinger: Erica Matile, wussten Sie schon immer, dass Sie Modedesignerin werden wollten?

Erica Matile: Nein, überhaupt nicht. Während meiner Lehre habe ich nie daran gedacht, obwohl ich als Modeberaterin ja quasi in der Branche arbeitete. Nach dem KV-Abschluss an der Handelsschule arbeitete ich erst lange beim Verband der Studierenden der ETH (VSETH), der damals, anfangs 80er Jahre, eher links war. Später schrieb ich für das Radio- und Fernsehheft der Schweizer Familie Filmbeschreibungen und redigierte Texte. Dank einer progressiven Chefin durfte ich sogar teilweise von zu Hause aus arbeiten. Also habe ich das halbtags gemacht und die restliche Zeit verschiedene Dinge ausprobiert. Wir lebten in einer WG und waren unglaublich bewegt – das war in dieser Zeit so – wir machten die verschiedensten kreativen Sachen. Irgendwann habe ich angefangen Kleider zu nähen, wobei ich mir das Nähen erst selber beibringen musste. Die ersten Stücke verkaufte ich auf dem Rosenhof, das war 1981/82. Später versuchte ich es bei Gaito und Zoé im Seefeld, die kauften mir prompt alles ab. Ich habe es einfach probiert und gemerkt, ok, das scheint ein Talent von mir zu sein. Aber Talent ist nur das eine, man muss dann auch dranbleiben.

Wann haben Sie diesen Ehrgeiz in sich entdeckt?

Ich glaube mit Ende zwanzig. Es war sicher auch wichtig, einmal zu erfahren, dass ich wirklich etwas kann. Die Modepreise kamen sehr unerwartet, meine Kleider waren schon sehr abgedreht und viele Leute haben das nicht verstanden. So gesehen war es schon eine Überraschung, dass Leute, die etwas von Mode verstehen, meine Arbeit auszeichnungswürdig fanden. Vielleicht ist es einfacher, wenn man in eine Modeschule geht, weil man dann die Technik lernt. Aber das ist leider keine Garantie dafür, dass das alleine reicht. Viele Abgängerinnen und Abgänger von Modefachklassen haben nie die Gelegenheit, auf dem Beruf zu arbeiten. Für mich kam die Schule aber ohnehin nie in Frage. Ich bin nicht so autoritätsgläubig und wollte meinen Weg immer selber finden, in allem. Auch wenn das bedeutete, auch einmal auf die Nase zu fallen. Die Aufbruchsstimmung der 80er Jahre hat diesen Charakterzug in mir sicher noch verstärkt.

Nachdem ihr der internationale Preis in Genf überreicht wurde, der von Grieder les Boutiques vergeben worden war, ging es sehr schnell. Plötzlich war die junge Designerin aus Zürich in aller Munde. Sie konnte unmöglich alles selber nähen, also fing sie an zu produzieren, lange in der Schweiz, dann in Ungarn, wo sie mit einer Firma zusammenarbeitete, die die Arbeit an Kooperativen im Land verteilte und diese auch begleitete. Ihre Mode beschreiben andere als romantisch und sehr weiblich, sie selber vergleicht sie mit einem Film von Pedro Almodóvar «sehr unschweizerisch, sehr üppig, aber nicht kitschig. Kein Understatement, nichts für jemanden, der nicht auffallen möchte». Es seien keine 08/15-Stücke, denn Kommerz funktioniere nur, wenn man genügend Geld habe, sich gegen die grossen Häuser durchzusetzen. Im Gegensatz zu anderen Ländern wurden Modeschaffende in der Schweiz auch lange nicht gefördert, man hatte zwar die alten Textilfabriken, aber kein wirkliches Modebewusstsein.

Wie sehen Sie die Modeszene heute?

Heute gibt es in meinen Augen ein paar sehr gute Designer. Aber bei vielen denke ich auch, die müssten vielleicht etwas mehr Gas geben. Wenn ein Zara bessere Kleider auf den Markt bringt, auch vom Design her, dann finde ich es schwierig. Wie will man denn als Schweizer Designer, bei dem die Produktion so viel mehr kostet, einen angemessenen Preis verlangen, wenn es nicht anders aussieht als das von den «Big-Modekonzernen»? Gut, ich glaube auch, dass das früher wahrscheinlich einfacher war, als es diese Billiganbieter und das ganze Internetshopping noch nicht gab. Was ich manchmal auch schade finde, ist, dass heute kurzfristig, also für die aktuelle Saison, gearbeitet wird. Früher war man immer ein Jahr im Voraus mit der Kollektion beschäftigt. Es hatte etwas Visionäres, man musste sich etwas trauen.

Ist es nicht auch unheimlich anstrengend, ständig einen Schritt voraus sein zu müssen?

Für mich war das der spannendste Teil meiner Arbeit. Es ist immer ein Aufbau, ein Prozess, der weitergeht. Das ist das Kreative und Schöne am Modemachen, vergleichbar mit dem Malen oder der Arbeit eines Musikers. Den Zeit- und Konkurrenzdruck habe ich nie so stark empfunden. Irgendwann ging mir allerdings der Modezirkus auf den Geist, die Entourage der Designer, diese quirligen, «schwirrligen» Leute. Davon hat man irgendwann etwas genug.

Wo liegt für Sie eigentlich der Unterschied zwischen Mode und Trend?

Mode ist eine Bekleidung, die man sich aussucht und die zu einem passen sollte, man gibt damit ein Bild von sich selber. La Lupa ist so jemand, die hat ihren ganz persönlichen Stil. Mode ist langlebig, hat eine Wertigkeit. Trends werden auf der Strasse oder von «Celebrities» gemacht, alle wollen damit herumlaufen und so aussehen, auch wenn es überhaupt nicht zu allen passt. Man ist kein Individuum mehr, man geht mit der Masse mit. Trendige Kleider sind schnell nicht mehr in. Eine Bank hat mir sogar einmal einen Kredit verweigert, mit der Begründung, die Mode sei so schnelllebig wie eine Blume. Die kannten wohl meinen Stil nicht (lacht). Vielleicht gehe ich auch deshalb so gerne nach Afrika. Dort sind die Frauen und Männer, so arm sie auch sind, sorgfältig gekleidet. Sie haben nichts, aber sie strahlen eine Würde und Eigenständigkeit aus. Meine Tochter hat mich früher auch schon gefragt, ob ich nicht einfach eine Jeans zum Elterngespräch anziehen könnte, es war ihr wohl peinlich, dass ich nicht so rumgelaufen bin, wie andere. Ich verstehe das auch und habe dann auch nicht darauf bestanden. Mittlerweile findet sie es aber cool.

Es ist typisch, dass Sie als Frau diese Frage zu hören bekommen, aber: Wie haben Sie Familie und Karriere unter einen Hut gebracht?

Als Violeta zur Welt kam, waren mein Mann und ich 34 Jahre alt und haben beide auf 80 Prozent reduziert bei der Arbeit. Bis sie drei, vier Jahre alt war, hat sie uns beide immer «MaPa» genannt, sie konnte oder wollte das nicht unterscheiden. Mit eineinhalb Jahren kam sie in die Krippe, vorher haben wir uns immer abgewechselt. Ich hatte ja ein Atelier und konnte sie mitnehmen. An ihrem ersten Schultag haben wir andere Eltern getroffen und sie gefragt, ob sie Interesse daran hätten, einen Mittagstisch zu organisieren – sie waren sofort dabei. So waren wir drei, vier Elternpaare, jedes hatte an einem anderen Tag der Woche die Verantwortung und das funktionierte bestens. Am Mittag wurde gekocht und um halb vier kamen die Kinder und verbrachten die Zeit mit ihren Freunden, bis die eigenen Eltern sie abholten. Als unser Sohn Oliver neuneinhalb Jahre später zur Welt kam, hatte sich die Gesellschaft bereits wieder verändert.

Nach fast zwanzig Jahren haben Sie der Modewelt den Rücken gekehrt, wieso?

Man wird grösser, hat Angestellte, einen Laden, Kosten und immer weniger Zeit, selber kreativ zu sein. Vielleicht nutzt es sich auch ein wenig ab, wenn man Tausende von Kleiderstücken entworfen hat. Irgendwann ertappte ich mich beim Gedanken: Eigentlich will ich das gar nicht mehr. Klar hat man immer Höhen und Tiefen und man hinterfragt sich, ob es noch stimmt. Bei mir war es dann aber einmal so, dass ich das Gefühl hatte, nur noch ein Rädchen in der Maschine zu sein. Ich hatte zwei Kinder, einen Mann und die Firma, und es war wie bei jedem anderen Beruf auch: Wenn man Erfolg haben will, muss man seine Frau stehen. Anders ist es nicht möglich. Das habe ich getan und dann war es plötzlich genug. Ich wollte auch noch etwas Anderes machen. Ich finde, das Leben ist so vielfältig, da muss man sich nicht selber einschränken und lebenslang dasselbe tun.

Nachdem sie 2005 mit ihrer Installation «Metamorphose von Kleidern in Kunst» von der Mode Abschied genommen hatte, wandte sie sich dem Styling zu. Ein Freund vom SRF fragte sie an, ob sie die Kostüme für die Fernsehsendung «Café Bâle» machen wolle, daraus ergab sich ein Auftrag für das Setdesign der Sendung «SF bi de lüt – ein Ort nimmt ab». Das Gestalten, egal ob Räume, Kleider oder Bücher, ist ihr Ding. Sie legte bei Piatti und Forster Küchen Hand an und arbeitete beim Umbau des Modehauses Schild mit, daneben machte sie auch private Wohnberatungen und Stylings für verschiedene Auftraggeber. Vor sieben Jahren ging sie das erste Mal mit dem Hilfswerk «Swisscontact Seniorcorps» nach Afrika, genauer nach Ouagadougou, Burkina Faso, und bildete gegen Kost und Logis zwölf Couturiers weiter aus. Seither hat sie das «Afrika-Fieber», wie sie es nennt, und würde am liebsten jedes Jahr für ein paar Wochen auf den Kontinent reisen, um mit den Männern und Frauen zusammenzuarbeiten. Dort gehe es um das elementare Leben, es sei alles sehr unmittelbar und intensiv, ein starker Gegensatz zu dem manchmal sehr behüteten Leben in der Schweiz.

Jetzt sind Sie 60, was beschäftigt Sie heute?

Ich arbeite immer noch jeden Tag, aber nicht mehr so streng wie früher. In der Zeit als Modedesignerin habe ich viele Klinken geputzt und mir ein Netzwerk aufgebaut, davon profitiere ich jetzt insofern, dass ich nicht mehr aktiv Arbeit suchen muss. Ich bin auch sehr gerne zu Hause und Mutter und schaue zum Haushalt. Und wenn dann immer noch Zeit übrig bleibt, schreibe ich ein Buch, wie die beiden Bänder «Vom Fleck weg» (siehe Rezension auf Seite xy). Die Idee dazu kam mir, als ich ein Büchlein aus den 20er Jahren fand, mit lauter kleinen Sätzen darin, wie man Flecken entfernt. Es war nicht zu ausführlich – das gefiel mir gut. Ich fände es schade, wenn dieses Wissen verloren gehen würde. Also habe ich begonnen, alle möglichen Haushaltstipps zu sammeln, von überall her. Der erste Band hatte einen 50er Jahre Look, wir fanden, es muss doch möglich sein, auch so ein Thema ästhetisch zu präsentieren, damit es Lust macht, das Buch anzuschauen. Cécile Graf Gloor hat es gestaltet. Der zweite Band, der kürzlich erschienen ist, hat einen ganz anderen Stil, Nora Dal Cero hat die Fotografien dazu gemacht. Beides sind ganz tolle Frauen und Gestalterinnen. Dann habe ich auch angefangen, die afrikanischen Waxstoffe auf Leinenstoffe zu applizieren, mit den afrikanischen Mustern neue Bilder zu fertigen. Ich mache daraus Bettüberwürfe, Plates oder Kissen. Mit der Lancierung derselben lasse ich mir noch Zeit. Ein paar Projektideen trage ich immer mit mir herum.

Es ist ein heisser Frühsommertag, auf dem Gartensitzplatz liegt die Katze Mia in der Sonne, ein Reihenhaus mit im Original erhaltenem Kachelofen, schönen Holzböden, hellen Zimmern. Als junge Frau wäre dies für Erica Matile der Inbegriff von Spiessigkeit gewesen, heute sei sie schon etwas angepasster, findet sie.

Welches war für Sie die schönste Zeit?

Die schönste Zeit? Vom Leben und Wohnen her war das bestimmt zwischen 25 und 35. Wir lebten damals in einer Villa-WG in Küsnacht am See. Es war ein wildes Leben, alles war möglich, wir waren jung und überzeugt davon, dass wir alles erreichen konnten. Nicht narzisstisch, aber wir fanden unser Leben einfach toll, es lag so eine optimistische Aufbruchsstimmung in der Luft. Und natürlich später die Zeit mit den Kindern, das ist natürlich speziell schön, auf eine ganz andere Weise.

Würden Sie alles noch einmal gleich machen?

Ja, ich glaube, das würde ich. Gestern hat mir eine Freundin Stoffe gezeigt, und ich habe festgestellt, dass ich wieder Lust bekomme, Kleider zu machen, dass es mich immer noch interessiert. Vor ein paar Monaten hätte ich mich total gesträubt. Denn ganzen Stress von früher würde ich heute aber nicht mehr wollen. Wer weiss, was die Zukunft noch bringt.

Vielen Dank für das spannende Gespräch!

 

 

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