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Quartierleben

«Klar gibt es noch Lücken in unserer Demokratie»

16. Dezember 2021 von

Sidonia Gnahoua sieht noch Verbesserungspotenzial in der Schweiz.
Foto: zvg

Sidonia Gnahoua sieht noch Verbesserungspotenzial in der Schweiz.

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16. Dezember 2021

Printausgabe vom
16. Dezember 2021
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Im letzten Artikel der Serie «50 Jahre Frauenstimmrecht», in der verschiedene Frauen des Quartiers eine Plattform erhalten, spricht der «Wipkinger» mit Sidonia Gnahoua. Sie erzählt von ihrem Wunsch einer gleichberechtigteren Gesellschaft.

Das Thema der Serie ist 50 Jahre Frauenstimmrecht. In diesem Zusammenhang wurde oft gesagt, dass mit Dem Frauenstimmrecht die Schweiz zu einer richtigen Demokratie wurde. Siehst du das auch so?

Sidonia Gnahoua: Nein, es gibt ganz klar noch immer Lücken in unserer Demokratie. Es hat etwas sehr Überhebliches, vom Frauenstimmrecht auf die vollständige Demokratie zu schliessen. Ich habe heute Morgen gelesen, dass die Schweiz in den 1950er-Jahren, also noch vor der nigerianischen Unabhängigkeit von 1960, Nigerianer*innen eingeladen hat, ihnen unsere «Musterdemokratie» zu zeigen. Da gab es eine Reportage, wie nigerianische Studentinnen eine Reise in die Schweiz machten. Es ist widersprüchlich zu behaupten, wir seien so demokratisch, denn eine nigerianische Studentin hätte, wie alle anderen Frauen, in der Schweiz in der Folge nicht einmal abstimmen dürfen, während sie im neuen Nigeria das aktive und passive Wahlrecht erhalten hätte. Ich finde es spannend, dass die Schweiz das Verständnis von sich selbst hat, sie sei die fehlerlose Vorzeigedemokratie und das auch gegen aussen so kommuniziert. Sie hatte dieses Selbstverständnis sogar bereits zu einer Zeit, als wir noch nicht einmal am Punkt waren, dass Frauen abstimmen durften.

Inwiefern sind Gesetze Instrumente, um gegen Diskriminierung vorzugehen? Und erfüllen sie diese Aufgabe?

Ich glaube, das Recht ist schon ein nützliches Instrument, aber nur sofern es umgesetzt wird. Bei  Vergewaltigungen zeigt sich das immer wieder, da hat man meist keine Chance, dagegen vorzugehen,
obwohl es ein entsprechendes Gesetz gibt. Die Strukturen lassen es teilweise gar nicht zu, dass man eine Chance auf Gerechtigkeit bekommt. Natürlich hat es auch mit den Leuten zu tun, die in diesen Gerichtssälen sitzen. Man sollte schon ein gewisses Vertrauen in den Staat haben, das finde ich grundsätzlich etwas  wichtiges. Aber im echten Leben ist es oft überhaupt nicht so. Ich würde zum Beispiel nie zur Polizei gehen, wenn mir etwas passiert oder ich mich gefährdet fühle. Ein ähnliches Beispiel ist das Recht auf einen Asylantrag. Das ist ein Menschenrecht, aber wenn man aktiv verhindert, dass Leute hierherkommen und einen Antrag stellen können, dann führt das zu einem Vertrauensbruch.

Wie zeigt sich der Rassismus in der Schweiz? Welche Gesichter hat er?

Er hat alle Gesichter. Aber ich weiss gar nicht, ob man das so runterbrechen kann und Rassismus in verschiedenen Ländern unterscheiden kann. Er zeigt sich für alle Personen anders: Für Sans-Papiers ist es beispielsweise auf einer staatlichen Ebene, der Rassismus ist dort sehr institutionalisiert. Das sind aber auch Fragen, die mich gar nicht mehr so interessieren. Ich habe nicht den Anspruch, Leuten Rassismus zu erklären – entweder, du glaubst mir oder du glaubst mir nicht. Die Diskussionen, die man in der Mehrheitsgesellschaft zu diesem Thema führt, interessieren mich nicht wirklich und ich möchte meine Energie in andere Dinge investieren. Deshalb finde ich auch eine Plattform wie das Kollektiv «enough» etwas Schönes. Da wird mir klar, dass es so viel tiefer gehen kann.

Was ist «enough»?

«enough» ist ein offenes, antirassistisches Kollektiv von Menschen mit und ohne postmigrantischem
Hintergrund, von Leuten, die Rassismus erfahren und solchen, die keinen Rassismus erfahren. Das
Kollektiv organisiert Aktionstage zu antirassistischem Widerstand und Migrationskämpfen. Das erste
Mal war es ein Wochenende auf dem Parkplatz mit verschiedenen Panels, Workshops und Infoveranstaltungen, dieses Mal war es ein ganzes Wochenende mit vielen verschiedenen Zusammenschlüssen von überall. Am Montag beispielsweise hat es begonnen mit L’Après M, einer Community aus Marseille, die einen McDonalds besetzt hat. Eine symbolische Aktion, weil McDonalds sinnbildlich für die private Marktwirtschaft steht: Sie wollen möglichst wenige Arbeitskräfte zu geringen Kosten einstellen, was natürlich ausbeuterisch und deswegen Symbol des Kapitalismus ist. Aber McDonalds ist eigentlich auch Symbol für viele andere Probleme, sei es «Voter Suppression», also Einschränkungen des Wahlrechts in den USA, oder der übermässige Fleischkonsum im globalen Norden, der zur Klimakrise beiträgt.

Was ist das Ziel dieser antirassistischen Aktionstage?

Es geht darum, antirassistische Kämpfe und Migrationskämpfe im Kontext der Schweiz zu beleuchten
und damit ein Bewusstsein für diese Themen schaffen. Ich selber bin an dieses Thema sehr organisch
herangeführt worden aufgrund der Biographie meines Vaters. Gleichzeitig weiss ich auch, dass es in der Schweiz sehr viele Leute gibt, die nicht viel darüber wissen, wie Migrationskämpfe aussehen oder was die Überschneidungen sind von antirassistischer Arbeit und Migrationskämpfen. Ich glaube, bei  Migrationskämpfen kommen viele Kämpfe zusammen: Klimagerechtigkeit und Feminismus und Antiklassizismus und Antirassismus – es ist ein riesiges Spektrum an Themen, über die man aufklären kann.

Inwiefern macht denn eine Trennung beziehungsweise ein Zusammendenken von den verschiedenen Kämpfen – Feminismus, Antirassismus, Klimaaktivismus – Sinn?

Es ist sicher sinnvoll, wenn man es verbindet. Wenn man über die Klimakrise spricht, wäre es meiner Meinung nach sehr wichtig, dass man da noch mehr die Verbindung zum Feminismus zieht – gerade auf FLINTA-Personen (Frauen, Lesben, Inter-, Nicht-binäre-, Trans-Personen) bezogen, die nicht in Europa wohnen. Die Klimamassnahmen, die hier in Europa beschlossen werden, haben einen grossen Einfluss auf die Ökonomie in anderen Ländern, die sich dann auch auf  FLINTA-Personen auswirkt und teilweise ihre Unabhängigkeit einschränkt. Manchmal braucht es aber auch einen Fokus auf etwas. Es ist mir gerade das Beispiel Hanau in den Sinn gekommen, der Anschlag, bei dem ein Rechtsextremer neun Menschen mit Migrationshintergrund ermordet hat. Dort sollte es wirklich nur um das gehen. Ich habe einen Post gesehen auf dem Instagram von Cetin Gültekin– dem Bruder von Gökhan Gültekin, der ermordet wurde in Hanau. Cetin postete ein Bild, auf dem er in einer Aktion eine Strasse nach seinem Bruder umbenennt. Er trägt auf dem Bild eine Jacke mit echtem Fell, worauf jemand kommentierte, es sei so schlimm, dass wenn man den Tod betrauert, man noch den Tod um den Hals trägt. Das finde ich extrem unangebracht, dass da noch dieses andere Thema reingebracht wird. Gab es einen Workshop, den du an den Aktionstagen besonders inspirierend gefunden hast? Die Hafenarbeiter aus Genua haben mich beeindruckt, die zum einen stark gewerkschaftlich organisiert sind und für sich selber bessere Arbeitsbedingungen erkämpfen und im  gleichen Atemzug am Hafen Kriegsmaterial blockieren. So verhinderten sie den Transport von Generatoren, die Drohnen im Jemen Strom geben sollen. Das ist für mich der Inbegriff von gelebter Solidarität und
das hat mich am meisten beeindruckt. Spannend fand ich das auch, weil ihre Arbeit vom Staat selbst kriminalisiert wird, während sie sich gegen rechtswidrige Dinge einsetzen.

Wie sieht die vollständige Gleichberechtigung aus für dich?

Man muss sich davon lösen, gleich wie die Mehrheitsgesellschaft sein zu wollen. Der jüdische Autor Max
Czollek hat ein gutes Buch geschrieben: «Desintegriert Euch!». Er nimmt darin auseinander, dass
sich die Mehrheitsgesellschaft an dieser Idee der Integration aufgeilt: Ihr müsst euch integrieren, damit ihr dazugehört. Damit entsteht eine Norm für marginalisierte Menschen, insbesondere migrantische Menschen, an die sie sich gefälligst anzupassen haben. Diese Wichtigkeit der Integration besagt, dass man erst einen würdigen Platz in der Gesellschaft bekommt, wenn man sich vollständig anpasst, was ziemlich diskriminierend ist. Ich finde, man sollte seinen eigenen Tisch bauen und dort spannende Dinge besprechen, sodass dann Leute dazukommen an diesen Tisch und dort mitlernen. Natürlich darf man dabei nicht vergessen, dass diese Menschen am grossen Tisch, also die Mehrheitsgesellschaft, die sind, die Gesetze schreiben und nicht wir.

Also statt sich in die bestehenden Strukturen zu begeben und dort etwas zu verändern, willst du lieber alternative Strukturen aufbauen?

Es geht nicht einmal unbedingt darum, Strukturen aufzubauen, sondern dass man sich löst von einem Standard, wo man hinkommen will, der stark von der bestehenden Gesellschaft geprägt ist. Denn man könnte ja auch in eine ganz andere Richtung gehen. Damit macht man natürlich auch wieder ein riesiges Fass auf – wie sieht unsere Welt nach dem Kapitalismus aus? – I have no idea! Aber es ist einfach anstrengend, sich immer diesen Standards anzupassen.

Welche Schritte können wir tun, um näher an die Gleichberechtigung zu kommen?

Ich glaube, ich würde den eigenen Konsum von Wissen, den man sich aneignet, wechseln von «ich
lese nur Max Küng» – er ist mir jetzt gerade eingefallen als weisser, männlicher Autor – zu einer
grösseren Breite. Ich will jetzt nicht sagen, dass es horizonterweiternd ist, weil es ja schon nicht etwas Krasses sein sollte, ein Buch zu lesen von einer Person, die andere Erfahrungen gemacht hat wie man selber. Aber ich glaube, Autor*innen, die man liest, zu diversifizieren, kann bereichernd sein, da man sich dann besser vorstellen kann, wie so eine Welt aussieht, wenn sie eben nicht nur weiss und männlich ist
oder nur aus einer weissen männlichen Perspektive geschrieben ist. Ich habe einen richtig doofen
Podcast gehört von zwei Leuten, die über die neue Staffel der Serie von Sex Education redeten, und
sie fanden, es sei gerade ein bisschen ein Übermass an Diversität. Es war dann klar, die sind sich das
einfach nicht gewohnt, aber die Realität ist: So divers ist die Welt einfach. Wenn man sich von dem
löst, dann wäre man wohl auch nicht mehr so schnell überfordert damit, dass es so viele verschiedene
Erfahrungen gibt.

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