Dagmar schreibt: Wenn sich die Türen schliessen

Unsere Redaktorin Dagmar Schräder schreibt über die grossen und kleinen Dinge des Lebens. Heute über interessante Verhaltensmuster von Teenagern und die Folgen für ihre Mütter.

Dagmar schreibt über die grossen und kleinen Dinge des Lebens. (Foto: dad)

Zugegeben, der Titel klingt etwas gar dramatisch. So endgültig – und bitter. Ist es aber gar nicht. Denn eigentlich ist er ziemlich wörtlich zu verstehen. Ich wohne nämlich seit einigen Monaten in einem Haushalt, in dem drei Viertel der Zimmertüren durchgehend geschlossen sind. Und das Öffnen derselbigen ist mir nur in Ausnahmesituationen erlaubt.

Bei den besagten drei Vierteln der Türen handelt es sich um diejenigen zu den Schlafgemächern meiner Kinder. Neu ist das Phänomen eigentlich nicht, es ist schon seit einigen Jahren in zunehmendem Ausmass zu beobachten. Etwas unerwartet für mich hat sich nun aber auch noch die letzte Tür, die zum Zimmer meines 12-jährigen Sohnes, geschlossen. Und das, obwohl er noch vor wenigen Wochen zumindest ab und an noch kindliche Verhaltensmuster an den Tag legte und zu erkennen gab, dass er die Gegenwart seiner Mutter schätzte.

Mittlerweile aber läuft es typischerweise folgendermassen ab: Er kommt von der Schule nach Hause, streift eilig die Schuhe im Gang ab, schmeisst sein Schulzeug in die Ecke, adressiert ein kurzes, unbestimmtes «Hallo» in den Raum (immerhin!) und verkrümelt sich schnellstmöglich in sein Zimmer.

Die empathische Mutter

Ich, als empathische Mutter, kann das natürlich verstehen. Und gleichzeitig auch nicht. Denn ich bin da ganz anders. Mein Zimmer steht immer offen. Das brauche ich eh nur für die Nachtruhe, den Rest des Tages verbringe ich lieber in den gemeinschaftlich genutzten Räumen. Wie der Küche und dem Wohnzimmer. Dort sitze ich jetzt also und warte auf Gesellschaft. Ab und zu guckt ein Hund vorbei, vorzugsweise zu Fütterungszeiten. Aber sonst ist es hier echt leer geworden. Manchmal, da wird es mir zu arg. Da vermisse ich den Zuspruch durch meinen Nachwuchs. Oder sogar die Auseinandersetzung mit ihnen.

Dann schreite ich zur Tat und reisse eine der Zimmertüren nach der anderen auf, nur um kurz «Hallo?!» zu brüllen. Und dafür meist vorwurfsvolle Blicke und ein genervtes «Was ist?» zu ernten. Nach dem dritten «Was ist?» bin ich dann jeweils reif für eine Portion Selbstmitleid auf der leeren Couch.

Das Wohnzimmer gehört nun mir alleine

Aber glücklicherweise ist der Mensch als solcher enorm anpassungsfähig. So flexibel, dass ich festgestellt habe, dass diese Türen gar nicht nur Nachteile haben. Zum Beispiel gehört das Wohnzimmer jetzt mir, ich kann alleine über Musik, Podcast und Fernseh- oder Netflix-Programme verfügen. Auch der Druck, regelmässig ausgewogene Mahlzeiten für alle auf den Tisch zu stellen, hat enorm nachgelassen. Denn ganz oft, wenn die Türen zu sind, sind die Bewohnenden gar nicht zu Hause. Dann muss ich plötzlich nur für mich selber sorgen.

Und schliesslich öffnen sich plötzlich wieder ganz neue Türen für mich. Sprichwörtlich. So werde ich langsam, aber sicher dieses ewige schlechte Gewissen los, das mich immer begleitet hat, wenn ich viele Termine hatte und für meinen Geschmack zu Hause zu wenig anwesend war. Denn meine Kinder merken eigentlich gar nicht mehr, ob ich überhaupt zu Hause bin. Und selbst wenn sie es merken – es kümmert sie nicht gross. Das bedeutet: Ich kann eigentlich tun und lassen, was ich will. Ganz wie früher. Was selbstverständlich nicht heisst, dass ich nicht gerne zur Stelle bin, wenn diese Zimmertüren doch einmal wieder aufgehen.

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