Dargebotene Hand: Das Telefon klingelt alle 18 Minuten

Die Dargebotene Hand Zürich ist 24 Stunden am Tag telefonisch erreichbar. Wer Sorgen hat, fin­det unter der Nummer 143 Gehör – seit fast 70 Jahren. Die Präsidentin des Vereins, Barbara Schmid-Federer, lebt in Höngg und gewährt einen Einblick in die Organisation.

Barbara Schmid-Federer ist die Präsidentin der Zürcher Regionalstelle der Dargebotenen Hand und lebt in Höngg. (Foto: das)

Der Name «Die Dargebotene Hand», so geht die Legende, geht auf Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler zurück. Er war einer der Financiers, die den Zürcher Pfarrer Kurt Scheitlin 1957 dabei unterstützte, die erste Telefonseelsorge der Schweiz zu gründen.

Als es darum ging, einen Namen für das Angebot zu finden, soll er seine Hand ausgestreckt und gefragt haben: «Warum nennen wir es nicht die Dargebotene Hand»? International begann diese Form der Seelsorge jedoch in England. Dort war es der anglikanische Priester Chad Varah, der bereits 1954 angesichts steigender Suizidraten eine telefonische Beratung ins Leben rief: «Bevor Sie sich das Leben nehmen, rufen Sie mich an», lautete der Slogan, mit dem er für sein Angebot warb.

Die Nachfrage war auch in der Schweiz von Beginn an gross: Bereits in der ersten Nacht, so ist der Website zu entnehmen, nahmen die Zürcher Seelsorger 37 Anrufe entgegen. Von hier aus breitete sich die Idee schweizweit aus. Heute besteht der Verein aus zwölf unabhängigen Regionalstellen und einem zentralen Dachverband.

Finanziert wird die Regionalstelle Zürich zu 42 Prozent durch die beiden Landeskirchen, 58 Prozent sind Spendeneinnahmen, Gelder von Stiftungen und weitere Zuwendungen.

Für die Leitung ist ein zehnköpfiger Vorstand zuständig, an dessen Spitze sich eine Hönggerin befindet, genauer: eine Neu-Hönggerin. Barbara Schmid-Federer lebt seit Oktober letzten Jahres hier im Quartier. Und auch ihre Tätigkeit bei der Dargebotenen Hand ist noch relativ frisch: Vor rund einem Jahr hat sie das Amt der Präsidentin übernommen.

Nur Freiwillige am Apparat

Mit Vorstandstätigkeiten hat die ehemalige Nationalrätin bereits Erfahrung: So stand sie in der Vergangenheit schon namhaften Organisationen wie der Kinderhilfe Bethlehem, Pro Juventute oder das Schweizerische Rote Kreuz vor. Was für sie das Besondere sei an dem neuen Arbeitsfeld, wollte der «Höngger» von ihr wissen: «Was mich ausserordentlich beeindruckt, ist die hoch qualifizierte Ausbildung, welche die freiwilligen Mitarbeitenden hier erhalten. Das war für mich ein grosser Wow-Effekt, als ich die Organisation näher kennenlernte.»

Die hohe Professionalität hat seinen guten Grund: Heute sind es keine Pfarrpersonen mehr, die an den Telefonleitungen beraten, sondern ausschliesslich Freiwillige. Das dafür notwendige Know-how wird ihnen – nach dem erfolgreichen Durchlaufen eines Bewerbungsverfahrens – in einer einjährigen Ausbildung vermittelt.

124 Ehrenamtliche verzeichnet die Zürcher Sektion, etwa zwei Drittel davon sind Frauen. Mit ihrer Ausbildung verpflichten sie sich, jährlich mindestens 40 Einsätze zu leisten. Dabei gibt es viel zu tun: «Rund 100 Telefonate führen wir pro Tag, 28 000 pro Jahr», so Schmid-Federer. Das Telefon klingelt ungefähr alle 18 Minuten.

Bei den Anrufen gehe es zu 99 Prozent um persönliche Probleme wie Alltagsbewältigung, körperliches Leiden, Einsamkeit oder Familienproblematik. Zugenommen habe das Thema «psychisches Leiden», das rund 45 Prozent aller Kontaktaufnahmen ausmache. In rund drei Fällen pro Tag ginge es, so die Präsidentin, konkret um die Suizidproblematik.

Gerade hierbei zeige sich immer wieder die grosse Bedeutung des Angebots – auch als Ergänzung zu institutionellen Hilfsangeboten. Denn viele Betroffene seien misstrauisch gegenüber medizinischem Fachpersonal und staatlichen Institutionen. «Ein grosser Teil der Anrufenden wünscht sich explizit Freiwillige als Gesprächspartner», so Schmid-Federer. Wichtig sei zudem, dass die Gespräche anonym ablaufen. Das senke die Hemmschwelle, sich Hilfe zu suchen.

Chats als neue Herausforderung

Doch die Beratung findet längst nicht mehr nur am Telefon statt. Mittlerweile werden sowohl E-Mail-, als auch Chatberatungen angeboten. Insbesondere letztere erfahren eine grosse Nachfrage und haben sich in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt. «Und hier», so Schmid-Federer, «stossen wir gerade an unsere Grenzen.»

So fanden laut Jahresbericht im vergangenen Jahr 69 Prozent der Hilfesuchenden keinen freien Chatraum und erhielten die automatische Nachricht, dass sie es später noch einmal versuchen oder 143 anrufen sollen.

Ebenfalls stark gestiegen ist die Nachfrage nach englischer Beratung, die seit 2023 angeboten wird. Mit «Heart2Heart» erreiche man Fremdsprachige, die oft weniger persönliche Kontakte in der Stadt haben und nicht wissen, an wen sie sich bei Problemen wenden sollen.

In diesen Bereichen wird der Verein in Zukunft seine Kapazitäten ausbauen müssen. «Das», so Schmid-Federer, «betrachte ich als eine der grössten Herausforderungen momentan.» Und was sieht sie persönlich als ihre wichtigste Aufgabe an? «Ich bin, da kann ich mich nur wiederholen, wirklich nachhaltig beeindruckt von dem Enthusiasmus, mit dem die Beratenden an die Arbeit gehen. Davon möchte ich sehr gerne etwas an die Öffentlichkeit weitergeben.»

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