Kultur
Der ukrainische Architekt, der unerreichbare Orte malt
Seit vier Jahren lebt der ukrainische Architekt und Maler Yuriy Plaksiev im WipWest Huus in Wipkingen. Bis Ende August zeigt der 94-Jährige dort in einer Ausstellung 45 Bilder. Sie erzählen von Erinnerungen an Orte, die ihn bis heute begleiten.
9. Juli 2026 — Jasmine Osterwalder
Kunstvolle, mehrstöckige Blockhäuser aus dunklem Holz, dazwischen steinige Wege. Der Himmel orange-gelb gefärbt. Das Gemälde «Lost Archangelsk» erzählt eine ganz besondere Geschichte: Als Architekturprofessor reiste Yuriy Plaksiev mit Studierenden mehrfach nach Archangelsk im Norden Russlands. Damals beeindruckte ihn die Stadt mit ihren einzigartigen Holzhäusern.
Ende der 1960er-Jahre sei sie noch wunderschön gewesen. Mitte der 1970-Jahre wurde sie vollständig abgerissen und durch eine graue Sowjetstadt aus Beton ersetzt. Mit seinem Gemälde erinnert Yuriy Plaksiev nicht an die Stadt, wie sie heute aussieht, sondern an den Ort, den er einst kennengelernt hat.
Ein renommierter Architekt im Exil
Yuriy Plaksiev stammt aus Charkiw und ist in der Ukraine ein bekannter Architekt. Der heute 94-Jährige war Architekturprofessor und entwarf unter anderem die Metrostation in Charkiw sowie die Konzert- und Kinohalle Ukraina. Sein Sohn Sacha trat in seine Fussstapfen und besuchte später sogar die Vorlesungen seines Vaters.
Seit mehr als dreissig Jahren organisiert Sacha Plaksiev architektonische Kulturreisen, unter anderem gemeinsam mit einer Architektin der ETH Zürich. Über diese Verbindung fanden Vater und Sohn nach dem Ausbruch des russischen Angriffskriegs eine neue Heimat im WipWest Huus.
Das Zimmer von Yuriy Plaksiev im ehemaligen Pfarrhaus in Wipkingen dient dem Architekten und Maler nicht nur als Schlafraum. Es ist gleichzeitig sein Atelier und seine Werkstatt. Dort malt er, entwickelt neue Ideen und arbeitet zurzeit an einem Architekturmodell für ein modernes Haus mit Balkon.
Obwohl Yuriy Plaksiev bereits seit seiner Primarschulzeit malt, bezeichnet er sich vielmehr als Architekt. Das zeigt sich auch in seinen Bildern. Klare Formen, Linien und Perspektiven prägen seine Werke. Er verwendet unterschiedlichste Materialien und kombiniert Acryl, Öl und Wasserfarben nach Belieben.
Erinnerungen an ferne Orte
Die nun im WipWest Huus gezeigte Ausstellung trägt den Titel «Somewhere Where We Are Not». Inspiriert wurde sie vom gleichnamigen Lied der ukrainischen Pop Rock Band Okean Elzy, das bereits lange vor dem Krieg entstanden ist. Erst in der Schweiz habe sein Sohn Sacha verstanden, welche Bedeutung diese Worte für ihn bekommen hätten. Der Ort, an dem wir nicht sind, stehe für vieles, was verloren gegangen ist oder unerreichbar geworden sei.
Yuriy Plaksiev zeichnet oft Landschaften: Die Motive entstehen entweder aus Erinnerungen an Orte, die er besucht hat, oder auf der Grundlage von Skizzen, die er vor Ort angefertigt hat. «Ich liebe es, wenn ich etwas zum ersten Mal sehe und dann eine Skizze anfertige», sagt er. Nicht nur Städte und Landschaften beschäftigten Yuriy Plaksiev. Über viele Jahre widmete er sich einem anderen Motiv: Krähen. Yuriy Plaksiev zeichnete unzählige dieser Vögel und verschenkte sie häufig zu Geburtstagen. Jede Krähe scheint ihre eigene Persönlichkeit zu besitzen. Manche wirken neugierig, andere stolz, verspielt oder herzlich.
Die Bilder hängen im ganzen Haus
Dass die Ausstellung zustande gekommen ist, und die Bilder im ganzen Haus verteilt wurden, ist die Idee von Nina Müller, Projektleiterin des WipWest Huus. Sie wollte das Werk von Yuriy Plaksiev würdigen und schlug vor, eine Ausstellung im Haus zu machen.
Da das denkmalgeschützte Gebäude nicht beschädigt werden durfte, entschied man sich dafür, Bilderschienen im ganzen Haus zu montieren. Sacha Plaksiev, selbst Architekt und Sohn von Yuriy Plaksiev, setzte die Idee um. Die 45 Werke hängen nun in der Küche, in den Gängen, im Wohnzimmer und in den Co-Working-Räumen.
Ganz zufrieden ist Yuriy Plaksiev damit dennoch nicht. «Manche Leute sehen nicht alle Bilder. Es sollte einen Guide geben, der sie an den Bildern vorbeiführt», sagt er. Beim Rundgang mit dem «Höngger» übernahm er diese Aufgabe kurzerhand selbst und erzählte die Geschichten hinter seinen Werken.
An der Vernissage vom 30. Juni erhielt Yuriy Plaksiev viele positive Rückmeldungen. Besonders gefreut habe ihn, dass Besuchende in seinen Bildern Motive entdeckten, die sie zuvor noch nie gesehen hätten. Genau das wünscht er sich mit seiner Ausstellung: Menschen an Orte mitzunehmen, an denen sie noch nie waren oder an die sie nicht mehr zurückkehren können.
Die Ausstellung im WipWest Huus ist noch bis Ende August zu sehen, jeweils von Mittwoch bis Freitag zwischen 16 bis 18 Uhr.
Private Besuche und Gruppen-Führungen können auf Anfrage direkt beim WipWest Huus organisiert werden.
Ausstellung «Somewhere where we are not»
Bis Montag, 31. August.
Mittwoch bis Freitag, 16 – 18 Uhr.
WipWest Huus, Hönggerstrasse 76.
Private Besuche und Gruppen-Führungen auf Anfrage beim WipWest Huus.
Weitere Informationen: wipwesthuus.ch


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