Kultur
Nach 55 Jahren Kunst bleibt die Sehnsucht nach Harmonie
55 Jahre lang hat Jürg Treichler gemalt. Nun zeigt der Wipkinger mit 83 Jahren wohl seine letzte Ausstellung. Unter dem Titel «Noch bleibt die Sehn-Sucht nach Harmonie» hängen in der Kronengalerie rund 50 seiner Werke.
20. Mai 2026 — Jasmine Osterwalder
Eigentlich war es Zufall, dass Jürg Treichler überhaupt mit dem Malen begann. Der damalige Primarlehrer kritzelte während einer Sitzung vor sich hin. Ein Kollege schaute die Zeichnung an und kaufte sie ihm gleich ab. Kurz darauf malte Treichler eine Winterlandschaft und zeigte sie seinem Vater. Dieser hielt das Bild zuerst für ein Werk des bekannten Thurgauer Malers Adolf Dietrich.
Vom Malen leben wollte und konnte Treichler nie. Neben seiner Arbeit als Lehrer und später bei einer Suchtpräventionsstelle reduzierte er sein Pensum bewusst, damit genügend Zeit fürs Zeichnen und Malen blieb. Sein Atelier befindet sich mitten in seiner Wohnung in Wipkingen. Lange arbeitete er dort vor allem mit Gouachefarben. «Ölfarben riechen in der Wohnung doch etwas intensiv», schmunzelt er.
Die wohl letzte Vernissage
Nun könnte die Ausstellung in der Kronengalerie an der Froschaugasse 3 seine letzte sein. Bereits zum dritten Mal stellt er dort aus. Gemeinsam mit dem Galeristen und weiteren Helfenden richtete er die Ausstellung ein. Dafür stand Treichler schon frühmorgens um fünf Uhr auf. «Ich merke, so eine Ausstellung ist ein grosser Stress», sagt der 83-Jährige und lacht. Altersbedingt werde es wohl die letzte Vernissage bleiben.
Der Titel der Ausstellung kommt nicht von ungefähr. «Noch bleibt die Sehn-Sucht nach Harmonie» sei auch ein Blick auf die heutige Weltlage. «Ich will das Gute bewahren. Es wäre schön, wenn es so bleibt», sagt Treichler. Das Malen helfe ihm, den Alltag zu verarbeiten. Gleichzeitig spricht er von seiner «Sucht» nach dem Malen. Kaum sei ein Bild fertig, beginne im Kopf schon das nächste.
Wipkingen als Inspirationsquelle
Inspiration findet Treichler immer wieder direkt vor der Haustüre. Das Wipkinger Viadukt oder das frühere Milchhüsli hat er schon mehrfach festgehalten. Auch an der Limmat oder im Zürcher Niederdörfli entdeckt er laufend neue Sujets. «Ich probiere Dinge festzuhalten, die es irgendwann nicht mehr gibt», erzählt er und nennt als Beispiel den früheren Saftladen im Niederdörfli.
Doch nicht nur Zürich findet Platz auf seinen Bildern. Auch verschiedene Städte oder die Provence tauchen immer wieder auf. Ein Bild aus Hamburg liegt ihm besonders am Herzen, auch weil seine Frau aus Bremen stammt. Lange Zeit hing das Werk im eigenen Wohnzimmer.
Der Stil wurde mit den Jahren schwungvoller
Treichler malt Menschen, Landschaften und Alltagsszenen. Über die Jahre wurde sein Stil immer freier und schwungvoller. Besonders geprägt habe ihn der Zürcher Künstler Henri Schmid, dem er sich in einem Männer-Zeichenclub anschloss. Auch mit Tusche experimentierte Treichler viel in seinen Notizbüchern. «Früher hätte ich vieles zuerst mit Bleistift vorgezeichnet und wieder radiert», sagt er. Heute arbeite er direkter und spontaner. Sein Stil wurde von seinem Freund scherzhaft als «präexpressionistischer Treichler-Impressionismus» beschrieben.
Ein treuer Bewunderer
Dass Treichlers Bilder die Menschen berühren, zeigte auch die gut besuchte Vernissage. So viele Leute habe er nicht erwartet, sagte Treichler gerührt. An der Vernissage sprach Beat Thöny, ein Freund Treichlers Malerei. Aufgefallen seien ihm Treichlers Bilder zweier unterschiedlichen Ansichten der Spiegelgasse vor etwa 20 Jahren in einem Schaufenster. Weil er sich damals nicht entscheiden konnte, erwarb er kurzerhand beide.: «Ich wollte damals kein Werk von ihm kaufen, sondern zwei.» Mittlerweile besitzt er mehrere Bilder des Wipkinger Künstlers.

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