Stadt
Swissmill: Hier mahlen die Mühlen
Es ist ein beeindruckendes Bauwerk und in Zürich nicht ganz unumstritten: das Kornhaus von Swissmill am Sihlquai. Auch in Wipkingen sind nicht alle begeistert. Zeit für einen Besuch vor Ort.
26. März 2026 — Dagmar Schräder
Über Hochhäuser wird in Zürich oft und gerne diskutiert – meist im Zusammenhang damit, ob sie ein legitimes Mittel zur Verdichtung von Wohnraum in der Stadt darstellen. Doch dieses Hochhaus, nach dem Prime Tower das zweithöchste der Stadt, beherbergt weder Wohnungen noch Büros: Es handelt sich um das Kornhaus Zürich der Swissmill am Sihlquai, einen 118 Meter hohen Betonbau. Fenster finden sich nur in der obersten Etage.
Fertiggestellt wurde «das höchste Getreidesilo der Welt» – den Titel verleiht ihm zumindest Google – im Jahr 2016. An Kritik am Bauwerk wurde bereits vor und während der Errichtung nicht gespart. Insbesondere wegen der Optik und des Schattenwurfs auf die benachbarte Badi. Und nach wie vor gibt es immer wieder Reklamationen, nicht zuletzt aus der Anwohnerschaft in Wipkingen.
Ein Betrieb mit Geschichte
Antoine Bolay, Leiter Produktion und Technik von Swissmill, gewährt einen Einblick in die Produktionsanlage am Sihlquai. Diese umfasst weit mehr als nur das Silo. Denn es dient als Kornhaus; dort wird das angelieferte Getreide gelagert. Das Herzstück der Industrieanlage sind jedoch die Mühlen, die sich im Gebäude nebenan befinden und das Getreide zu Mehl verarbeiten. Das tun sie bereits seit geraumer Zeit: Das Mühlgebäude wurde im Jahr 1848 in Betrieb genommen, das erste Silo stammt aus dem Jahr 1924, dasjenige unter dem Kornhaus wurde 1957 errichtet.
Anfang der 2000er-Jahre wurden die Lagerkapazitäten knapp, daher entschied der Betrieb, die Lagerstätte direkt nach Zürich zu verlagern. Begründet wurde dies mit ökologischen und ökonomischen Argumenten. Und statt in die Fläche wurde beschlossen, in die Höhe zu bauen – dem alten Silo sozusagen mit einem Mantel einen zweiten Speicher aufzusetzen. Der Plan wurde konkretisiert: 2010 genehmigten Stadt- und Gemeinderat den Gestaltungsplan, 2011 das Stimmvolk. Der Baubeginn war 2013.
Heute ist Swissmill, die dem Mutterkonzern Coop gehört, die grösste Mühle der Schweiz. Rund 100 Mitarbeitende sind hier beschäftigt, davon über 40 gelernte Müllerinnen und Müller und sechs Lernende, die innerhalb von 24 Stunden über 1000 Tonnen Getreide verarbeiten, rund 200 000 Tonnen pro Jahr. Verarbeitet werden Brotgetreide wie Weichweizen, Roggen und Dinkel, Hartweizen für Teigwaren, Hafer für Haferflocken und andere Haferprodukte – um nur die wichtigsten zu nennen. Etwa 100 verschiedene Produkte entstehen hier, darunter auch Nebenprodukte für Tiernahrung. Das meiste Getreide stammt aus dem Inland, insbesondere beim Hafer und Hartweizen wird jedoch auch importiert.
Anlieferung per Bahn
Die Anlieferung des Getreides erfolgt fast ausschliesslich per Bahn, mit dem Güterzug, der mehrmals täglich über das eigene Gleis vorfährt und das Getreide über die Gosse und die Annahmereinigung in eines der Getreidesilos ablädt. Das Kornhaus besteht aus 44 einzelnen Zellen mit je 600 Tonnen Fassungsvermögen, wo die unterschiedlichen Getreide nach Sorten, Qualitäten und Labels getrennt gelagert werden können.
Anschliessend wird das Getreide zunächst aufbereitet und gereinigt, bevor es nach der Vermahlung über ein Rohrsystem via Passerelle in die Mehlsilos transportiert wird. Aus den Getreidesilos können die Angestellten in einem hoch differenzierten Vorgehen das richtige Mischungsverhältnis der Getreidesorten vornehmen, bevor das Naturprodukt in ein mehrstu- figes Mahlverfahren gelangt. Sechs verschiedene Mühlen sind hier in Betrieb, so gibt es für Weich- weizen, Hartweizen und Hafer eigene Mühlen, aber auch für die Biomehle.
Während der mehrstufigen Mahlung wird das Getreide immer wieder zerkleinert und ausgesiebt. Die fertigen Mehle werden dann entweder direkt in Lastwagen verladen oder noch vor Ort abgepackt. Produziert wird nicht nur für die Coop-eigenen Bäckereien und Filialen sowie eine Vielzahl weiterer Betriebe: Rund 40 Prozent der im Lande konsumierten Getreide-Mahlerzeugnisse werden hier hergestellt.
Wie aber sieht es mit den strittigen Punkten aus? Der berühmte Schattenwurf war vor allem in der Anfangsphase ein Thema, mittlerweile, so Bolay, seien die kritischen Stimmen leiser geworden. Generell betont er, der Betrieb sei sehr offen für Kritik und Anregungen aus dem Quartier. «Wir sind sogar dankbar dafür, Anregungen aus der Nachbarschaft zu erhalten.» Denn oft seien gerade durch die Kritik auch Veränderungen möglich, die nicht nur dem Quartier, sondern auch dem Betrieb zugutekommen. So etwa in Bezug auf den Lärm.
Es gebe ständig Optimierungspotenzial, man sei im stetigen Austausch mit der Anwohnerschaft – etwa beim Löwenbräuareal, das Wand an Wand mit der Mühle liegt. Aus Wipkingen seien Stimmen zu hören, die sich über die Lärmemissionen beschwerten, die durch die Produktion bei offenen Fenstern entstehe – insbesondere, da in der Mühle rund um die Uhr produziert wird. Dafür zeigt Bolay Verständnis: «Für die Funktion der Mühle sind allerdings eine gute Durchlüftung und ein hohes Luftvolumen zentrale Punkte.» Im alten Gebäude sei dies aufgrund der steigenden Produktion teilweise nur durch das Öffnen von Fenstern zu erreichen.
Besserung sei jedoch in Sicht: Die Errichtung einer Lüftungsanlage auf dem Dach sei in Planung. Gleichzeitig wird der neue, sich momentan noch im Umbau befindliche Produktionsteil, der die Ausweitung der Hafermühle und die Diversifizierung auf glutenfreie Produkte anstrebt, mit einem internen Lüftungssystem ausgestattet. «Eine interne Lüftung, die uns eine konstante Temperatur und Luftqualität gewährleistet, ist in unserem eigenen Interesse. Deshalb sind wir sehr froh drum, wenn wir im neuen Teil der Mühle keine Fenster mehr öffnen müssen.»
Zu guter Letzt: der Geruch. Hier erhält Bolay ebenfalls Rückmeldungen. Diese seien aber vorwiegend positiver Natur: Es riecht angenehm, wenn die Mühlen ihre Arbeit tun. Insbesondere der Hafer hat einen angenehmen, nussig-röstigen Geruch.

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