Wipkingen im Zweiten Weltkrieg: Der Splitterschutz im Waidhalde-Schulhaus

Die Schweiz sei 1939 und 1940 militärisch schlecht vorbereitet gewesen, heisst es allenthalben. Diese Kritik unterschätzt das föderalistische Milizsystem. Der Luftschutz in der Waidhalde kann als Beispiel dienen. Auch die Reiterstatue ist eine Erinnerung an den damaligen Widerstand.

Wipkingen 1940 – Widerstand in allen Formen. Von Martin Bürlimann und Kurt Gammeter. Wibichinga Verlag.

Wer in Militärarchiven zum Thema Schweizer Luftschutz im Zweiten Weltkrieg Unterlagen sucht, findet enttäuschend wenig, weder zur Vorbereitung noch zur Finanzierung von Massnahmen. Das heisst nicht, dass die Schweiz nicht auf die neuen Kriegsformen mit Luftangriffen vorbereitet war. Am Beispiel des Luftschutzes im Waidhalde-Schulhaus sei gezeigt, wie effizient Föderalismus und Miliz Ende der 1930er-Jahre vorgingen.

Weit vorausschauend

Die Schweiz ist mit ihrem direktdemokratischen, radikal-föderalistischen System von aussen schwer zu verstehen. Die eidgenössische Politik ist verschachtelt, unendlich verwinkelt, unverständlich; damals noch viel stärker als heute. Viele Historiker, welche die Zeitgeschichte analysieren, unterschätzen diesen Effekt.

Was rückblickend zu wenig gewürdigt wird, ist die Tatsache, dass Bundesrat und Armeespitze schon Mitte der 1930er-Jahre die grossen Linien klar erkannt hatten. Viele politische Entscheide waren weitsichtig. Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler Reichskanzler. Noch am gleichen Tag beantragte Bundesrat Minger einen Aufrüstungskredit. Im Jahr darauf, 1934, schuf ein Bundesbeschluss die Rechtsgrundlage für einen landesweiten Luftschutz.

Auf diesem Bundesbeschluss basierten auch die Schutzmassnahmen für das Waidhalde-Schulhaus. Das Milizsystem verbesserte in Schulhäusern und öffentlichen Gebäuden den Schutz vor Fliegerbomben. So kam 1940 die Luftschutzanlage Landenberg zustande und im Waidhalde-Schulhaus ein Splitterschutz mit ausgeklügeltem Evakuierungsplan: einfach, aber wirksam.

Die modernen Flugzeuge würden den Krieg in die Städte tragen, das war allen klar. Die Zürcher Behörden erwogen zusammen mit den Luftschutzinspektoren eine mögliche Evakuierung bei drohender Kriegsgefahr aller rund 20 000 Schülerinnen und Schüler zusammen mit Pflege- und Lehrpersonal.

Dies wurde verworfen, da Unterkünfte im Hinterland von Soldaten belegt seien, eine Verschiebung durch Kriegsgebiet erfolgen müsste und die Familien sich kaum von ihren Kindern trennen wollten. «Der Plan einer allgemeinen Evakuierung muss deshalb als unausführbar fallen gelassen werden», protokollierte die Schulpflege. Weiter prüfte die Zentralschulpflege, wie der Schulbetrieb aufrechterhalten oder ob die Schule komplett geschlossen werden solle.

Sternstunde der Miliz

Auslöser war eine Konferenz der kantonalen Lehrersynode vom Mai 1938. Der wichtigste Antrag der Synode war ein Auftrag an die lokalen Schulbehörden, «ein für militärische oder Luftschutzzwecke eingeteilter Lehrer und ein Stellvertreter zu bestimmen, der für die Durchführung der Luftschutzmassnahmen verantwortlich ist». Die Präsidentenkonferenz formulierte die Anträge zuhanden des Vorstandes des Gesamtkonvents. Die Zentralschulpflege der Stadt Zürich behandelte im März 1939 diese Anträge und stellte sie protokollarisch zusammen.

Zwei Gruppen von Anträgen resultierten aus der Zentralschulpflegesitzung: Gruppe A mit neun «Massnahmen, die noch in diesem Schuljahr getroffen werden sollen» und Gruppe B mit Anträgen, welche «zu Beginn des neuen Schuljahres 1939/40 zu treffen sind». Nebst der Festlegung von Verantwortlichen für Luftschutzmassnahmen in den einzelnen Schulhäusern plante die Schulpflege Hausfeuerwehren und Sanitätsabteilungen, denen auch ältere Schüler angehören sollten. Auf allen Stufen soll klassenweise Luftschutz-Aufklärung erfolgen, gefolgt von Übungen zu rascher Entleerung der Schulzimmer.

Die Statue «Junges Pferd & Reiter» von Otto Münch beim Waidhalde-Schulhaus, aufgestellt im September 1940. Diese Kunstform galt in Deutschland als «entartet». Die unscheinbare, beeindruckende Figur ist Ausdruck der tiefen Ablehnung von Tyrannei und Krieg. Auch dies war eine Form des Widerstandes gegen Nazideutschland. (Foto: BAZ)

Die Schulpflege verfasste ein detailliertes Programm dazu. «Bei Fliegeralarm sind die Schulzimmer sofort zu räumen» hiess es, und weiter: «Für jedes Schulhaus ist ein genauer Entleerungsplan aufzustellen. Aus derjenigen Klasse, deren Zimmer der Haustüre am nächsten liegt, sind 2 kräftige Knaben zu bestimmen, deren Aufgabe darin besteht, die Haustüren (Doppelflügel) zu öffnen». Die einzelnen Schulen sollen festlegen, welche Schüler direkt nach Hause in den Luftschutzkeller gehen und welche im Schulhaus-Luftschutzkeller bleiben sollen.

Bauvorstand Hefti markierte mit Rotstift zwei Massnahmen: «Das Bauamt II wird ersucht, dafür zu sorgen, dass alle Schulhaustüren nach aussen geöffnet und in dieser Stellung fixiert werden können» und eine Überprüfung der bestehenden einfachen Luftschutzmassnahmen und «Anpassung innerhalb einer Frist von drei Monaten (Beleuchtung, Anschaffung von Sandsäcken und behelfsmässigen Stützen für Luftschutzräume)», ferner die Erstellung von Unterständen auf Schulplätzen bei Schulhäusern, deren Keller nicht als Schutzraum verwendet werden kann.

Keine zentrale Planung, keine Vorgaben vom Kanton oder vom Bund: Die Schweiz setzte landesweit im Mi¬lizsystem ein effizientes Luftschutzprogramm um. Hier der zeitliche Verlauf der Entscheide zum Waidhalde¬schulhaus. Bei jedem Schritt einer Behörde gab es eine Abstimmung im Gremium und der Stadtratsbeschluss unterlag dem fakultativen Referendum.

Die Tabelle (siehe oben) zeigt das verschachtelte Vorgehen der lokalen Milizbehörden. Der vage formulierte Bundesbeschluss von 1934 bildete die rechtliche Basis. Die Gemeinden hatten Autonomie, dies umzusetzen. Die Synode legte 1938 die Verantwortlichkeiten fest, die Präsidentenkonferenz formulierte die Anträge und der Vorstand des Gesamtkonvents fasste die Aufgaben für die Zentralschulpflegen zusammen.

In allen Schulhäusern der Stadt, so auch im Waidhalde-Schulhaus, gab es Schüler- und Lehrerverzeichnisse, mit denen der Evakuierungsplan vorbereitet wurde. Alle Mütter und Väter wussten, wo ihre Kinder waren und wo sie bei einem Fliegeralarm Schutz suchten. Stadtrat und städtische Behörden setzten die Pläne um. Dabei war auch das Militär involviert; so war beispielsweise FDP-Stadtrat Stirnemann Geniechef der Stadtzürcher Truppen. Im Januar 1940 erhielt die Baufirma Locher vom Stadtrat den Auftrag zum Bau des Splitterschutzes.

In der kritischen Zeit Mitte 1940, als die Wehrmacht detaillierte Angriffspläne gegen die Schweiz ausgearbeitet hatte, war der Splitterschutz im Waidhalde-Schulhaus fertig erstellt. Auch die Bunker an der Limmat waren bezugsbereit, die Artillerie hinter dem Üetliberg in Stellung und die Sprengung aller Flussübergänge installiert. Man kann die Kritik an der angeblich schlechten Vorbereitung der Schweiz umdrehen und die Frage stellen: Welches europäische Land war 1939 besser für einen Krieg gewappnet als die Schweiz?

«Entartete Kunst» in Wipkingen

Beim Waidhalde-Schulhaus steht ein besonderes Reiterstandbild. Im Oktober 1933 feierlich eröffnet, war es das damals modernste Schulhaus der Schweiz. Im September 1940 stellte die Stadt die bescheidene, aber beeindruckende Statue von Bildhauer Otto Münch auf. «Das lebensgrosse Bildwerk beherrscht den weiten, freien Platz vor dem Schulgebäude und betont mit dem stark vortretenden Sockel zugleich die Ecke, wo die offene Durchgangshalle an die lange Bauflucht anschliesst», hiess es bei der Einweihung.

Der Bildhauer Otto Münch stammte aus Meissen, 1911 zog er nach Zürich, wo er 1923 das Bürgerrecht erhielt. Als vorbildhaft für seine Bronzeplastiken nannte er Käthe Kollwitz oder Ernst Barlach; beide waren in Nazideutschland als «entartet» verfemt. Von Münch stammen nebst Brunnenskulpturen oder Plastiken beispielsweise das Portal am Grossmünster oder das Pfeilerrelief der Nationalbank an der Börsenstrasse.

Der Sockel gehört zum Bau und stammt nicht vom Bildhauer. Münch hat seine Statue gezielt auf dem Sockel platziert. Die schlichte, figurative Statue ist eine Form des Widerstandes gegen die brutale, verbrecherische Diktatur im Norden.

Quelle: «Wipkingen 1940 – Widerstand in allen Formen»

Martin Bürlimann, Kurt Gammeter: «Wipkingen 1940 – Widerstand in allen Formen», Wibichinga Verlag, 2026.

Das neue Buch von Martin Bürlimann und Kurt Gammeter beschreibt den vielfältigen Widerstand gegen Nationalsozialismus und Faschismus in der Kriegszeit. Wipkingen im Jahr 1940 ist ein Abbild der Schweiz im Kleinen. Nebst militärischen Massnahmen gab es Widerstand in vielen Formen. Das Buch zeigt die militärischen Vorbereitungen anhand der noch sichtbaren Relikte an der Limmat. Die Wipkinger Tagungen sind beschrieben, ebenso die subtile, aber harte Ablehnung des Totalitarismus in Wipkingen. Das Buch erscheint im Wibichinga Verlag.

Der Splitterschutz: Die Entscheide in chronologischer Reihenfolge

Das Milizsystem der Schweiz ist keineswegs langsam, wie man oft hört. Lange vor dem Kriegsausbruch im September 1939 bereitete man sich vor auf die neuen Kriegsformen mit Bombenflugzeugen, welche die Kämpfe mitten in die Städte tragen würden. Die Kinder im Waidhalde-Schulhaus brauchen Schutz vor solchen Bombenangriffen.

Hier in chronologischer Folge (zusammengestellt von Martin Bürlimann und Kurt Gammeter) die Entscheide; beantragt, beschlossen  und umgesetzt von Milizgremien in der Stadt Zürich. In der ganzen Schweiz setzten die Gemeinden die rudimentären Vorgaben des Bundes von 1934 um.

Im März 1939 begann dieser Prozess und im Mai 1940, als die Angriffspläne der Wehrmacht gegen die Schweiz ausgearbeitet waren, war der Splitterschutz im Waidhaldeschulhaus (und in den anderen Schulhäusern in Zürich) fertig gestellt, inklusive einem detaillierten Evakuierungsplan. Jedes Kind wusste, wohin es bei einem Luftalarm gehen musste.

Die Bildergalerie zeigt chronologisch Ausschnitte aus den Protokollen und Beschlüssen. Die Originaldokumente sind im Stadtarchiv aufbewahrt.

Die Zentralschulpflege besprach am 23. März 1939 Luftschutzmassnahmen in Schulanlagen und formu¬lierte Vorschläge. Die Anträge dazu stammten von der Konferenz der kantonalen Lehrersynode. Das Protokoll war «streng vertraulich» klassifiziert.

Im Protokoll der Zentralschulpflege vom 23. März 1939 sind die verfügbaren Lehrer der stadtzürcher Schulen aufgelistet, inklusive Einteilung in Luft¬schutz, Schülerbetreuung und Massnahmen. Die Vorbereitung der Luftschutzmassnahmen erfolg¬te detailliert und gewissenhaft. Für das angehende Schuljahr 1939/40 musste jeder Klassenlehrer ein Verzeichnis erstellen, wohin sich jeder Schüler im Alarm zu begeben hat. Dies wurde mit allen Familien abgesprochen. Wichtig: Die Armee war beteiligt, Luftschutzinspektor Wiesendanger nahm an den Sitzungen zum Evakuierungsplan teil. Die Vorschläge stammen aber von den zivilen Milizbehörden, nicht von der Armee.

Effizienz des Milizsystems: Die Schulpflege formu¬lierte Vorschläge und die städtische Exekutive setzte sie um. Der Vorsteher des Bauamts II, Stadtraft Hefti, erteilte am 14. April 1939 auf Antrag der Schulpflege dem Hochbauinspektorat den Auftrag, im Waidhal¬deschulhaus «in Verbindung mit dem Schulamt und dem Luftschutzinspektorat ungesäumt die nötigen Massnahmen zu treffen».

Entstehung eines Zirkularbeschlusses aus dem Hochbauinspektorat: am 9. Januar 1940 redigierten Stadtrat Hefti, Vorsteher Bauamt II und Stadtrat Stirnemann, Vorsteher Bauamt I und gleichzeitig Geniechef des Stadtkommandos, die Aufträge an eine Baufirma.

Die Visierung für den Waidhalde-Luftschutz erfolgte am Folgetag durch Hefti, Stirnemann und Stadtpräsident Klöti am 10. Januar 1940 zuhanden der Kanzlei.

Stadtratsbeschluss vom 11. Januar 1940: Auftrags¬vergabe der Luftschutzmassnahmen im Waidhal¬deschulhaus an die Baufirma Locher & Co., Zürich 1: «Erd- und Maurerarbeiten für die Erstellung von Kellerabgängen zu Luftschutzzwecken im Schulhaus Waidhalde» für Fr. 15‘043.80. Die Finanzierung erfolgte durch das städtische Budget, nicht durch das Armeebudget des Bundes. Daher findet man praktisch nichts, wenn man in Schweizer Archiven nach «Luftschutz in den Schulhäusern» sucht. Die Kritik, die Schweiz sei schlecht auf den Krieg vorbereitet gewesen, unterschätzt den Beitrag der Gemeinden und der Milizbehörden.

Keine zentrale Planung, keine Vorgaben vom Kanton oder vom Bund: Die Schweiz setzte landesweit im Mi¬lizsystem ein effizientes Luftschutzprogramm um. Hier der zeitliche Verlauf der Entscheide zum Waidhalde¬schulhaus. Bei jedem Schritt einer Behörde gab es eine Abstimmung im Gremium und der Stadtratsbeschluss unterlag dem fakultativen Referendum.

Keine zentrale Planung, keine Vorgaben vom Kanton oder vom Bund: Die Schweiz setzte landesweit im Mi¬lizsystem ein effizientes Luftschutzprogramm um. Hier der zeitliche Verlauf der Entscheide zum Waidhalde¬schulhaus. Bei jedem Schritt einer Behörde gab es eine Abstimmung im Gremium und der Stadtratsbeschluss unterlag dem fakultativen Referendum.

Einfach, funktional, wirksam: Die Türen im Waidhalde-Schulhaus öffneten sich nach dem Umbau 1940 nach aussen. Synode, Schulpflege, Luftschutz, Stadtkommando, Bauamt und Stadtrat setzten dies im Rahmen des Evakuierungsplans um. (Foto: Kurt Gammeter, 2026)

Einfach, funktional, wirksam: Die Türen im Waidhalde-Schulhaus öffneten sich nach dem Umbau 1940 nach aussen. Synode, Schulpflege, Luftschutz, Stadtkommando, Bauamt und Stadtrat setzten dies im Rahmen des Evakuierungsplans um. (Foto: Kurt Gammeter, 2026)

Wipkingen 1940 – Widerstand in allen Formen. Von Martin Bürlimann und Kurt Gammeter. Wibichinga Verlag.

Wipkingen 1940 – Widerstand in allen Formen: Das neue Buch von Martin Bürlimann und Kurt Gammeter beschreibt den vielfältigen Widerstand gegen Nationalsozialismus und Faschismus in der Kriegszeit. Wipkingen im Jahr 1940 ist ein Abbild der Schweiz im Kleinen. Nebst militärischen Massnahmen gab es Widerstand in vielen Formen. Das Buch zeigt die militärischen Vorbereitungen anhand der noch sichtbaren Relikte an der Limmat. Die Wipkinger Tagungen sind beschrieben, ebenso die subtile, aber harte Ablehnung des Totalitaris¬mus in Wipkingen. Das Buch erscheint im Wibichinga Verlag.

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