Politik
«Wir stehen für einen solidarischen Kanton ein»
Das Doppelinterview mit Melanie Berner und Nicole Wyss, AL-Kandidierende für den Regierungsrat. Die Fragen stellte Judith Stofer. Ein Beitrag der Alternative Linken.
5. Oktober 2026 — Eingesandter Artikel
Melanie Berner und Nicole Wyss, ihr tretet gemeinsam für einen Regierungsratssitz im Kanton Zürich an. Wie geht das?
Melanie: Technisch ist es ganz einfach: Jede von uns kandidiert für einen Sitz. Dahinter steht aber folgende Idee: Wird eine von uns gewählt, wird sie von der anderen unterstützt und die Arbeit, wo immer möglich, aufgeteilt.
Nicole: Es ist keine klassische Zweierkandidatur – eine gegen die andere –, sondern eine Kandidatur mit vereinten Kräften.
Ihr habt ein grosses Medienecho ausgelöst. Dabei stand auch das Schlagwort Topsharing im Zentrum. Was heisst das?
Nicole: Topsharing bedeutet Jobsharing in einer Führungsposition. In der Privatwirtschaft und Verwaltung gibt es solche Co-Leitungen bereits. Im politischen Betrieb wird das Modell erst bei einigen Fraktionspräsidien und Parteileitungen praktiziert. Wir möchten, dass Topsharing auch in politischen Spitzenämtern möglich wird.
Melanie: Ein Regierungsratsamt übersteigt ein Vollzeitpensum bei Weitem. Damit werden viele fähige Menschen faktisch ausgeschlossen, etwa, weil sie Care-Aufgaben wahrnehmen. Das ist nicht mehr zeitgemäss.
Ihr seid beide als ehemalige und aktuelle Kantonsrätinnen mit der kantonalen Politik vertraut. In welchen Bereichen läuft es im Kanton gut?
Melanie: Wir wohnen in einem schönen und unglaublich vielseitigen Kanton mit erstklassigen Bildungs-, Forschungs- und Gesundheitsinstitutionen, einer guten Verkehrsinfrastruktur und einem breiten kulturellen Angebot. Politisch fällt es mir allerdings schwer zu sagen, was gut läuft. Gut ist, dass die AL mit ihrer linken Oppositionspolitik auch kantonale Wirkung erzielt. Der Mangel an preisgünstigem Wohnraum ist dank AL ein politisches Thema geworden.
Nicole: Genau! Auch im Bereich der Bekämpfung der häuslichen Gewalt. Es ist massgeblich der AL zu verdanken, dass das Gewaltschutzgesetz angepasst wurde, dass der Regierungsrat die getroffenen Massnahmen evaluieren und darüber berichten muss. Ausserdem haben wir mit unserer Forderung nach einer Abschaffung des Langzeitgymnasiums die wichtige Debatte über die (zu) frühe Selektion, die soziale Ungleichheit und die mangelnde Chancengerechtigkeit angestossen.
In welchen Bereichen seht ihr Verbesserungsbedarf?
Nicole: Oh in vielen! Ganz klar bei der Vereinbarkeit von Berufsleben und Care-Verpflichtungen. Dazu gehören bessere Arbeitsbedingungen für Pflege-, Betreuungs- und pädagogisches Personal, die Umsetzung der Pflegeinitiative und eine bessere Versorgung im Bereich der psychischen Gesundheit. Und wer arbeitet, soll genug verdienen, um davon leben zu können.
Melanie: Handlungsbedarf besteht auch in der Steuer-, Wohn-, Umwelt- und Verkehrspolitik sowie beim Schutz der Grundrechte. Bei den Steuern sollen Unternehmen und Unternehmende ihren fairen Anteil an die allgemeinen Kosten leisten. Wir wollen bezahlbaren Wohnraum auch für Menschen mit tiefen Einkommen, weniger motorisierten Individualverkehr und Priorität für Klimaschutzmassnahmen.
Was würdet ihr als Erstes nach eurer Wahl in den Regierungsrat anpacken?
Melanie: Das hängt natürlich von der Direktion ab. Unabhängig davon würde ich die Vereinbarkeit verbessern, mich für marginalisierte und prekarisierte Menschen einsetzen und die direktionsübergreifende Zusammenarbeit stärken.
Nicole: Mehr zusammen statt allein. Wir teilen die Vision eines solidarischen Kantons und sind überzeugt, dass Zusammenarbeit bessere Resultate bringt. Gerade beim Klimawandel braucht es direktionsübergreifende Lösungen – etwas bei Hitzeminderung, Naturschutz und dem Schutz vor Extremwetter.
Der aktuelle Regierungsrat blockiert alle Tempo-30-Massnahmen und führt wieder Tempo 50 ein. Was sagt ihr dazu?
Nicole: Ich finde die Haltung des Kantons kurzsichtig und unverständlich. Nebst dem gesundheitsschädigenden Lärm geht es auch um die Sicherheit des Langsamverkehrs und den Umweltschutz.
Melanie: Es ergibt keinen Sinn, dass der Kanton entgegen den Bedürfnissen vieler Gemeinden und Bewohnenden und bundesrechtlicher Vorgaben auf Tempo 50 besteht und Tempo 30 verhindert. Die Blockade des städtischen Verkehrsberuhigungsprojekts an der Rosengartenachse demonstriert diese Haltung exemplarisch.
Melanie Berner
Melanie Berner (45) wohnt seit 24 Jahren in der Stadt Zürich. Gekommen um Politikwissenschaft, Ethnologie und Geschichte zu studieren, geblieben, weil sie hier ein Zuhause gefunden hat. Sie lebt mit ihren Kindern (7 und 10) im Kreis 9. Nach elf Jahren engagierter Tätigkeit bei einer Mediengewerkschaft, u.a. als verantwortliche Fachsekretärin für Medienpolitik, hat sie sich 2025 beruflich dem bildungs(-politischen) Bereich zugewandt. Von 2019 bis 2023 hat sie die Alternative Linke im Zürcher Kantonsrat vertreten und seit Juni 2026 ist sie ein gewähltes Mitglied der Kreisschulbehörde Zürichberg.
Nicole Wyss
In Adliswil geboren und aufgewachsen, hat Nicole Wyss (50) nach dem Studium der Kunstgeschichte, Kommunikation & Journalistik und deutschen Literatur in Freiburg und Paris wieder nach Zürich zurückgefunden, wo sie mit ihrer Familie (Kinder: 10 und 13) seit 20 Jahren im Kreis 3 zu Hause ist. Beruflich hat sie neben redaktionellen Arbeiten für Film- & Gamefestivals gearbeitet, war für Video- und Fernsehproduktionen tätig und hat Film- und Fotorecherchen für Museumsprojekte ausgeführt. Seit 2014 ist sie ein gewähltes Mitglied der Kreisschulbehörde Limmattal und seit Herbst 2021 vertritt sie die Alternative Linke im Zürcher Kantonsrat.

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