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Stadtspital Waid

Diabetes kommt meist auf leisen Sohlen

28. Juni 2017 von

Foto: zvg

Die Diabetesberaterin erklärt den Umgang mit dem Blutzuckermessgerät.

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Online seit
28. Juni 2017

Printausgabe vom
29. Juni 2017
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Fast eine halbe Million Menschen leidet in der Schweiz an Diabetes Mellitus. Etwa die Hälfte davon ohne es zu wissen. Unser Lebensstil mit viel Essen und wenig Bewegung spielt dabei eine grosse Rolle.

«Früher habe ich den Zucker aus der Büchse gegessen», erinnert sich Marlies Schönbächler. «Meine Mutter sagte immer, ich werde einmal die Zuckerkrankheit bekommen.» Zum Glück traf dies nicht ein. Die junge Marlies war gertenschlank und immer in Bewegung, offenbar brauchte sie die Energie einfach. Heute arbeitet Marlies Schönbächler als Diabetesberaterin im Stadtspital Waid. Schlank ist sie immer noch, aber im Umgang mit Süssem vorsichtiger geworden. Ebenso mit Brot zu den Mahlzeiten. Die darin enthaltenen Kohlenhydrate, auch wenn sie nicht süss schmecken, spalten sich nämlich bei der Verdauung ebenfalls in Traubenzucker auf. «Der Mensch braucht Kohlenhydrate», betont Schönbächler, «doch vor allem in der zweiten Lebenshälfte in vernünftigem Mass.» Was passieren kann, wenn dieses Mass tagtäglich überschritten wird, sieht die Diabetesberaterin in ihren Sprechstunden.

Häufig zu spät erkannt

In der Schweiz leiden schätzungsweise 500 000 Menschen an Diabetes Mellitus. Etwa die Hälfte von ihnen weiss noch gar nichts davon. Denn der «Zucker», wie der Volksmund den Diabetes liebevoll verharmlosend nennt, kommt meistens auf leisen Sohlen. «Die Blutzuckerwerte liegen vielleicht immer im oberen Bereich», erklärt Marlies Schönbächler, «doch weil das nicht wehtut, merken die Betroffenen nichts und machen weiter mit ihrem oft ungesunden Lebensstil». Nicht selten wird die chronische Erkrankung erst erkannt, wenn der überschüssige Zucker im Blut bereits Schäden angerichtet hat, unter anderem Sehstörungen, Wunden, die kaum verheilen, oder verkalkende Arterien. Im gesunden Körper produziert die Bauchspeicheldrüse nach der Einnahme von Kohlenhydraten Insulin. Dieses Hormon wirkt wie ein Schlüssel, der die Körperzellen öffnet. Durch das «geöffnete Türchen» können die Zuckermoleküle aus dem Blut in die Zellen eintreten, wo sie in Energie umgewandelt werden. Bei Diabetikerinnen und Diabetikern fehlt entweder das Insulin oder die Zellen sind dagegen resistent geworden. Deshalb bleiben die Körperzellen verschlossen und der Zucker staut sich im Blut. Bereits Kinder können an dieser chronischen Stoffwechselstörung erkranken. In diesem Fall handelt es sich um den Diabetes Typ 1, eine Autoimmunerkrankung: Das körpereigene Immunsystem zerstört dabei die Betazellen der Bauchspeicheldrüse, so dass diese kein Insulin mehr produzieren kann. 90 Prozent der Erkrankten gehören jedoch zum Diabetes Typ 2. Früher war dieser als «Altersdiabetes» bekannt. Heute betrifft er zunehmend auch jüngere Menschen mit Bewegungsmangel und starkem Übergewicht, den beiden wichtigsten Risikofaktoren für Diabetes (neben der Vererbung). Wie alle anderen Körperzellen wollen eben auch die Fettzellen «gefüttert» sein und die Bauchspeicheldrüse muss dafür so viel Insulin produzieren, dass sie möglicherweise ermüdet und ihre Produktion einstellt. Oder es passiert, dass die Körperzellen mit der Zeit gegen das Insulin unempfindlich werden, so dass der hormonelle Schlüssel klemmt und die Zellen für die Zuckeraufnahme verschlossen bleiben.

Typ 2 ist gut kontrollierbar

Während Typ-1-Diabetikerinnen und -Diabetiker lebenslang täglich fünfmal ihren Blutzucker messen und Insulin spritzen müssen, können vom Typ 2 Betroffene ihre Krankheit durch einen gesünderen Lebensstil gut kontrollieren. Im besten Fall bringt die verbesserte Stoffwechselsituation den Diabetes sogar zum Verschwinden. «Das braucht allerdings Konsequenz», räumt Marlies Schönbächler ein. «Sobald man ins alte Fahrwasser zurückfällt, ist auch der Diabetes wieder da».

Symptome Durst und Müdigkeit

Ein neu auftretender Diabetes kündigt sich manchmal mit starkem Durst, häufigerem Wasserlassen, Müdigkeit und Gewichtsabnahme an. Gerade bei Typ-2-Betroffenen fehlen diese Warnzeichen indes häufig oder werden ignoriert. Zum Routine-Check-up in der Hausarztpraxis gehört daher in der Regel auch eine Blutzuckermessung im nüchternen Zustand. Oft wird auch der sogenannte Dreimonatszucker-Test durchgeführt, der einen Durchschnittswert über die zurückliegenden drei Monate ergibt.
Marlies Schönbächlers wichtigster Rat zur Prävention von Diabetes lautet: «Viel Bewegung!» In einem Körper, der sich bewegt, werden die Zellen empfänglicher für das Insulin. Und aus Erfahrung fügt sie gleich noch einen Tipp an: «Hände weg vom Orangensaft». Immer wieder hört die Diabetesberaterinnen von Patientinnen oder Patienten, dass diese täglich einen oder zwei Liter dieses vermeintlich gesunden Getränks zu sich nehmen. «Doch Orangensaft enthält viel Zucker – wenn man ihn weglässt, ist das oft schon die halbe Miete».

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