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Katholische Pfarrei Guthirt

Guthirt-Pfarrer in Bangladesch

30. März 2017 von

Foto: Beat Häfliger

Die Primarschüler folgen voller Interesse dem Unterricht.

Foto: Beat Häfliger

Die Sekundarschüler begrüssen die Reisegruppe mit Gesang und Blumen.

Foto: Beat Häfliger

Eine ehemalige Berufsschülerin in ihrem eigenen, erfolgreichen Atelier beim Markt.

Von

Online seit
30. März 2017

Printausgabe vom
30. März 2017
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Gemeinsam mit dem Geschäftsführer des Hilfswerkes Co-Operaid sowie Dorothea und Philipp Baur besuchte der Guthirtpfarrer Beat Häfliger das Schulprojekt «Uphassak» in den Hills Tracks, dem Berggebiet von Bangladesch. Beeindruckt von den herzlichen Menschen sowie überzeugt von der Nachhaltigkeit des Projektes berichtet er von seiner Reise.

Bruno Enz: Sie haben sich entschlossen, in Bangladesch vor Ort die Projekte zu besuchen. Warum?

Beat Häfliger: Der Pfarreirat lancierte und unterstützt seit einem Jahr die Patenschaft mit dem Projekt «Uphassak» des Hilfswerkes Co-Operaid, welches ebenfalls in Wipkingen seinen Sitz hat. In Zusammenarbeit mit einem Partnerhilfswerk vor Ort, der Humanitarian Foundation, wird unter anderem mit unseren Spenden der Bau und die Führung von Schulen im Berggebiet von Bangladesch finanziert. Unsere Pfarrei hat innert weniger Monate den schönen Betrag von 25 000 Franken aufgebracht. Bewusst wollte ich vor Ort sehen, was mit dem Geld geschieht, wie die Schulen funktionieren, um unseren Pfarreiangehörigen 1:1 vom Projekt erzählen zu können.

Gemeinsam mit Marcel Auf der Maur, dem Geschäftsführer von Co-Operaid und zwei weiteren Mitreisenden, Dorothea und Philipp Baur, sind Sie nach Bangladesch gereist. Was waren Ihre ersten Eindrücke nach der Ankunft?

Nach drei Flügen – Zürich-Dubai, Dubai-Dhaka und Dhaka-Cox Bazar – wurden wir von den Mitarbeitern des Partnerhilfswerkes Humanitarian herzlich begrüsst und dann mit einem Kleinbus nach Bandarban, einer Stadt mit rund 60 000 Einwohnern gefahren. Auf der rund vierstündigen Fahrt tauchten wir in eine vollkommen andere Welt ein. Manchmal musste ich mich in den Arm kneifen, um zu realisieren, dass ich nicht träume, sondern dass die Reise Wirklichkeit ist. Wie in England herrscht auch in Bangladesch Linksverkehr. Der Verkehr auf der Strasse ist ein Erlebnis für sich: Neben Autos, Bussen, Velos, Mofas und Fussgängern tummeln sich da auch Kühe, Ziegen und andere Tiere. Laut hupend machen sich die Verkehrsteilnehmer bemerkbar und haarscharf werden da die Wege gekreuzt. Das ganze Leben findet wie auf der Strasse beziehungsweise am Stras­senrand statt. Es war wirklich ein Erlebnis. Kurz vor Bandarban mussten wir dann bei einem Militärcheckpoint anhalten. Das von uns bereiste Gebiet steht unter Militäradministratur. Das Militär musste uns die Bewilligung für unsere Reise erteilen.

Sie waren während der ganzen Reise rund um die Uhr unter Polizeischutz. Wie fühlte sich das an?

Ab dem Checkpoint stiessen fünf Polizisten mit einem Geländewagen zu uns, die uns nachher Schritt auf Tritt begleiteten. In der Vergangenheit gab es leider im Land Übergriffe an westlichen Touristen. Deshalb ist die Polizeibegleitung bei einer Gruppe wie unserer obligatorisch. Die Polizisten waren sehr offen, hilfsbereit, interessiert und genossen ihrerseits die doch etwas spezielle Fahrt mit uns durch ihr eigenes Land. Natürlich sorgten wir so überall für Aufsehen: Wir Europäer – davon einer, Philipp Baur, über zwei Meter gross und also eine Attraktion für die eher klein gewachsenen Einheimischen – fünf bewaffnete Polizisten sowie vier bis fünf Leute von Humanitarian: Das liess die Leute natürlich neugierig zusammenströmen. Angst hatte ich nie.

Ab Dienstag haben Sie dann Schulen und Lehrabgänger besucht. Was erlebten Sie da?

Nach einem freien Montagabend und Dienstagmorgen – übernachtet haben wir in einem einfachen Hotel in Bandarban – ging es Schlag auf Schlag los. Wir besuchten die Hostels der Sekundarschülerinnen und -schüler und konnten dort die «Internate» anschauen. Von den Kindern und Jugendlichen wurden wir überall mit grosser Freude, mit Blumen und Schals, mit Gesängen und Tänzen willkommen geheissen. Am Mittwoch folgten zwei Primarschulen und die Berufsschule in Thanchi, wo wir dann ab Mittwochabend auch übernachteten.

Inwieweit konnten Sie sich von der Qualität und der Nachhaltigkeit der Schulprojekte überzeugen?

Wir konnten vor Ort den Unterricht erleben und sahen, wie geschickt auch moderne Geräte mit Bluetooth eingesetzt werden um Musik abzuspielen, aber trotzdem mit den traditionellen Mitteln der Landbevölkerung gearbeitet wird. Gekocht wird auf Feuer. Alle Schulen folgen dem Leitsatz: Hilfe zur Selbsthilfe. Bewusst werden als Lehrerkräfte Einheimische eingesetzt. Bei allen Schulen gibt es Gärten, die zur Selbstversorgung aber auch zur Schulung genutzt werden. Ein kleiner Bauernhof, vom Projekt übernommen, ermöglicht einer Familie ein Einkommen, sorgt aber auch für die Unabhängigkeit von Einkauf und dort vorhandenen oder eben nicht vorhandenen Esswaren. Beim Besuch von Abgängern der Berufsschule – eine Lehre dauert dort nicht wie in der Schweiz drei bis vier Jahre, sondern lediglich vier bis sechs Monate – konnten wir uns überzeugen, dass die jungen Erwachsenen von der Ausbildung profitiert haben und nun selber mit innovativen Ideen ein sicheres Einkommen haben. Mit eigenen Augen konnten wir feststellen, dass jeder Rappen sinnvoll eingesetzt wird.

Wie waren die Lebensbedingungen?

In Bandarban lebten wir im Hotel zwar sehr einfach, aber wie in Europa. Das änderte sich dann in Thanchi, wo wir ab Mittwoch übernachteten. Dort gab es dann nur ein Steh-WC, als Spülung diente ein Wasserkübel. Ein Kübel mit kaltem Wasser stand am Morgen zum Duschen bereit. Zur Malariaprophylaxe schliefen wir unter einem Moskitonetz. Das Essen war gut gekocht, natürlich zum Teil sehr scharf, keineswegs nur Reis, sondern auch Nudeln, Gemüse und Eier gehörten zum Speiseplan. Ja, wir lebten einfach, aber auch das ist eine Kopfsache. Nach ein paar Tagen hat man sich daran gewöhnt, vor allem, wenn man die ganze Zeit mit wirklich herzensguten, gastfreundlichen Menschen zusammen ist.

Was war das schönste Erlebnis?

Für mich waren es einfach alle Begegnungen, mit den Kindern und Jugendlichen, aber auch mit den Mitarbeitern des Hilfswerks Humanitarian, die uns sehr herzlich und mit viel Tiefgang durch diese Tage begleiteten. Speziell war eine Schule in einem kleinen Dorf: Die Erstklässler waren dort so begeistert, anhänglich und voller Respekt und sangen zum Abschluss spontan ein Lied. Ja, die Menschen von Bangladesch haben definitiv einen Platz in meinem Herzen erobert. Es war für mich ein Geschenk, mit ihnen das Leben zu teilen und von ihnen zu hören, wie sie unsere Welt sehen.

Was hat Sie nachdenklich gestimmt?

Die Armut der Menschen, gerade in den Städten. In Cox Bazar besuchten wir vor dem Abflug den bekannten Strand. Im Nu waren wir am Schluss von bettelnden Kindern und ihren Müttern umgeben und mussten beinahe die Flucht ergreifen vor den aufdringlichen Menschen. Nein, helfen können wir nie allen, aber wir können gezielt Menschen unterstützen, die wiederum andere unterstützen und so das Domino einer neuen sozialen Ordnung im Land in Bewegung setzen.

Was nehmen Sie von der Reise mit in Ihren Alltag?

Auf jeden Fall die Menschen, all diese herzlichen Kinder, aber auch Erwachsenen. Mit Abraham, einem der Mitarbeiter, habe ich viele Stunden über Gott und die Welt gesprochen. Ebenso nehme ich den Leitsatz: «Hilfe zur Selbsthilfe», auch als Ansatzpunkt für unsere Arbeit hier in der Pfarrei, in unserem Quartier mit. Auch wir können Projekte und Hilfen anstossen, die dann selber weiterlaufen. Das ist wohl die nachhaltigste Art, etwas in dieser Welt zu bewirken.

Interview: Bruno Enz

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