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Quartierleben

«Ich bin ein Bewahrer»

30. März 2017 von

Foto: Patricia Senn

Urs Räbsamen vor seinem Chalet an der Burgstrasse in Wipkingen.

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Online seit
30. März 2017

Printausgabe vom
30. März 2017
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Er ist der Grund dafür, dass heute kein Hochhaus auf der Nordbrücke steht und dafür das «Nordbrüggli» zu einer über die Quartiergrenzen hinaus beliebten Beiz geworden ist. Urs Räbsamen ist der Mann im Hintergrund. Der «Wipkinger» hat ihn getroffen.

Urs Räbsamen wuchs in bescheidenen Verhältnissen in der Ostschweiz auf, genauer: In Rorschach. Der Vater war als Chauffeur für die kanadische Firma Alcan tätig und viel unterwegs, oft auch im Wallis, wo die Aluminiumproduzentin ihren Hauptsitz hatte. Eine Fahrt ins Wallis und zurück dauerte damals ganze drei Tage, streckenweise konnten die Camions nur im Schritttempo fahren, erinnert sich Räbsamen. Das Familienhaus hatte noch kein Badezimmer, das Plumpsklo befand sich in einem kleinen Anbau, die Badewanne stand in der Küche. Gebadet wurde einmal in der Woche, natürlich benutzten alle Kinder dasselbe Wasser. Es gab keinen Fernseher und kein Auto.

«Wipkinger»: Urs Räbsamen, wie sind Sie nach Zürich gekommen?

Urs Räbsamen: Nach einer Lehre als Bauzeichner fand ich in der Ostschweiz keine Stelle mehr. Meine Grossmutter ermutigte mich damals, nach Zürich zu gehen und so konnte ich 1977 tatsächlich im Tiefbauamt der Stadt Zürich anfangen. Da war ich zwanzig Jahre alt. Meine Eltern haben mir mitgegeben, dass Geld nicht so wichtig ist, eine gute Ausbildung dafür umso mehr. Das habe ich mir zu Herzen genommen. Zwischen zwanzig und dreissig machte ich den Bauingenieur am Abend-Technikum, hängte noch eine Weiterbildung zum Immobilientreuhänder an und erreichte im Militär den Grad Major. Parallel arbeitete ich weiter als Tiefbauzeichner. Das war ein grosses Glück, denn bei der Stadt konnte ich mein neu erworbenes Wissen immer gleich anwenden, so arbeitete ich nach der Hälfte der Ausbildung bereits als Ingenieur. Mit 35 Jahren zog es mich dann aber weg vom Tiefbauamt. Es war eine Zeit mit vielen Skandalen, die Stadtverwaltung war in Verruf, um 1992 herum war das. Ich entschied mich, mich selbständig zu machen. Im Bereich Tiefbau war aber gerade Flaute, also suchte ich Alternativen und fand sie im Umbau von Liegenschaften. Damals konnte man für sehr wenig Geld Häuser kaufen.

Es ergab sich, dass er ein Ingenieurbüro übernehmen konnte, das Reserven in Form von offenen Debitorenrechnungen gebildet hatte. Er forderte die offenen Beträge ein und kaufte sich damit sein erstes Haus im Kreis 4. Im Parterre war eine Motorradwerkstatt eingemietet, oben gab es drei, vier Wohnungen. Die Toilette lag auf dem Flur, es gab kein Badezimmer und keine Heizung, man heizte mit dem Ofen. Hier sanierte Räbsamen zum ersten Mal, seine Büroräumlichkeiten befinden sich heute noch immer an dieser Adresse. Sein Wissen als Tiefbauzeichner und Ingenieur gekoppelt mit seinen betriebswirtschaftlichen und buchhalterischen Kenntnissen erwiesen sich als sehr nützlich. Für den Hochbau stellte er Architekten an und arbeitete sich selber in die Thematik ein. Bald kamen weitere Liegenschaften dazu, so erhielt er in Wipkingen den Zuschlag für das erwähnte «Nordbrüggli», den Bahnhof Wipkingen, drei Häuser an der Burgstrasse.

Die Baugenossenschaften in Zürich tun sich schwer, bei Hausverkäufen mitbieten zu können. Ihnen werden ganze Gebäude zugetragen – wie erklären Sie sich das?

Als erstes muss ich sagen, dass ich persönlich finde, dass jetzt nicht der richtige Moment ist um Häuser zu kaufen. Wieso in einen Markt drängen, der total aufgeblasen ist? Das grosse Problem ist, dass sich die öffentliche Hand und Bauträger ständig überbieten und das Ganze überhitzen. Dabei könnte die öffentliche Hand ihre bestehenden Immobilien begutachten und überlegen, wie das Potential besser genutzt werden kann. Sie besitzen so viele Liegenschaften, die man sanieren und verdichten könnte. Man müsste nicht unbedingt neue dazu kaufen. Deshalb bin ich im Moment sehr zurückhaltend. Andererseits ist es wirklich so, dass ich immer wieder Anfragen von Leuten erhalte, die ein Objekt verkaufen wollen, aber gleichzeitig möchten, dass es so erhalten bleibt, wie es ist. Das war auch bei den drei Gebäuden an der Burgstrasse so. Es hat sich scheinbar herumgesprochen, dass da einer ist, der renoviert und umbaut, ohne das Aussehen gross zu verändern. Ich bin ein Bewahrer. So komme ich zu diesen Liegenschaften. Dann muss man aber auch sehen, dass das Risiko bei Gastro-Liegenschaften, wie dem Nordbrüggli oder dem Rössli in Aesch sehr hoch ist. Man kann unter Umständen viel Geld verlieren, wenn das Unternehmen im Haus nicht läuft. Nur wer eine gewisse Anzahl Objekte und auch die Liquidität besitzt, kann das aushalten. Ich habe das selber erfahren mit einer Liegenschaft in der Ostschweiz, bei der es einfach nicht funktionieren wollte mit dem Restaurant, das hat mich eine Menge gekostet. Aber dank des Fundaments, das ich mir in den letzten 25 Jahren erarbeitet habe, konnte ich es tragen. Verkaufen will ich dieses schöne Objekt aber trotzdem nicht, es wäre sehr schade, wenn es in private Hände käme und nicht mehr für die Öffentlichkeit zugänglich wäre.

Wie gehen Sie denn mit diesem Druck um?

Ich denke immer, dass ich ein riesiges Glück habe, dass ich quersubventionieren kann. So muss ich mich nicht zu sehr darauf konzentrieren, was alles schief geht oder gehen könnte. Es ist auch etwas anderes, Geld zu verlieren, wenn die Leute auch noch unzufrieden dabei sind. Wenn ich etwas Gutes mache, das die Leute glücklich macht, und das dann trotzdem nicht hinhaut, dann habe ich wenigstens für etwas Positives Geld verloren. Ich konzentriere mich auf das, was gut läuft. Das ist vielleicht nicht immer richtig, aber es ist meine Überlebensstrategie. Man kann schon an seine Belastungsgrenzen kommen. Früher dachte ich, man gut situiert sei, habe man keine Sorgen mehr. So ist es natürlich nicht, es eröffnen sich einem einfach mehr Möglichkeiten. Gut, im Vergleich zu anderen Menschen oder Ländern haben wir natürlich überhaupt keine Sorgen. Das beschäftigt mich schon, wenn ich sehe, dass die Lebenserwartung eines Menschen von seinem Vermögen abhängig ist.

Sie sagen, Sie seien ein Bewahrer, was meinen Sie damit?

 Wenn wir von Immobilien sprechen, sind das meist sehr grosse Zeithorizonte. Das Schloss zum Beispiel ist 800 Jahre alt. Wenn man da zu sehr einwirkt, verliert es seinen Charakter, und diesen möchte ich eben bewahren. Natürlich muss man das Moderne integrieren, so ein WC auf dem Flur ist heute nicht mehr angesagt. Aber gewisse Gebäude geben einem Quartier ein Gesicht, wie das «Nordbrüggli» hier. Wie würde Wipkingen aussehen, wenn hier ein Hochhaus stünde? Es wäre ein komplett anderer Ort. Das Bewahren kommt aber auch durch meinen Beruf als Ingenieur: Ich bin eben gerade kein Architekt. So etwas wie die Architektin Tilla Theus in der Krone Dietikon gemacht hat, dazu wäre ich gar nicht in der Lage gewesen. Ich finde, sie hat das sehr gut gemacht, aber meine Stärken liegen beim einfachen, bescheidenen. Man muss auch seine eigenen Grenzen erkennen und sich darauf konzentrieren, was man kann. Ich habe mich als Bewahrer positioniert, weil mir das entspricht und niemand sonst das macht. Und ich arbeite ja nicht nur für mich selber: Es ist mir wichtig, dass der Mieter oder Nutzer etwas Gutes bekommt. Dass zum Beispiel ein Restaurant weitergeführt werden kann oder der Wohnraum bezahlbar bleibt. Es ist ein Grundbedürfnis der Menschen, dass sie so lange wie möglich in ihren Wohnungen bleiben können, darauf müssen wir eingehen. Und auch auf die Umwelt: Jedes Haus soll möglichst wenig Energie verbrauchen – das ist übrigens auch mit Sanierungen möglich. Natürlich wird man bei den alten Häusern nie Minergie Standard erreichen, aber eine Reduktion um 50 Prozent grundsätzlich problemlos möglich. Man muss auch mitberücksichtigen, wie sich die Menschen verhalten, das ging bei gewissen Gesetzgebungen etwas vergessen. Das Wohlbefinden der Menschen in den Häusern ist ebenso wichtig wie das Energiesparen selber. Bauen ist eine sehr vielfältige und erfüllende Aufgabe und im Nachhinein das Beste, was ich machen konnte. Es ist lebensnah und fassbar. Auch die Zusammenarbeit mit vielen verschiedenen Persönlichkeiten, die alle am selben Strick ziehen, wie hier im Quartier, das macht mich zufrieden. So erhalte ich die Möglichkeit, etwas zu bewegen, im Sinne der Bevölkerung. Ich erfahre auch hin und wieder Lob, das ist ein sehr motivierendes Gefühl. Man spürt, dass man etwas bewegen kann. Deshalb habe ich einen der besten Jobs, die überhaupt möglich sind. Ichhätte nie gedacht, dass das so intensiv sein kann.

Sind Sie der Robin Hood der Immobilienszene?

Ich fühle mich nicht so. (Überlegt lange). Es hat sich alles einfach ergeben. Ich wollte nie ein Wohltäter sein. Ich hatte in der Stadt nichts mehr zu tun, also habe ich mich umgeschaut, mich selbständig gemacht, die erste Immobilie gekauft. Nicht weil ich sie unbedingt retten wollte, sondern weil ich Arbeit gesucht habe. Vielleicht macht es rückblickend den Eindruck, es sei so geplant gewesen, aber für mich war es nicht so. Ich hatte auch sehr viel Glück. Einen Teil des Lebens kann man beeinflussen, einen anderen nicht. Was man selber tun muss, ist, die Gelegenheiten, die sich einem bieten, auch zu packen und das Glück anzunehmen. Das habe ich immer gemacht.

Wenn man Urs Räbsamen mit einem Wort beschreiben müsste, wäre es wohl «bescheiden». Nichts an seinem Erscheinen verrät seinen Wohlstand, er spricht leise und sehr reflektiert, ist nicht einer, der die «Wahrheit» kennt und es immer besser weiss. Er hat früh gelernt, dass Gier auf einen zurückschlägt – irgendwann. Seine Familie ist stark in sein Geschäft mit eingebunden – wenn man reich wird, ist es wichtig, dass andere mit einem zusammen reich werden, sonst wird man sehr einsam, sagt er. Er macht sich Gedanken über das Älterwerden, den letzten Lebensabschnitt, der auf ihn zukommt. Ein bisschen länger werde er es schon machen, aber irgendwann sollte man anderen Platz machen. Der Ingenieur Räbsamen hat in seinem Leben viele Ziele erreicht, hat nie etwas aufgeschoben auf die Zeit nach der Pensionierung und hatte immer das Glück, alles realisieren zu können, was er sich vorgenommen hatte. Dass die Zeit mit 60 gefühlt fünfmal so schnell vergeht wie mit 30, beunruhigt ihn schon. Dann fährt er für zwei bis drei Wochen nach Indien in eine Ayurveda-Kur zur Entschleunigung.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Mein grösster Wunsch ist natürlich gesund zu bleiben. Man wird mit dem Alter ja immer eigenartiger, da hilft es, wenn Kinder da sind, die einen hin und wieder darauf hinweisen, wenn man falsch liegt. Aber natürlich mache ich mir manchmal Gedanken, was am Ende dabei rauskommt. Ich habe ein Leben lang gearbeitet und war erfolgreich. Wenn ich sterbe, werde ich nichts davon mitnehmen können – wir gehen alle gleich. Ich frage mich, ob ich eine gewisse Spur hinterlassen habe. Vielleicht sind die sanierten Häuser meine Spur, und die Leute, die darin wohnen können. Natürlich, wenn man einen Basistunnel gebaut hat, hinterlässt man eine grössere Spur. Da kann man ruhig abtreten lacht).

Vielen Dank für das spannende Gespräch!

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