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Pflegezentrum Käferberg

Langzeitpflege – ein Tag im Käferberg

29. März 2017 von

Foto: zvg

Esther Hauser am Tisch in ihrem Zimmer

Foto: zvg

Esther Hauser

Von

Online seit
29. März 2017

Printausgabe vom
30. März 2017
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In der Langzeitpflege hat die Tagesgestaltung neben pflegerischen, medizinischen und therapeutischen Massnahmen eine grosse Bedeutung. Themen wie Selbstbestimmung, soziale Integration und Sinnfindung prägen damit das Leben im Pflegezentrum.

Was heisst das konkret? Esther Hauser hat sich bereit erklärt, einen Einblick in ihren Alltag zu geben.

Ein bewegtes Leben

Nach ihrer Kindheit in der Schweiz führte Esther Hauser ein bewegtes Leben. Vierzehn Jahre hatte sie in Italien verbracht, mehrere Jahre auf Lanzarote und später in Portugal gelebt, als sie als Folge von Herzbeschwerden einen Hirnschlag erlitt. Davon erholte sie sich mehr oder weniger, bis ein zweiter Hirnschlag sie nach einer Herzoperation in Zürich ereilte. Dieser zog eine Halbseitenlähmung nach sich, so dass Esther Hauser nach Spitalaufenthalten und Rehabilitation ins Pflegezentrum Käferberg eintrat, wo sie seither mit pflegerischer Unterstützung lebt.

Relative Selbstständigkeit

Wie Maria Da Lozzo, ihre Bezugsperson und Abteilungsleiterin erklärt, erfordert die Halbseitenlähmung bei einem Teil der Körperpflege, beim Duschen, Ankleiden, Stehen und Umsitzen die Hilfe der Pflege. Tagsüber bewegt sich Esther Hauser selbstständig im Rollstuhl. So beginnt der Tag auf ihren Wunsch um Viertel nach sieben mit der Intimpflege im Bett, wonach sie die Morgentoilette am Lavabo selbst in die Hand nimmt. Das Morgenessen geniesst sie ebenfalls selbstständig, sofern es zweckmässig vorbereitet wurde, und danach gestaltet sie ihren Morgen nach eigenem Gutdünken.

Es war grausig

Esther Hauser erwartet mich bereits, als ich an die Tür klopfe. «Wie machen wir’s? Sie können sich gern einen Stuhl holen, damit wir einander gegenübersitzen», meint sie und berichtet dann, wie sie in den Käferberg gekommen ist. «Es war grausig, als ich wieder zu mir kam», schildert sie die Zeit auf der Intensivstation. «Ich konnte mich an nichts mehr erinnern, wusste nicht, wie mir geschah. Ich habe nächtelang geschrien. Und eine Zeitlang hatte ich Halluzinationen, die mich im Alltag verunsicherten.» Esther Hauser musste ihr Leben neu erfinden.

Mir wird nie langweilig

Dass sie aktiv und interessiert ist, verrät schon ihr Zimmer, wo eine ganze Wand mit Karten, Bildern, Mottos und Weisheiten tapeziert ist. «Eine Freundin hat das Zimmer nach der Sanierung wieder nach meinen Wünschen eingerichtet. Ich bin froh, dass ich ein Einzelzimmer habe. Das wurde wegen meinem Hirnschlag angeordnet. Denn ich ertrage kein Durcheinander, ich brauche Ordnung.»
Je nach Wochentag stehen unterschiedliche Aktivitäten an: «Am Montagmorgen besuche ich die Hemiplegie-Gruppe, von der Physiotherapie geleitet, der Nachmittag ist frei für Besuche. Der Dienstagnachmittag ist für die private Craniosacral-Therapie reserviert. Am Mittwoch nehme ich morgens an der Singgruppe teil und fahre nachmittags zum Malen und Gestalten in ein auswärtiges Atelier. Am Donnerstag und Samstag finden im Haus öffentliche Anlässe statt, die ich je nach Interesse besuche. Nicht, wenn Claudio de Bartolo auftritt, der ja bei vielen sehr beliebt ist», lacht Esther Hauser. «Alle zwei Wochen entspanne ich mich am Freitag im Bett bei einer Massage. Und zwischendurch kann ich mir Filme oder DVDs am Laptop anschauen. Sie sehen, mir wird nie langweilig!»

Mit Bekannten ausgiebiger reden

Nach dem Mittagessen geniesst Esther Hauser die Mittagsruhe und nutzt die Zeit für Übungen, die sie in der Physiotherapie gelernt hat. Den Nachmittag verbringt sie je nach Lust und Angebot. Mit den Veranstaltungen im Haus sei sie zufrieden, erklärt sie und meint: «Schön, dass am Sonntag auch regelmässig Gottesdienste stattfinden, die ich gerne besuche.» Öfters kommen Bekannte zu Besuch. «Mit Mitbewohnerinnen über persönliche Dinge zu reden, ist eher schwierig. Aber ich bin ja früher auch ins Café gegangen, um mich vor allem mit Bekannten ausgiebiger zu unterhalten.»

Ich kann anbringen, was wichtig ist

Sagt Esther Hauser zur Zusammenarbeit im Haus. Zwar habe ich manchmal den Eindruck, bestimmte Dinge müssten mitgeteilt worden sein. Doch das ist wohl ein Kommunikationsproblem. Manche Dinge muss ich einfach akzeptieren. Ab und zu geht etwas verloren. Das ist ärgerlich, muss mich aber nicht aufregen. Denn ich lebe nach dem Motto: Gib mir Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann. Gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann. Und gib mir die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.»

Selbstbestimmung

Wie Maria Da Lozzo erklärt, leitet Esther Hauser Kontakte und Aktivitäten meist selbst in die Wege. Bei Bedarf konsultiert sie Arztdienst, Physiotherapie, Sozialdienst oder tätigt mit der freiwilligen Mitarbeiterin Einkäufe. «Wenn sie etwas zu beanstanden hat, spricht sie bisweilen direkt beim Betriebsleiter vor. Wir führen Gespräche, um offene Fragen zu besprechen. Es geht für uns auch besser, wenn sie zufrieden ist.» «Ich finde es schön, dass Esther Hauser am Leben teilnimmt. Selbstbestimmung ist ihr sehr, sehr wichtig. Sie kämpft für ihre Autonomie. Das ist, weil sie auch stark auf ihren Gewohnheiten besteht, manchmal schwierig. Manches können wir im Team nur schwer nachvollziehen. Doch wir müssen nicht alles verstehen, sondern sie ernst nehmen und respektieren. So prägen Vertrauen und auch Auseinandersetzung den Alltag. Eigenhändige Kärtchen zu Weihnachten und andere Zeichen bringen zum Ausdruck, dass Esther Hauser dafür dankbar ist.» Was geht Esther Hauser durch den Kopf, wenn sie abends um halb acht Uhr zu Bett geht? «Ich denke an die Dinge, die schiefgelaufen sind, oder gut, warum auch immer, wegen der Pflege oder wegen mir selbst.»

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