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Quartierleben

Leben als Fisch

27. September 2017 von

Foto: zvg

Die Band "Extrafish" mischt Tanzmusik- und Liedgutelemente, geprägt von östlicher und anderer Weltmusik mit Kunstmusikaspekten.

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Online seit
27. September 2017

Printausgabe vom
28. September 2017
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Der Wipkinger Valentin Baumgartner macht mit seiner Band Extrafish Musik für alle, die manchmal keine Lust auf Pop-Charts haben.

Valentin ist noch sehr jung, als er die Nase voll hat, von der von TV-Soaps und ähnlichem geprägten Kultur. Er braucht etwas anderes, das ihm in guten wie in schlechten Zeiten Halt und neue Lebensenergie gibt. Also greift er in die CD- und Plattensammlung seines Vaters, eines Musikers und Musikethnologen, um sich inspirieren zu lassen, und findet bald die Musik, die sein Leben verändern wird. Jahre später gründet er, nach einigen anderen Projekten, eine Band namens Extrafish, und was für ein Musikstil würde sich für einen Musikstudenten aus Zürich, Wipkingen mit dem schön aber schweizerisch tönenden Namen Valentin Baumgartner besser eignen als eine Mischung aus Balkanpop und Gypsy-Musik? So seltsam es auch tönen mag, die Antwort ist: Keine, wenn auch Baumgartner nicht direkt etwas mit dem Balkan zu tun hat, so ist doch ihre Musik zu spielen das Richtige für ihn.

Die Evolution von Extrafish

Durch die Musik seines Vaters und dessen musikethnologischen Arbeiten zum Thema östliche Musik, die Valentin eingehend studiert, kommt er in Kontakt mit jenen Rhythmen, Ideen und Melodien, die seine eigene Musik später beeinflussen werden. Sein erstes Konzert hält er im zarten Alter von 13 Jahren im GZ Wipkingen. Immer wieder erfreut er sich an den beiden Flüssen und dem Drumherum, zieht dann aber weg, um sich zum Musiker ausbilden zu lassen. Er schliesst in Luzern die Jazzschule ab und formiert mit den Jungs Bissig, Künzli und Böckli, beziehungsweise Andi, Jonas und Adrian, alles Studenten oder ehemalige Studenten der Jazzschule, die Band Extrafish. Der Name leitet sich von einer Eigenkomposition namens «Extrafish» ab, welche einen Fisch beschreibt, der auf unbekannte Art einen psychedelischen Trip erlebt. Die Abenteuer dieses Fisches sind so unglaublich, dass die Band beginnt, sich sehr stark mit dieser Spezies auseinanderzusetzen. Sie nennen ihre Songs «Fische», selbstproduzierte Fische mit Downloadcode, und bei ihren Live-Auftritten zieren fischförmige Kartonmasken ihre Köpfe. Andi Bissig spielt Saxofon und macht das Gameprogramming, Jonas Künzli spielt Kontrabass und Synthbass, Adrian Böckli spielt Schlagzeug und Valentin Baumgartner singt, schreibt und spielt Gitarre. Bald darauf erscheint ihre erste EP: «Dschingis Balkan». Die Band begnügt sich nicht nur mit dem Schreiben und Spielen von Songs, nein, sie erfinden ganze Geschichten zu ihren Lieblingskreationen. So ist dieser Dschingis Balkan nicht nur eine EP mit treibender Musik zu Baumgartners etwas schrägen Stimme, sondern auch ein nach dem mongolischen Eroberer benannter Fisch, der 17 Kinder hat und Teilzeit bei Starbucks arbeitet. Eine der Eigenheiten der Gruppe ist die hohe Fantasie, die durch ihre Energie beim spannungsgeladenen Musizieren zustande kommt. Eine andere ist der Humor, mit dem sie die Sachen betrachten, die sie umgeben. Wenn zum Beispiel jemand kommen würde und sagte: «Ihr tönt wie Fanfare Ciocarlia!», so hätten sie bestimmt alle eine schlagfertige Antwort darauf parat.

Die Musik

Die Band mischt Tanzmusik- und Liedgutelemente, geprägt von östlicher und anderer Weltmusik mit Kunstmusikaspekten. Valentin Baumgartner bezeichnet sie selbst als eine Mischform aus verschiedenen Stilen. So gibt es östlich beeinflusste Melodien, Harmonien und Verzierungen, Einflüsse aus dem Dub und Reggae (Beats, Elektronik, Delays und andere), Einflüsse aus dem Punk und Rock bis hin zum (Free)-Jazz. Die Konzerte sind stets sehr energiegeladen. In der Balkanmusik, wie auch in anderen Musikrichtungen, ist es gang und gäbe, dass ein Bandmitglied aus dem Schema ausbricht, ein Solo improvisiert und die anderen dann sofort darauf anstimmen. Was Extrafish hervorhebt und von anderen Bands unterscheidet, ist, dass kollektive Improvisationen oft die vorgegebene Struktur aufbrechen, in anderen Worten, freies Musizieren auf hohem musikalischen Niveau. Impromptus und Interplay sind von zentraler Bedeutung für die Kunst von Extrafish, und die Musiker spielen so gut zusammen, dass es auf den Aufnahmen manchmal schwierig ist, zu erkennen, welche Teile der «Fische» improvisiert sind, und welche nicht. Die Freude an der Musik und ihrer Entstehung produziert einen Sound, der sich beispielsweise gut an einem Sommerabend zu einem Glas Martini, Wein oder Apfelsaft erleben lässt, der aber auch tanzbar ist, besonders bei Live-Konzerten. Kompositionen wie «Imaginary Fish» oder das elektroniklastige «Neujahrsfisch (Confuse The Fish)», das tönt, wie wenn Ausserirdische die Band entführen und zum Spielen zwingen würden, sind nur ein kleiner Teil des Schaffens von Extrafish. Die Energie, die die Gruppe an den Tag legt, sowie ihre einprägsamen Melodien und die kunstvoll gemachten Videoclips, hinterlassen Lust auf was da ist und was noch kommen mag. Mit dem Orientierungssinn einer Taube legt Extrafish seine Beats von Poschiavo bis Bulgarien über den Globus und findet damit genau die richtigen Leute, diejenigen nämlich, die gelegentlich von Katy Perry, Rihanna und Co. genug haben und sich nach anspruchsvollerer Musik sehnen. Diese Art von Musik kann ihnen Extrafish bieten, manchmal.

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