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Quartierleben

Nach 34 Jahren Abschied vom Sydefädeli

18. August 2015 von

Foto: Fredy Haffner

Im angrenzenden Atelier bezieht Urs Blattner gerade eine Liege mit einem modernen Stoff.

Foto: Fredy Haffner

Im angrenzenden Atelier bezieht Urs Blattner gerade eine Liege mit einem modernen Stoff.

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18. August 2015

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Kurz vor dem Wipkingerplatz stehen sie bereits, die markanten, dreieckigen Ersatzneubauten der Baugenossenschaft Denzlerstrasse. Bald beginnt mit dem Abbruch der Häuser zwischen Hönggerstrasse und Im Sydefädeli die zweite Bauetappe. Damit endet nach 34 Jahren auch die Ära des Höngger Innendekorateurs Urs Blattner, Ende August bleibt die Türe geschlossen. Doch Blattner hört nicht ganz auf.

Innendekorateure sind klassische Handwerker: Sie polstern und restaurieren Sitzmöbel, verlegen Teppiche, montieren Lampen, dekorieren Räume mit Vorhängen und gestalten alles, was ein behagliches Zuhause ausmachen. Urs Blattner begann 1969 beim Zürcher Traditionsbetrieb Knuchel & Kahl die Ausbildung, absolvierte danach die Handelsschule und wollte – wie damals viele Handwerker – ins boomende Bankgeschäft wechseln. Doch dann traf er Roland Huber, mit dem er die Gewerbeschule besucht hatte, und zusammen eröffneten sie ein Innendekorationsgeschäft an der Limmattalstrasse. Die Partnerschaft hielt ein Jahr, dann wagte Blattner den Alleingang. Per Zufall sah er Im Sydefädeli 6, in Wipkingen, aber nahe an der Grenze zu Höngg, das leere Ladenlokal. Im Oktober 1981 konnte er es in Untermiete und sechs Monate später fest übernehmen.
Anfänglich Bedenken wegen der schwachen Passantenlage räumte ihm ein Kunde aus: «Mit Ihnen ist es wie mit einem guten Arzt», sagte dieser, «den sucht man auf.» Er sollte Recht behalten. Blattner wurde, wie er sagt, mit Aufträgen «überrollt». Sechstagewochen mit bis zu 90 Stunden waren im Einmannbetrieb die Regel. Sein Kundenstamm reichte bald vom Sydefädeli aus bis weit über die Kantonsgrenzen. Und sie hielt unterdessen über mehr als drei Jahrzehnte, zum Teil gar über Generationen – und wer wegzog, liess den Innendekorateur oft nachreisen. Was kaum verwundert, denn schliesslich öffnet man ihm die Türen bis hin zum Schlafzimmer, das setzt ein Vertrauensverhältnis voraus. «Die Chemie muss stimmen», sagt Blattner, «denn oft arbeite ich, während die Kunden in den Ferien weilen.»

Trends setzen – und ihnen ausgeliefert sein

Blickt Blattner zurück, so hat er nebst vielen persönlichen Geschichten auch den Wandel seines Berufs vor Augen, der nicht nur Trends setzte, sondern ihnen auch ausgeliefert ist. Die ersten 20 Jahre erwirtschaftete er zum Beispiel bis zu einem Drittel alleine mit Bodenbelägen: «Damals bezog man keine Wohnung, ohne alles von vorne bis hinten mit Teppichen auszulegen», erinnert er sich. Heute herrscht Parkett vor, und es wird höchstens mal ein Kinderzimmer mit Teppichen ausgelegt. Moderne Architektur setzt generell auf «lichtdurchflutetes, funktionelles Wohnen» – beides kommt ohne schwere Vorhänge, Teppiche und Dekorationen aus. Vergleichend erinnert Blattner an Szenenbilder in alten Derrick-Folgen: «Schauen Sie sich heute einen ‚Tatort‘ an: Parkett, kahle Fenster, eine Corbusier-Liege, ein Glastisch, und fertig.» Ganz anders in Amerika oder Frankreich: Dort sind flauschige Teppiche, Vorhänge, Bettüberwürfe und massenhaft Zierkissen weiterhin im Trend.
In der Schweiz jedoch brach der Markt nach der Jahrtausendwende ein. Die «Generation IKEA» richtete sich ein und die Branche bekam zu spüren, dass Arbeitsplätze und damit auch die Wohnung schneller gewechselt werden. Entsprechend wird heute viel weniger Geld in gebundene Einrichtungen wie Teppiche oder Vorhänge investiert. «Und die Eigenheimbesitzer unter meiner Kundschaft, auch einige Prominente, brauchen ja auch nicht jedes Jahr eine neue Ausstattung», hält Blattner fest und fügt schmunzelnd an, wie Kunden ihm manchmal Stühle bringen, die er vor 20 Jahren gepolstert hatte – fast entschuldigend, dass diese so lange gehalten hätten. Urs Blattner ist eine leichte Wehmut anzuhören, wenn er aus vergangenen Zeiten erzählt, resigniert hat er jedoch nicht: «Ich denke in Generationen: wer heute in kahlen Räumen aufwächst, wird morgen wieder nach mehr Geborgenheit im Textilen suchen.»

Abschied nach 34 Jahren

Doch das wird wohl erst nach seiner Pensionierung eintreffen. Als vor wenigen Jahren bekannt wurde, dass die Überbauung Sydefädeli Ersatzneubauten weichen würde, machte sich Blattner Gedanken. «Ich hatte zuerst vor, im Neubau nochmals einen Laden zu mieten.» Doch nebst den hohen Investitionskosten sieht er im 64sten Altersjahr auch realistisch, dass er kaum einen Nachfolger finden würde. «Gleich aufhören», war der erste Gedanke, doch dann besann er sich und mietete ein Atelier im Industriegebiet von Otelfingen. Dort wird er einen Showroom und seine Werkstatt einrichten. «Den Ortswechsel werden die wenigsten überhaupt realisieren», so Blattner, «denn zwei Drittel von meinen Kunden sind nie bei mir im Laden gewesen, sondern immer ich bei ihnen». Er besucht, holt ab und liefert – ob er nach Wipkingen oder nach Otelfingen fährt, merkt bei ihm, der nie Wege verrechnet, niemand.
Der Abschied aber fällt nicht leicht, denn das Sydefädeli ist Urs Blattner ans Herz gewachsen. «Wenn ich hier im Geschäft ankam», sagt er, der in Höngg im Rütihof wohnt, «war es auch immer ein Heimkommen.» Dass man die Freuden und Sorgen der Nachbarschaft teilte, gehörte immer dazu, nicht nur als Geschäftsbesitzer, sondern auch in seiner Funktion im Vorstand der Baugenossenschaft Denzlerstrasse.

Schritt um Schritt

«Wenn man etwas selber macht, braucht man den Mut dazu, den Glauben daran und einfach auch Glück», zieht Urs Blattner Bilanz und fügt an, dass er es sicher einfacher gehabt hätte, wenn er damals zur Bank gewechselt hätte, «doch ich bereue nichts: ich war immer mein eigener Herr und hatte eine gute Zeit.»
Sein neuer Mietvertrag in Otelfingen läuft bis 2020 mit der Option, jedes Jahr auszusteigen – oder zu verlängern. «Aber ich werde sicher nicht so lange arbeiten, bis man meiner Arbeit anmerkt, dass ich nicht mehr gut genug sehe und die Nägel krumm einschlage, das verbietet mir mein Berufsstolz», so Blattner. Bestimmt aber will er all die Ferien nachholen, die er in manchen Jahren nicht gemacht hat. Er lernte bereits Spanisch, um sich auf Reisen, zum Beispiel zu Besuch bei seiner Tochter in der dominikanischen Republik, besser verständigen zu können. Auf Hobbys angesprochen erzählt Urs Blattner einzig vom Gitarrenspiel, dem alten Traum, den er sich vor 13 Jahren endlich zu verwirklichen begann. Doch sonst seien immer berufliche Themen im Vordergrund gestanden, denn «mein Beruf war und ist mein Hobby.» So wird Urs Blattner es also mit seiner privaten Zukunft nehmen wie wenn er ein Sofa neu polstert: Polsternagel um Polsternagel –oder eben Schritt für Schritt.

Polsterei – Innendekoration
Urs Blattner
Industriestrasse 19, 8112 Otelfingen
Telefon: 044 271 83 27
Fax: 044 273 02 19
www.urs-blattner-innendekorationen.jimdo.com
E-Mail: blattner.urs@bluewin.ch

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