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Quartierleben

Unterwegs im Dienste der Kleinsten

28. Juni 2017 von

Foto: Dagmar Schräder

Summermatter im Gespräch an der Babybar

Von

Online seit
28. Juni 2017

Printausgabe vom
29. Juni 2017
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Franziska Summermatter leitet die «Hebammenpraxis Zürich» an der Nordstrasse. Sie und ihre Kolleginnen sind täglich im Quartier unterwegs, um frischgebackene Eltern und ihre Säuglinge zu betreuen. Der «Wipkinger» hat sie einen halben Tag bei der Arbeit begleitet.

Das Elektrofahrrad mit der Aufschrift «Hebammenpraxis Zürich» wartet an diesem Morgen schon auf die Schreibende, als sie sich kurz vor 9 Uhr an der Nordstrasse einfindet. Eine kurze Einweisung durch Franziska Summermatter, dann geht’s auch schon los – in beeindruckender Geschwindigkeit. Routiniert flitzt Summermatter quer durch die Stadt Zürich, gefolgt von der Schreibenden, die zumindest anfangs einige Mühe bekundet, mit dem Tempo Schritt zu halten.

Einblick in die unterschiedlichsten Verhältnisse

In Oerlikon steht der erste Hausbesuch an. Eine Frau aus Somalia hat vor zehn Tagen ihr zweites Kind geboren, ein kleines Mädchen. «Als Hebamme erhält man Einblick in die unterschiedlichsten Schicksale», erklärt Summermatter, bevor sie den Klingelknopf des heruntergekommenen Hauses betätigt. «Vor allem die Geschichten der Frauen, die aus Krisengebieten geflüchtet sind und oftmals für uns unvorstellbare Strapazen auf sich genommen haben, um hierher zu kommen, berühren mich immer wieder sehr. Gleichzeitig schmerzt es mich, zu sehen, unter welchen Umständen sie hier leben und ihre Kinder grossziehen müssen». Gemeinsam mit dem eineinhalbjährigen Sohn und der neugeborenen Tochter wohnt die junge Mutter in einem einfachen Zimmer, das die Stadt Zürich den Asylsuchenden zur Verfügung stellt – ohne eigenes Bad und WC, lediglich mit einem Schrank, einem Bett, einer Elektrokochplatte auf dem Boden und einem Kühlschrank bestückt. Mit Hilfe eines Bekannten, der im Zimmer nebenan lebt und als Dolmetscher fungiert, erkundet sich Summermatter nach dem Befinden von Mutter und Kind, wiegt das Baby in der klassischen Hebammenwaage, bei der das Kind in ein Tuch eingewickelt und an eine Federwaage gehängt wird, und gibt Tipps, was gegen die trockene Haut des Babys zu tun ist. «Fachlich gibt es für mich hier nicht mehr viel zu tun», führt Summermatter aus, «die Mutter ist sehr routiniert, den Kindern geht es gut». Sie fährt kurz in die Apotheke, um eine Creme für das Baby zu besorgen und verabschiedet sich anschliessend von der Familie. Die weitere Betreuung wie Gewichtskontrollen beim Baby und Beratungsangebote für die Familie wird die Mütterberatung der Stadt Zürich übernehmen, an die Summermatter den Fall nach ihrem Besuch abgibt.

Die Kunst, den eigenen und den fremden Ansprüchen zu genügen

«Jede Mutter hat während der ersten 56 Tage nach der Geburt ihres Babys Anspruch auf insgesamt zehn Hausbesuche einer Hebamme, Erstgebärende sogar 16. Danach können sich die Eltern bei Fragen und Problemen kostenlos an die Mütter- und Väterberatung der Stadt Zürich wenden», erklärt Summermatter auf der rasanten Fahrt zur zweiten Familie, die an diesem Vormittag besucht wird. Dort sind die Lebensumstände zwar ganz anders – eine schmucke und stilvoll eingerichtete Altbauwohnung in Wipkingen, ein beruflich erfolgreiches Elternpaar – doch auch in dieser Familie treten beim Zusammenleben mit dem Neugeborenen viele Fragen auf, die von Summermatter beantwortet werden wollen. Auch hier ist das kleine Mädchen das zweite Kind der Familie und es geht im Gespräch vor allem darum, wie die Eltern den unterschiedlichen Bedürfnissen der beiden Kinder am besten gerecht werden können und dabei selbst auch noch zu Verschnaufpausen kommen. Wie oft soll, will und kann die Mutter stillen? Welchen Beitrag kann der Vater leisten, wenn die Mutter erschöpft ist? Wer steht nachts auf, wenn das Baby schreit, wer darf weiterschlafen? All diese Fragen bespricht die Hebamme geduldig mit dem Paar, unterstützt sie darin, als Familie ihren eigenen Weg zu finden. «Der Beruf der Hebamme beinhaltet auch eine starke soziale Komponente», erklärt Summermatter, «es geht oftmals bei den Besuchen nicht nur um die Versorgung des Babys, sondern auch um das Gefühlschaos der frischgebackenen Mütter, darum, wie sie mit ihrer neuen Rolle, eigenen und gesellschaftlichen Erwartungen und dem plötzlich so veränderten Tagesablauf klarkommen.»

Ein Dienst, der geschätzt wird und gefragt ist

Eine knappe Stunde hat Summermatter für diesen Besuch, dann geht die Fahrt weiter zum dritten und letzten Wochenbettbesuch für diesen Vormittag. Den kleinen Mann, der ebenfalls noch nicht einmal zwei Wochen alt ist, plagen Verdauungsprobleme, seit die Eltern eine neue Flaschennahrung ausprobiert haben. Summermatter greift auf alte Hausmittel und «Hebammentricks» zurück und hilft dem Kleinen dabei, sich zu entspannen. Daneben bleibt Zeit, ein wenig zu plaudern und die Geschichte der ziemlich traumatischen Geburt nochmals etwas aufzuarbeiten. Der Tonfall ist vertraut und familiär, man kennt sich, Summermatter hat die Familie bereits nach der Geburt der zweijährigen Tochter betreut. Vor allem beim ersten Kind, so erklärt die Mutter, sei sie sehr froh um die Betreuung durch die Hebamme gewesen – insbesondere, weil das Kind eine Frühgeburt war und die Eltern noch gar nicht so richtig auf ihre neue Aufgabe vorbereitet gewesen waren. Generell, ergänzt Summermatter, nähmen die meisten Frauen das Angebot, im Wochenbett zu Hause von einer Hebamme betreut zu werden, sehr gerne wahr – unter anderem auch deswegen, weil die Krankenhäuser die Mütter nach der Geburt immer früher nach Hause schicken. «Mittlerweile», so Summermatter, «werden die Frauen nach komplikationsloser Geburt schon am 3. Tag entlassen und sind oft unsicher, wie sie mit ihren Neugeborenen umgehen sollen.» An Arbeit mangelt es den Hebammen also nicht – ganz im Gegenteil: Es herrscht akuter Hebammenmangel. «Der Grund für die Hebammenknappheit ist aber nicht das mangelnde Interesse an dieser Ausbildung, sondern die beschränkte Anzahl der Ausbildungsplätze», erläutert Summermatter. Auf 60 Ausbildungsplätze an der ZHAW bewerben sich regelmässig rund 150 Interessentinnen.»

Praxis als Anlaufstelle

Mittlerweile ist es fast Mittag und Zeit für eine kurze Mittagspause. Am Nachmittag werden weitere Hausbesuche auf dem Programm stehen. Zehn bis zwölf Wöchnerinnen betreut Summermatter im Schnitt pro Monat, daneben bietet sie in ihrer Praxis an der Nordstrasse gemeinsam mit ihren Kolleginnen Rückbildungsgymnastik, Geburtsvorbereitungskurse, Schwangerschaftsyoga und andere Kurse an. Einmal wöchentlich lädt Summermatter die jungen Eltern zudem ein, sich mit ihren Babys an der «Babybar» in ihren Praxisräumen zu treffen, Kaffee zu trinken und sich auszutauschen. Den schwangeren Frauen sowie den Müttern, die bereits geboren haben, soll die Praxis als Treffpunkt und Anlaufstelle dienen, an die sie sich bei Problemen und bei Gesprächsbedarf wenden können. «Die Praxis soll ein Haus sein, in dem sich die Frauen wohlfühlen – vom ersten Tag der Schwangerschaft an bis zu neun Monaten nach der Geburt», erklärt Summermatter die Grundidee der Hebammenpraxis. Auch für die 23 beteiligten Hebammen ist die Zusammenarbeit in diesem losen Konglomerat von Vorteil: «Das Schöne und auch das Besondere an der Hebammenpraxis ist, dass wir zwar alle nach wie vor selbständige Hebammen sind, die jeweils mit unterschiedlichen Schwerpunkten arbeiten, wir uns aber hier zusammengefunden haben und uns vernetzen können. Als selbständige Hebamme ist man sonst oft mit seinen Sorgen alleine, das, was man tagtäglich erlebt, kann man mit niemandem teilen. Wir dagegen diskutieren, was uns bewegt, geben uns Tipps, tauschen uns aus.» Auf keinen Fall möchte sie diese Tätigkeit wieder gegen die Arbeit in den Geburtenabteilungen der Krankenhäuser eintauschen, wo sie ebenfalls lange Jahre tätig war. So wird sie dem Quartier höchstwahrscheinlich noch lange erhalten bleiben und als «fliegende» Hebamme mit ihrem Elektrofahrrad die Neuankömmlinge auf dieser Welt begrüssen.

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