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Quartierleben

«Vor dem Dorf, rechts an der Landstrasse»

30. März 2016 von

Foto: Postkarte um 1920, Sammlung René Oberhänsli

Halb hinter der Linde das erste Wipkinger Schulhaus «Beim Lindenbänkli» an der alten Landstrasse, heute Hönggerstrasse. Es stand von 1824 bis 1971. Von oben biegt der Leutholdsteig ein. Mitte rechts das Haus «Zur Arizona», der Poststelle Wipkingen. Ganz rechts die Metzgerei Schwarz.

Von

Online seit
30. März 2016

Printausgabe vom
31. März 2016
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Bis 1824, dem Bau des neuen Schulhauses, das im Volksmund schlicht «Wipkingerschule» genannt wurde, hatten sich bis zu 98 Schülerinnen und Schüler in einer winzigen Schulstube im Haus Scharfes Eck gedrängt. Der junge Lehrer Johannes Weber prägte Schule und Dorf Wipkingen für lange Jahre.

Die Schulstube des alten Schulhauses im «Scharfen Eck» an der Rosengartenstrasse genügte längst nicht mehr. In der Dachkammer befand sich die Lehrerwohnung. 70 Schüler unterrichtete Lehrer Jakob Abegg 1820 in einem Raum, Klassen gab es keine. Im Winter mussten die Kinder für den Ofen in der Schulstube drei Holzscheite oder ein Brikett mitbringen. Im Sommer kamen die Kinder nur selten in den Unterricht, man brauchte sie in den Feldern und in den Reben.
Die Ideen von Johann Heinrich Pestalozzi kamen auf. Schulklassen sollten gebildet werden, eine Schulpflicht für alle Kinder in der Volksschule eingeführt und die Stoffpläne modernisiert werden. Widerstand gab es von den Kirchenvertretern, da ihnen die Obhut über die Kinder entgleiten würde und die Stoffpläne unerhört modern waren: Nebst den bisherigen Fächern wie Religion, Deutsch und Französisch gab es Zahlenlehre, Arithmetik und Geometrie, Geographie, Geschichte und vaterländische Staatseinrichtung, Naturkunde, Gesang, Zeichnen und Schönschreiben. Damit kämen die damals gelehrten Stoffe Bibelkunde und Katechismus arg ins Hintertreffen. Stossend für viele waren die «ange¬messenen Leibesübungen» für Knaben und Mädchen auf einer Wiese. An der frischen Luft sollte der Turnunterricht Gesundheit, Stärke und Geschmeidigkeit fördern; Mädchen und Knaben gemeinsam.
1821 verkündete Pfarrer Hans Georg Finsler von der Kanzel herab, dass die Gemeinde einen neuen Lehrer suche. Die Wahl fiel auf den 23-jährigen Lehrer Johannes Weber. Seine Schüler bestanden – noch im alten Schulhaus – ihr erstes Winterexamen mit Bravour. «Der Schulmeister hat in der kurzen Zeit seit seinem Amtsantritt schon Bedeutendes geleistet und es wurde freudige Hoffnung für die Zukunft ausgesprochen», hiess es in einem Schulprotokoll. 98 Schüler drängten sich mittlerweile in der winzigen Schulstube. Weber empfahl ein neues Schulhaus, damit man in Klassen und nach den neuen Lehrplänen unterrichten könnte. Die Gemeinde stieg auf den Vorschlag ein, auch vom Erziehungsrat kam Unterstützung.

Alle leisteten ihren Beitrag – auch in Fronarbeit

Für 170 Gulden wurde Boden gekauft «vor dem Eingang des Dorfes, rechts an der Landstrasse», wie die heutige Hönggerstrasse damals hiess; dort wo die Leutholdstrasse einmündet. 5’650 Gulden sollte das neue Schulhaus kosten, offerierte der Wollishofer Baumeister Staub, darin nicht eingeschlossen war der Aushub. Der Verkauf des alten Schulhauses im «Scharfen Eck» brachte 2’050 Gulden ein. Die Industriellen in den Landsitzen im Letten schenkten der Gemeinde 1’797 Gulden in einer freiwilligen Steuer. Die Holzkorporation spendete eine Eiche vom Käferberg. Einen Teil finanzierte der Wipkinger Gemeinderat mit dem Verkauf eines Stück Landes und einem Bittgesuch an den Erziehungsrat. Für den Aushub reichte es nicht mehr, dazu wurden die Wipkinger zum Frondienst aufgeboten.
Das neue Schulhaus beherbergte im ersten Stock die grosse Schulstube, im Erdgeschoss Keller und Lagerräume, im Obergeschoss ein Zimmer für den Pfarrer und die Wohnung für den Schulmeister. Am 19. Mai 1824 feierte man die Einweihung. An der Spitze seiner Schülerschar zog Lehrer Weber vom alten ins neue Schulhaus, wo die Schüler mit Brot, Wurst und Wein verköstigt wurden. Zum Fest sang der neu gegründete Sängerverein, der spätere Männerchor Wipkingen.

«Der gute Fortgang der Schule ist ihm Herzenssache»

Zu Martini 1824 begann das neue Schuljahr im prächtigen Schulhaus; alle 98 Kinder erschienen zur Winterschule. Lehrer Weber war streng, die Schule blühte unter ihm auf und im Quartier galt er als Respektsperson.
Es waren turbulente Zeiten. Nach einem heftigen Abstimmungskampf trat 1831 das neue Schulgesetz in Kraft. Die Volksschule war obligatorisch, die «Schulmeister» hiessen nun offiziell «Schullehrer» und ein neuer Stundenplan trat in Kraft. Die Aufsicht über die Schulen lag nicht mehr beim «Stillstand», einem Ausschuss an Kirchenvertretern, sondern erstmals bei einer Schulpflege von gewählten Volksvertretern.
Nach der Einführung des neuen Schulgesetzes wurden sämtliche Lehrer im Kanton Zürich examiniert. Als Einziger in seiner Gruppe erhielt Johannes Weber das Zeugnis «sehr fähig». Die Schulpflege attestierte Weber in einem Schulbericht: «Der Lehrer erhält von der Pflege das Zeugnis treuer Pflichterfüllung. Der gute Fortgang der Schule ist ihm Herzenssache. Stete Fortbildung lässt er sich angelegen sein.»
Weber leistete seinen Schuldienst im neuen Schulhaus 44 Jahre lang, von 1824 bis 1868. Seine Schule war lange Zeit Musterschule im Bezirk. Lehrer Weber war streng und legte Wert auf Disziplin, Pünktlichkeit und Exaktheit.
Er gründete bereits 1825 im neuen Schulhaus eine private, freiwillige Schule. Sie stand den begabtesten Schülern offen. Lehrer Weber sang ersten Tenor im Männerchor, dem kulturellen Zentrum der Gemeinde und dem politischen Gegengewicht zur Kirche. Seine bedeutende Bibliothek stand der Bevölkerung offen. Neben der Privatschule leitete er die Nachtschule für Fabrikkinder. Er wurde eine dominierende Persönlichkeit im Dorf. Allerdings gebärdete sich Weber öfters «ungehörig gegenüber der Kirchenpflege und der Schulpflege» und man hörte Klagen wegen «überharter Züchtigung der Zöglinge». Es gab Auseinandersetzungen und offene Feindschaften, da Weber die neuen Lehrpläne rigoros durchsetzte. Wegen ihm büsste der Dorfpolizist reihenweise Eltern, die ihre Kinder in die Felder und zur Arbeit schickten statt in seine Schule.
Das Schulhaus an der alten Landstrasse diente in all den Jahren auch als Polizeiposten, Feuerwehrmagazin, Weinkeller, Gefängniszelle und Pfarrwohnung. 1851 pflanzte die Gemeinde zur Feier des 500-Jahr-Jubiläums des Beitritts des Kantons Zürich in die Eidgenossenschaft eine Linde vor dem Schulhaus. Das Gebäude hiess im Volksmund «Beim Lindenbänkli», die Schule «Wipkingerschule». Als die Hönggerstrasse 1956 verbreitert wurde, fällte man den stolzen Baum. Lehrer Jakob Frei setzte als Ersatz mit seinen Schülern eine Linde im Landenbergpark. Diese Linde mitten im Landenbergpark ist die gebliebene Erinnerung an das ehrwürdige Schulhaus, das 1971 dem Verkehr weichen musste.

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