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«Wipkingen ist meine Heimat»

30. März 2016 von

Foto: zvg

So sah Wipkingen anno 1960 aus.

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Online seit
30. März 2016

Printausgabe vom
31. März 2016
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Marie-Louise Ehrismann kann sich ein Leben ausserhalb von Wipkingen schlichtweg nicht vorstellen und das, obwohl sie vor ihrer Pensionierung Reiseleiterin war. Die Geschichte einer Wipkingerin.

Marie-Louise Ehrismann ist eine Wipkingerin durch und durch. 1938 hier geboren, kann sie sich auch heute, mit stolzen 78 Jahren, keinen schöneren Wohnort vorstellen, obwohl sich in all den Jahren vieles verändert hat. «Wipkingen ist meine Heimat, hier gehöre ich hin», erzählt Marie-Louise Ehrismann mit einem herzlichen Lächeln. Ihr Elternhaus an der Burgstrasse, das im Jahre 1877 erbaut wurde, befindet sich seit 1915 im Besitze ihrer Familie, der Familie Leuppi, oder «dem Leuppi-Clan», wie sie ihre Familie schelmisch schmunzelnd nennt. Aufgewachsen ist sie mit einer Schwester und einem Bruder. Sie schwelgt in Erinnerungen: «Unsere Strasse wurde früher ‹s’Chindergässli› genannt, weil hier so viele Familien wohnten.» Ihr Elternhaus war ein Generationenhaus, ihre Grosseltern lebten hier genauso wie ihre Eltern und ihr Onkel mit seiner Frau. Es herrschte eine Grossfamilienidylle, denn auch alle Verwandten von Seiten der Mutter wohnten in der Nähe. Dementsprechend gross war das Zusammengehörigkeitsgefühl. «Das Leben spielte sich bei schönem Wetter vielfach draussen ab, man fühlte sich fast ein bisschen wie in Italien, das war schön, ich fühlte mich glücklich und geborgen.» Der Parkplatz vor ihrem Haus war früher ein grosser Garten, wo die Kinder nach Herzenslust herumtoben konnten. Denkt Marie-Louise an ihre Kindheit, denkt sie automatisch auch an das Motorrad ihres Vaters, eine Indian mit Seitenwagen. «Ich genoss die sonntäglichen Ausfahrten immer in vollen Zügen, ich liebte es, wenn der Wind durch meine Haare streifte, es war einfach wundervoll.» Inmitten ihrer Familie verbrachte sie eine wohlbehütete, glückliche Kindheit und genoss das Leben in Wipkingen.

Schwimmen in der Limmat, ein Highlight für die Kinder

«Ich genoss es, in der Limmat zu schwimmen und mich im Wasser treiben zu lassen. Es gab zwei Badeanstalten, der obere und der untere Letten. Sie waren aus Holz gebaut mit einer Plattform, die dem Wasserstand angepasst werden konnte. Hier lernte ich das Schwimmen. Im unteren Letten durften nur diejenigen von uns schwimmen gehen, welche die Schwimmprüfung bestanden hatten. Als Beweis der bestandenen Prüfung erhielt man ein Fischabzeichen, welches gut sichtbar an die Badehose genäht werden musste. Mit Stolz trug ich mein Abzeichen und fühlte mich schon richtig gross damit.» War im Sommer das Baden im Fluss das Highlight, war dies im Winter das Skifahren und Schlitteln auf dem «Müseli», dem Hang hinter der heutigen ETH. «Ja, da gab es jeweils noch richtig viel Schnee, Zürich bedeckt mit einer weissen Pracht, das waren tolle Zeiten», erinnert sich Marie-Louise Ehrismann. Zur Schule ging sie ins Lettenschulhaus. Als sie mit 14 Jahren aus der Schule kam, absolvierte sie eine Lehre bei der Migros im Verkauf und Büro. «Früher gab es noch nicht so viele verschiedene Berufe wie heute, es war einfacher, Büro und Verkauf gehörten zusammen.» Obwohl «Fürsorgerin» ihr heimlicher Traumjob gewesen wäre, gefiel es ihr bei der Migros gut. Der Lehre folgte ein Jahr Welschlandaufenthalt und ein halbes Jahr im Tessin, um die Sprachen zu lernen. Dann bot sich ihr die einzigartige Gelegenheit, nach England zu reisen. Hierfür blieb ihr jedoch nur ein Tag Bedenkzeit. «Meine Mutter meinte sofort: «Marie-Louise, ergreif diese Chance und flieg nach England. » So kam es, dass die junge Marie-Louise schon einen Tag nach diesem Angebot in London eine Stelle als Au-pair-Mädchen antrat. Das war ein aufregendes Jahr, welches sie in England erleben durfte. Als ihre Zeit als Au-pair-Mädchen ablief, suchte sie sich eine neue Stelle in London und wurde bei einem Diamantenhändler, der eine Bürokraft suchte, fündig. Alles in allem blieb sie rund drei Jahre in England, bis sie in ihre Heimat Wipkingen zurückkehrte. Nach drei Jahren Englandaufenthalt folgten einige Zeit später zwei Jahre Italien, wo sie bei Hotelplan angestellt war und auch zurück in der Schweiz weiter arbeitete. Als Reiseleiterin verbrachte sie die folgenden Sommermonate in Europa und die Wintermonate in Arosa. Sie spricht auch heute noch nebst deutsch fliessend englisch, italienisch und französisch und war insgesamt über 40 Jahre lang in der Reisebranche tätig.

Die Rosengartenstrasse mit viele Läden

1962 wurden Marie-Louise Ehrismann und ihr Mann Ernst stolze Eltern ihres Sohnes Marco. Als dieser drei Jahre alt war, wollte Marie-Louise Ehrismann gerne wieder Teilzeit arbeiten gehen. Auf der Suche nach einer geeigneten Kinderkrippe wurde sie bei der Migros Pfingstweid fündig. «Ich war als Kind schon zwei Stunden pro Woche in einer Krippe in Wipkingen, welche es übrigens auch heute noch gibt, und es hat mir sehr gut gefallen und auch gut getan. Es war natürlich fantastisch, dass die Migros ihren Angestellten eine eigene Kinderkrippe bot. Die Zeiten waren fortschrittlich – ja sogar fortschrittlicher, als sie es teilweise heute sind – denn die Krippe war von morgens sechs bis abends 20 Uhr sowie samstags offen.» Als ihr Sohn erwachsen war, zog es ihn weg von Wipkingen. «Der Liebe wegen zog er nach Kloten», schmunzelt Marie-Louise Ehrismann. «Ach, es waren schöne Zeiten, doch auch heute fühle ich mich immer noch sehr wohl und sicher hier in Wipkingen und ich könnte mir keinen anderen Ort vorstellen, an dem ich lieber wohnen würde. Schade finde ich, dass man heute nicht mehr einfach ‹um die Ecke› einkaufen kann, früher konnte man alles hier kaufen. Es gab einen Metzger, ein Milchlädeli, ein Schuhgeschäft, eine Post, ein Gemüseladen und sechs Bäckereien. Die Rosengartenstrasse war beidseitig gesäumt mit Geschäften und ist heute eine der meistbefahrenen Strassen in Zürich – Wahnsinn! Ach ja und nicht zu vergessen das ‹Mehlhüsli›, was war und ist es immer noch für ein Bijou!» Das «Mehlhüsli» gehörte dazumal zur bekannten Bäckerei Zürrer, welche als einzige Grahambrot buk und anbot. «Natürlich hat sich in all den Jahren viel verändert, früher gab es viele ältere Menschen, heute ziehen vermehrt junge Leute hierhin.» Zu den Altbauten, welche immer wieder verschwinden und neuen Häusern Platz machen müssen, meint Marie-Louise Ehrismann: «Dazu habe ich in meinen alten Unterlagen einen Schüleraufsatz vom Jahre 1934 gefunden, den finde ich auch für die heutige Zeit passend.»
Marie-Louise Ehrismann, authentisch, sympathisch, lebensfroh und wandelbar, genau wie ihr Quartier und ihre Heimat Wipkingen.

Schüleraufsatz von 1934: Ein altes Quartier wird abgebrochen.

Ungefähr in der Mitte unseres Quartiers stehen noch ein paar alte Häuser. Eines von denen war früher ein Schulhaus. Dort nebenbei geht die Rosengartenstrasse hindurch. Man hatte sie früher zu schlecht erweitert, sodass Fahrzeuge nur mit knapper Not aneinander vorbeifahren konnten. Manchmal wurden sogar Velofahrer von ihren Fahrzeugen geschleudert. Weiter unten hat es dazu noch eine gefährliche Ecke, nämlich ein Haus schiebt sich ein kleines Stückchen in die Strasse hinein. Aber das kleine Stückchen genügt schon, um den Auto- und Velofahrern die Strasse zu verdecken. Dadurch geschehen viele Unfälle. Man hat darum im Sinne, die alten Häuser abzubrechen. Eigentlich ist es schade drum, denn manche Häuser sind Riegelbauten. Auch die Höhe ist anders. Manchmal überragt eines die andern wie der Vater die Kinder. Auch sind die Zimmer niedrig und klein. Sonst aber sahen sie noch heimelig aus, als die Fenster mit Vorhängen verdeckt waren. In einem der Häuser wohnte ein Milchmann mit seiner Familie. Im Sommer musste er die Milch im Keller kühlen und ihm Winter in die Stube nehmen und sie am warmen Kachelofen wärmen, damit sie vom kalten Blechrand des Kessels abschmolz.

Kommentare

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500
10. Juli 2017 um 15:56 Uhr von Golliard Christiane

Carissima amica Marlys riposa in pace. Sei stata una persona stupenda e sono felice che la vita abbia unito le nostre strade. Ti voglio tanto bene. La tua amica per sempre Christiane