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Quartierleben

Abgebrannt und abgebrochen

22. September 2022 von

Foto: BAZ

Das Kirchgemeindehaus in einer Luftaufnahme von 1931: Vorne links der neu gebaute Kehlhof. Der Nussbaum auf dem Vorplatz steht noch, der alte Kehlhof ist abgebrochen. Rechts die Kreuzung mit den Tramschienen der Linien 13 und 4. Rechts unten der ehemalige Friedhof, der als Gemüsegarten genutzt wurde.

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22. September 2022

Printausgabe vom
22. September 2022
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Der Kehlhof, eines der geschichtsträchtigsten Gebäude in Wipkingen, hat ein turbulentes Schicksal hinter sich. Den heutigen Kehlhof kennt man kaum noch dem Namen nach.

Keller» und «Meier» sind gängige Familiennamen in Wipkingen und Höngg. Die Namen gehen auf mittelalterliche Berufsbezeichnungen zurück. Die Fraumünsterabtei als Lehensherrin setzte im 9. Jahrhundert zur Beaufsichtigung ihrer Lehen einen Oberbauer ein. Auf grossen Gütern hiess der Oberbauer «villicus maior», es war der «Meier». In kleinen Gütern hiess er «cellarius», er war der «Keller».
Weil «Hoingga» gross war und «Wibichinga» klein, gibt es in Höngg einen «Meierhof» und in Wipkingen einen «Kehlhof». Dieser Kehlhof ist das Gebäude mit der ältesten Geschichte in Wipkingen. Es war im Mittelalter der «Keller» des Fraumünsters, daher auch der Name. Wie der mittelalterliche Kehlhof aussah, wissen wir nicht. Die älteste urkundliche Nennung eines Kellers stammt aus dem Jahr 1301, genannt ist in einer Urkunde «Ulrich der Keller» bei einer Kaufsfertigung. 1541 amtierte ein Cunrat Fürst als Keller in Wipkingen. Im Kehlhof musste der Zehnte abgeliefert werden, und er diente dem «Cellarius», dem Kellermeister, als Lagerhaus.
Im mittelalterlichen Kehlhof fanden auch Dorfversammlungen statt. In den Urkunden hiess das Haus «Kelnhof». Er lag seit Anbeginn nahe dem Kirchlein, an der heutigen Hönggerstrasse.

Funktion als Lagerhaus

Die Besitztümer des Fraumünsters gingen nach der Reformation 1524 an den Rat der Stadt Zürich über. Formell blieb der hiesige Kehlhof nach der Reformation ein Lehengut des Fraumünsteramts. Das Fraumünsteramt behielt auch das Recht, den Keller zu erkiesen (auswählen) und einzusetzen, wobei die Gemeinde ein Vorschlagsrecht hatte. Die Amtszeit des Kellers betrug zwei Jahre.
Auch die Verhandlungen der Dorfgerichtsbarkeit und die Bärchtelisgant (die Holzversteigerung am 2. Januar) fanden im Kehlhof statt. Der Kehlhof behielt nach der Reformation seine Funktion als Lagerhaus für den Zehnten. Allerdings zog nun die Stadt die Steuern ein und nicht mehr das Fraumünster.
Wibichinga blieb eigenständig und entwickelte sich in den neuen Freiheiten erstaunlich wohlhabend im Vergleich zu umliegenden Dörfern.
Der Kehlhof des 18. Jahrhunderts war ein Bauernhof, gepachtet vom Fraumünster. Der Hof war auch ein politisches Zentrum der Gemeinde. Mit der Zeit entwickelte sich der Kehlhof zum eigentlichen Gemeindehaus und erhielt für die Gemeinde Wipkingen steigende politische und gesellschaftliche Bedeutung. Vermehrt fanden Gemeindeversammlungen darin statt.
In der Gemeinderechnung von 1780 notierte Seckelmeister Heinrich Laubi 2 Pfund Einnahmen als «Stubenhitz im Kehlhof». Bürger konnten Räume gegen Heiz- und Mietgeld benutzen. Die Verwaltung zog ein und eine Schulstube wurde darin unterhalten.

Ein Feuer zerstörte den Kehlhof

Von 1524 bis 1781 blieben Funktion und Besitzverhältnisse unverändert – bis eines Nachts eine Feuersbrunst den Kehlhof vollständig zerstörte. Der Kehlhof brannte bis auf die Grundmauern ab. Wipkingen verlor Gemeindehaus und Gemeindegut und viele Leute ihre eingelagerten Vorräte und Gerätschaften. Im Protokoll der Kirchenpflege stand: «1781 Herbstmonat. Am 15ten in der Nacht stand die Kirche in grosser Gefahr, welche grad noch gnädig abgewendet wurde, wegen einer nahe an derselben im Kehlhof entstandenen Feuersbrunst, bei welcher Mensch und Vieh nebst wenigem Haushalt allein gerettet wurden, alles Übrige aber zu Asche verbrannte.»
Die Gemeindevorsteher handelten und bestellten eine schon längst geplante Feuerspritze. Die Gemeinde hatte neben ihren Amtsstuben auch die Schulstube verloren. Man beschloss als Ersatz den Kauf des Gebäudes an der Rosengartenstrasse «Zum Scharfen Eck». Der letzte Lehrer in der Schulstube im alten Kehlhof hiess Hans Jakob Abegg. Bis zu 70 Kinder pferchten sich in den engen Bänken. Den Lohn erhielt er von den Eltern der Kinder, die pro Kind und Woche zwei Schilling zahlen mussten. Vermutlich freuten sich nicht wenige Kinder über den Brand, denn sie hatten fast ein Jahr schulfrei, bis die Gemeinde in der ehemaligen Knelle «Zum Scharfen Eck» das neue Gemeindehaus mit Schulstube einrichtete, inklusive Dachkammer für Lehrer Abegg. Brandruine und Boden wurden zu Privatbesitz und verkauft.
Der Schaden an Kehlhof und Nachbargebäuden wurde auf 3000 bis 4000 Gulden geschätzt. Auch das Haus des Nachbarn Jakob Burkhart brannte halb ab, nur die Kirche und der alte Nussbaum blieben verschont. Man erhob eine «Liebessteuer» zur Schadloshaltung der persönlich Betroffenen. Insbesondere Höngg tat sich mit der Liebessteuer hervor.
Der Kehlhof wurde einige Jahre später wieder als Bauernhof an der gleichen Adresse Hönggerstrasse 52 neu erbaut. Dem neuen Kehlhof sollte dasselbe Schicksal beschieden sein: Er brannte 1895 vollständig ab. Der Besitzer war Hans Heinrich Siegfried, Landwirt, Unternehmer und Gemeinderat. Er baute die Villa Kehlhof im Jugendstil mit Ornamenten im «Laubsägestil» neu auf. Er sah, dass in der wachsenden Gemeinde an zentraler Lage kein Platz mehr für den Bauernstand sein würde. Hans Heinrich Siegfried zog sich zurück und verlegte seinen Alterssitz in den neuen, stolzen Kehlhof.

Krippe statt Bauernhof

Als die Gemeinnützige Gesellschaft Wipkingen (GGW) mit der Geldsuche für eine Krippe im Quartier begann, war das grösste Problem die Finanzierung einer geeigneten Liegenschaft. Emil Siegfried-Notz, der neue Besitzer, erfuhr vom Krippenprojekt und verkaufte seine Villa Kehlhof zu einem Preis von 100›000 Franken deutlich unter Marktwert. 1918 eröffnete der Frauenverein in Zusammenarbeit mit der Gemeinnützigen Gesellschaft Wipkingen GGW die grösste Krippe in Zürich und eine der ersten in der Schweiz (Siehe «Wipkinger» Nr 4/2020).
Der Kehlhof stand in den 1930er- Jahren genau dort, wo die reformierte Kirche ihr Kirchgemeindehaus baute. Man brach die schöne Villa ab und erstellte – mit heftigen Turbulenzen – einen dritten Kehlhof als Aussenteil des mächtigen Neubaus. Das heutige Gebäude an der Hönggerstrasse 60 heisst immer noch Kehlhof, aber dies ist praktisch unbekannt. Etwas zerdrückt vom wuchtigen Bau und eingeschnürt vom Verkehr kommt es nicht mehr recht zur Geltung. Auch sieht man dem Gebäude die alt-ehrwürdige zwölfhundertjährige Geschichte nicht mehr an.

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