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Quartierleben

An einem Tisch – eine Erfolgsgeschichte

25. Juni 2019 von

Der TFCZ trainiert in Wipkingen.
Foto: zvg

Der TFCZ trainiert in Wipkingen.

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Online seit
25. Juni 2019

Printausgabe vom
27. Juni 2019
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Tischfussball – ein Sport, den jede*r kennt, fast jeder und jede schon einmal gespielt hat und bei dem viele sogar von sich behaupten, sie wären darin ganz gut. Wer bei Turnieren ganz vorne dabei sein will, sollte aber in Erwägung ziehen, einem Club beizutreten.

Öffnet man ein Gatter in einem Innenhof in Wipkingen, fernab von der Geräuschkulisse eines Röschibachplatzes oder einer Rosengartenstrasse, und geht einen leicht absteigenden, mit Unkraut überwachsenen und von Maiglöckchen flankierten Steinplattenweg hinab, gelangt man zu einem zweistöckigen Gebäude. Betritt man das Erdgeschoss, befindet man sich in der ADAG Offsetdruck AG, der letzten von ursprünglich zwanzig Druckereien im Quartier. Es dringen Geräusche ans Ohr, die gar nicht zu einer Druckerei gehören wollen. Wendet man sich nach rechts, so sieht man, dass der Lärm aus der Halle kommt, von sechzehn Tischfussballtischen, an denen die kleinen Kunststoffbälle an die Banden oder ins Tor knallen. Hier befindet sich das Hauptquartier des TFCZ, des Tischfussballclubs Zürich. Der Präsident, Hans-Ruedi «HR» Breitenmooser, beäugt zufrieden seine Mannschaft, die eifrig trainiert. Die Spieler, die gerade nichts zu tun haben, lassen sich an der Bar in der rechten hinteren Ecke ein Bier geben. Die Stimmung ist gut, man sieht, dass die Clubmitglieder Spass an dem haben, was sie machen und freundlich miteinander umgehen.

HR Breitenmoosers sichere Hand

Seinen Anfang nahm der TFCZ im Jahre 1989, als Breitenmooser die Druckerei übernahm, in der er seit neun Jahren gearbeitet hatte. Seine Freunde, mit denen er schon damals durch die Bars zog, um Kicker zu spielen, überzeugten ihn, ein Paar «Töggelikästen» aufzustellen. So fand er im Tischfussball einen Ausgleich zum harten Arbeitsalltag in der Druckerei. Da Breitenmooser durch viel Training in den Zürcher Bars in diesem Sport auf einem professionellen Level war, beschloss er, seine «echte» Fussballer-Karriere zugunsten des Tischfussballs aufzugeben. Im Jahre 1990, ein Jahr nach dem Aufstellen der ersten Tische, folgte dann die offizielle Gründung des TFCZ. Mit der Zeit wurden mehr Tische aufgestellt, der Verein wuchs, er hat heute über 100 Mitglieder, zu Spitzenzeiten waren es bis zu 200.

Ganz ohne Training geht es nicht

«Um gut Tischfussball spielen zu können, braucht es zuerst Leidenschaft; Taktik und Ballgefühl kommen an zweiter Stelle», sagt Reshat Dissanto, langjähriges Mitglied des TFCZ und ehemaliger Trainer der gefeierten Cindy Kubiatowicz-Moser. «Das Wichtigste aber ist: Fun!» Hiawatha Frey, ebenfalls langjähriges Mitglied, sagt: «Beim Tischfussball ist es ähnlich wie beim Tennis, ein einziger Ball kann ein Spiel komplett drehen». Die Fertigkeiten im Spiel bringt man sich zuerst autodidaktisch bei, man schaut bei den Profis ab, man fragt sich durch und nimmt Feedbacks entgegen. Natürlich ist der Erfolg in diesem Sport aber auch eine Frage von Talent, harter Arbeit und Hingabe. Fortgeschrittene Spieler*innen trainieren zwischen drei und sechs Stunden täglich; Anfänger*innen bringen lange Trainings noch nichts. Wer Interesse hat, professionell zu «töggelen», kommt einfach beim TFCZ vorbei und macht sich ein Bild. Es kann praktisch jede*r mitmachen, der oder die will, Nüchternheit ist keine Regel und Spass kommt an erster Stelle. Ein normales Training sieht also ganz einfach aus: Herkommen und spielen. Roger Ganz, der hier trainiert, meint: «Wenn jemand das Gefühl hat, er oder sie könne gut spielen, soll er oder sie gegen HR spielen. HR wird jede*n eines Besseren belehren».

Wie wird im Tischfussball «gefoult»?

Verglichen mit anderen Sportarten hat Tischfussball eher wenig Regeln. Natürlich sind sportliche Fairness und respektvoller Umgang miteinander unabdingbar. Im Falle einer Unsportlichkeit, wie einer Beleidigung, unerlaubtem Reden oder einem Bandenschlag – dem zu festen Umgang mit der Stange – wird «Foul!» gerufen, das Spiel wird unterbrochen und die Unsportlichkeit wird untereinander besprochen. Bei manchen Spielen kann auch ein Schiedsrichter anwesend sein. Während des Spiels wird nicht geredet; will ein Team seine Taktik besprechen, wird ein Time-Out von 45 Sekunden ausgerufen.

Ein solches Foul wird jetzt ausgerufen. Die Spieler unterbrechen ihr Spiel und tauschen sich kurz aus. Roberto vom TFCZ sagt: «Wir sind alles gute Spieler, talentiert und fair». Und fügt hinzu: «Der Beste der Welt jedoch ist wohl der Belgier Frédéric Collignon, der seine Spezialität perfektioniert hat, den <Helikopterschuss>». Am Tisch, wo das Foul besprochen wurde und das Spiel nun weitergeht, versucht sich jemand gerade an einem solchen. Dabei wird der mittlere Dreier in hoher Geschwindigkeit um den Ball bewegt, wie ein Helikopter eben, was dem Ball den nötigen Drall gibt, so dass er praktisch unhaltbar ist.

Ein Club mit beeindruckender Erfolgsgeschichte

Von den Tischen wandert der Blick zu den Regalen, die den Raum umschliessen. Hier stehen, säuberlich nebeneinander, unzählige Pokale und Medaillen, die der TFCZ in seinem bald dreissigjährigen Bestehen gewonnen hat. Der Club hat 2014 und 2018 die Weltmeisterschaft im Seniorendouble gewonnen, 2003 die Europameisterschaft, 2008 gewann HR Breitenmooser die WM im Einzel. Die achtfache Weltmeisterin, einfache Europameisterin und neunfache Schweizer Meisterin Cindy Kubiatowicz-Moser hat hier trainiert.

Innerhalb des TFCZ werden Teams gebildet, die in Ligen wie der bar-foos-Liga oder der Clubliga zum Teil weit vorne mit dabei sind. Im letzten Jahr gewann der Verein die Clubliga, ohne ein Spiel verloren zu haben. Im November folgt die Qualifikation für die Weltmeisterschaft. Die erste Liga, die eine*n Anfänger*in interessieren sollte, ist die bar-foos-Liga. Sie wird, wie der Name schon sagt, in Bars abgehalten. In der Schweiz sind dies Örtlichkeiten in den Grossstädten Zürich, Luzern, St. Gallen und Winterthur. Auf der Internetseite fordere.ch kann man sich und sein Team eintragen und schon ist man dabei. Die besten Teams dürfen an der Clubliga teilnehmen, einer Art Champions League des internationalen Tischfussballs. Von dort ist der Aufstieg zu grösseren, internationaleren Meisterschaften möglich. An einer Weltmeisterschaft nehmen zwischen 400 und 1‘000 Personen teil, die in verschiedenen Kategorien wie Einzel, Doppel und Mixed spielen. An einer grossen Meisterschaft, einer EM oder WM, kann es zwischen 30 und 40 Spiele pro Tag geben; die Spiele dauern eine halbe bis eine ganze Stunde.

Die Nachwuchshoffnung des TFCZ

Genauso wichtig wie das Spielen in den verschiedenen Profi-Tischfussballligen ist dem TFCZ aber auch etwas anderes: das Fördern des Nachwuchses. Am 4. Mai gab es in der Druckerei ein Sich-Messen der U-18-Junioren. Till aus dem TFCZ-Nachwuchs war der klare Favorit. Doch da er an diesem Tag extra früher aus dem Klassenlager gekommen war, verlor er aufgrund seiner Müdigkeit knapp gegen den Herausforderer Belmin vom Club Thayngen. Erfolg ist also auch im Tischfussball nicht zum Nulltarif zu haben.

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