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Das Kunsthaus muss sich seiner Verantwortung stellen

16. Dezember 2021 von

Titelseite des Buches "Das kontaminierte Museum" von Erich Keller, erschiene 2021 im Rotpunktverlag.
Foto: zvg

Titelseite des Buches "Das kontaminierte Museum" von Erich Keller, erschiene 2021 im Rotpunktverlag.

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16. Dezember 2021

Printausgabe vom
16. Dezember 2021
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Nun ist es in aller Munde. Jahrelang verharrte es in einem Dornröschenschlaf, wurde von der Zürcher Bevölkerung und der Zürcher Kunstszene nicht oder nur negativ wahrgenommen.

Mit dem Zuzug der Kunstsammlung des Zürcher Waffenproduzenten Emil G. Bührle und der Neueröffnung des Erweiterungsbaus im vergangenen Oktober wurde das Kunsthaus auf die internationale Bühne katapultiert. Die Leihgabe der Bührle-Stiftung für den Kunsthaus-Erweiterungsbau, es handelt sich dabei um rund 200 der  insgesamt 600 Kunstwerke umfassenden Sammlung, brachte eine sehr belastete Geschichte ans Licht.

Dada ist einmalig

Doch von Anfang an. Bis ins Jahr 2000 besuchte auch die Schreibende häufig Ausstellungen im Kunsthaus Zürich. Alle Räume des Kunsthauses wurden regelmässig mit kleineren und grösseren Ausstellungen
bespielt. Der Mix war bunt und divers. Viele bekannte und unbekannte Künstlerinnen und Künstler aus naher Umgebung und fernen Ländern liessen sich entdecken. Frauen waren mit ihren Werken als Künstlerinnen  ebenso präsent wie Zürcher Kunstschaffende. Das Kunsthaus war ein offenes Haus, das auch viele namhafte
Schenkungen erhielt. So auch viele Werke von Dada-Künstlerinnen und -Künstlern, einer internationalen
Kunstrichtung, die ihren Anfang in Zürich nahm und auf die gesamte Welt ausstrahlte. In nachhaltiger  Erinnerung bleibt der Schreibenden die Ausstellung «Dada Global» von 1994, bei der das Kunsthaus nochmals seine weltweit einmalige Sammlung von Dada- Werken präsentierte.

Keine Künstlerinnen im Programm

2000 wurde der Kunsthausdirektor Felix Baumann pensioniert und ein neuer Direktor, von Stuttgart kommend,
übernahm die Leitung des Kunsthauses. Die Ära Christoph Becker glänzte vor allem mit unzähligen Umstrukturierungen, Einbindung des Kunsthauses Zürich in ein neoliberales Standortmarketing und damit  neuer Ausrichtung auf Touristinnen und Touristen aus aller Welt. Der Zürich-Kunst-Bezug ging von Jahr zu  Jahr mehr verloren, Werke von Zürcher Künstlerinnen und Künstlern wurden je länger je weniger ausgestellt. 2019 erlangte das Kunsthaus eine zweifelhafte schweizweite Aufmerksamkeit, weil bekannt wurde, dass es zwischen 2008 und 2018 nicht einmal 15 Prozent Künstlerinnen in Einzelausstellungen präsentierte, 2019 betrug der Anteil gar null Prozent. Auch die Besucherzahlen gingen seit 2000, mit einzelnen Ausreissern, kontinuierlich zurück. Das Kunsthaus versank mit seinem neuen Direktor in der Bedeutungslosigkeit.

Ungeklärte Herkunft

Als im Jahr 2005 der Stadtrat von Zürich entschied, neben dem Kunsthaus einen Erweiterungsbau auf dem Gelände der Turnhallen der alten Kantonsschule beim Heimplatz zu bauen, nahm die verhängnisvolle Geschichte ihren Lauf. Mit David Chipperfield engagierte man einen internationalen Architekten, der das kantonale Grundstück mit seinen alten Kastanienbäumen rücksichtslos bis an den Rand des Grundstücks bebaute. Schon früh war klar, dass dieser klobige Erweiterungsbau ein Teil der umfangreichen Bührle-Sammlung beherbergen sollte. Seit Oktober 2021 sind rund 200 Bilder, es sind hauptsächlich impressionistische Werke, als Leihgabe der Bührle-Stiftung im Kunsthaus Zürich ausgestellt. Die Herkunft der Kunstwerke ist bis heute nicht lückenlos aufgearbeitet. Wie viele der ausgestellten Bilder der Bührle-Sammlung wurden den ehemaligen Besitzern durch Krieg und Verfolgung durch das nationalsozialistische Deutschland entrissen, sind also als NS-verfolgungsbedingt entzogene Kunstwerke gemäss der Definition der Theresienstädter Erklärung – die Schweiz hat diese unterzeichnet – einzustufen?

Stark belastete Geschichte

Mit dem systematischen Kunstraub durch das nationalsozialistische Deutschland und der systematischen
Vertreibung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung wurden enorm viele Kunstwerke auf den internationalen Kunstmarkt geschwemmt. Der Rüstungsindustrielle und Nazisympathisant Emil G. Bührle, der Nazi- Deutschland mit Waffen belieferte, baute seine Kunstsammlung ab 1936 bis Mitte der 1950er-Jahre auf. Gemäss Erich Keller, Historiker und Autor des lesenswerten Buches «Das kontaminierte Museum» (Zürich 2021), kaufte E.G. Bührle zwischen 1939 und 1945 rund 100, zwischen 1946 bis zu seinem Tod 1956 fast 500 Kunstwerke. Die Kunstwerke sind von hervorragender Qualität, das ist unbestritten, sie haben heute einen geschätzten Wert in Milliardenhöhe. Doch darf der historische Kontext – Krieg, Raub, Vertreibung und  Ermordung der jüdischen Bevölkerung – welcher den Aufbau der Kunstsammlung Bührle förderte, nicht mehr länger ausgeblendet werden.

Aufklärung jetzt!

Dass die Herkunft der Kunstwerke und die Entstehung der Sammlung nicht vor der Abstimmung von 2012, als die Zürcherinnen und Zürcher über den Erweiterungsbau abstimmten, von einem unabhängigen Forschungsteam lückenlos abgeklärt und Transparenz geschaffen wurde, ist ein politisches und gesellschaftliches Versagen. Als einzige Partei hatte die Alternative Liste damals auf die stark belastete Vergangenheit der Bührle-Kunstsammlung hingewiesen und aus diesem Grund die Nein-Parole zum  Kunsthauserweiterungsbau beschlossen. Leider fanden wir kein Gehör. Was damals verpasst wurde, kann immer noch nachgeholt werden. Die Zürcher Kunstgesellschaft, die Betreiberin des Kunsthauses, muss handeln. Sie soll die Herkunft der Kunstwerke und die Entstehung der Sammlung durch ein unabhängiges, internationales und breit abgestütztes Forschungsteam untersuchen lassen.

Von Judith Stofer

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