Quartierleben
GZ Wipkingen: Der «Tintenfisch» ist umgezogen
Acht Jahre Projektphase, zwei Jahre Umbau: Die Sanierungsarbeiten beim GZ Wipkingen werden diesen Herbst endlich fertiggestellt. Die verantwortliche Architektin Franziska Plüss hat schon vor der Eröffnung einige Einblicke in die Bauarbeiten gewährt.
26. September 2026 — Dagmar Schräder
Die Beziehung zwischen der Architektin Franziska Plüss und dem GZ Wipkingen kann man mit gutem Recht als langjährig bezeichnen: Im Jahr 2016 gewann sie mit ihrer Firma deplus architekten eth/fh das vom Amt für Hochbauten ausgeschriebene Planerwahlverfahren zur Sanierung des Gemeinschaftszentrums.
Geplant war der Bau ursprünglich für das Jahr 2020, doch mehrere Rekurse verzögerten das Projekt. Nach Bereinigung der Differenzen konnte der Umbau schliesslich 2024 beginnen. Und nun, zehn Jahre nach dem Start, stehen die Bauarbeiten kurz vor dem Abschluss. Im November wird das GZ hier schrittweise wiedereröffnet (siehe Seite 15). Vorher zeigt die Architektin in einer kleinen Führung, wie sie diese grosse Aufgabe umgesetzt hat.
Ein Ort mit Geschichte
Denn das war kein ganz leichtes Unterfangen, schliesslich ist nicht nur ihr Verhältnis zum Gemeinschaftszentrum von längerer Dauer, auch das GZ selbst kann auf eine bewegte Geschichte zurückblicken. Gegründet wurde es im Jahr 1954 als erster Robinsonspielplatz der Schweiz und legte damit den Grundstein für die Entstehung der Zürcher Gemeinschaftszentren.
Es bestand zunächst aus nicht mehr als einem Spielplatz, auf dem Stadtkinder eigene Hütten bauen konnten. 1958 entstand das erste Gebäude als Schutz vor der Witterung und für den Winterbetrieb. Dieser Pavillon, das spätere Kafi Tintenfisch, wurde mehr oder weniger in Handarbeit gezimmert, wobei auch der Architekt Hannes Trösch noch selbst Hand anlegte. In der Folge wuchs das Areal zu einem kleinen Ensemble aus Holzpavillons zusammen.
60 Jahre später wurden schliesslich Sanierungsarbeiten dringend notwendig. Bei der Auseinandersetzung mit dem Vorhaben wurde jedoch schnell klar, dass es mit einer einfachen Sanierung des Pavillons nicht getan ist. Zu stark sind die Ansprüche an Energie und Ökologie, Sicherheit, Brandschutz und Gebäudetechnik in den vergangenen Jahrzehnten gestiegen – kombiniert mit einem enormen Zuwachs an Nutzenden der Anlage.
Niederschwelliger Charakter
Für den Umbau des denkmalgeschützten Areals im Auftrag durch die Stadt Zürich habe das Team um Plüss, so erklärt sie, daher in enger Kooperation mit dem Fachteam des Gemeinschaftszentrum den Bedarf der Kundschaft vor Ort genau analysiert.
«Wir wollten den Betrieb vor Ort kennenlernen, erfahren, in welche Richtungen sich die einzelnen Gebäude orientieren, wo sich die Gäste gerne aufhalten und welche Plätze in ihrer Nutzung vielleicht noch ausgebaut werden könnten», so Plüss. Besonders positiv sei von den Nutzenden zum Beispiel hervorgehoben worden, dass man von überall direkten Zugang zum Aussenraum habe: «Von der Werkstatt, den Kurssälen, dem Bauernhof oder dem Café führt jeder Weg direkt ins Freie», so Plüss. Das nehme, so die Befragten, Berührungsängste und mache den Zugang niederschwellig.
Zurück in der «Moststube»
Ein wichtiger Bestandteil des aus diesen Überlegungen resultierenden Konzepts sei die Rochade zwischen den Werkstätten und dem Café gewesen. Mit dem Umzug rückt das Kafi als Herzstück des Betriebs noch näher ins Zentrum des Geschehens. Vom neuen Standort aus können Eltern ihren Nachwuchs quasi rundherum im Auge behalten, wenn dieser sich auf dem Spielplatz austobt.
Auch geschichtlich macht das Sinn: Der Werkstattpavillon, der zwei Jahre nach dem Kafi das Areal ergänzte, wurde ursprünglich für die Saffa-Ausstellung (Schweizer Ausstellung für Frauenarbeit) in Wollishofen erstellt, wo er als «Moststube» und Gastraum diente. Konzipiert und realisiert von der Architektin Fernande Bitterli-Jaggi, lud er dort zum Verweilen und Diskutieren ein – und erhält nun seine eigentliche Aufgabe zurück.
Seine Vergangenheit sieht man dem Gebäude derweil auch nach der Sanierung noch an: Die Fassade wurde durch die mit dem Bau beauftragte Strabag AG denkmalpflegerisch saniert und auch das Innenleben bleibt so weit wie möglich originalgetreu. So wurde zwar modernisiert und erneuert, die im oberen Stock eingebauten Büros wurden ausgebaut und eine moderne Gastroküche sowie sanitäre Anlagen eingesetzt – doch optisch bleibt so viel wie möglich beim Alten.
Wie zum Beispiel die Fenster, die zwar mittlerweile dreifach isoliert sind, deren Rahmen und Griffe aber aussehen, als stammten sie aus den 1950er-Jahren. «Architektonisch war das eine Herausforderung: Alles zu erneuern, den heute geltenden Bestimmunge anzupassen und gleichzeitig den originalen Charakter zu erhalten», gesteht Plüss.
Der blaue Pilz im Blätterwald
Die grösste Veränderung aber hat der sogenannte «Blaue Saal» erfahren. Dieses Gebäude stand als einziges nicht unter Denkmalschutz, weil das Original in den 1980er-Jahren einem Brand zum Opfer gefallen war. Das ermöglichte einen Ersatzneubau, der einerseits einen grossen Saal für Anlässe und Vermietungen zur Verfügung stellen, andererseits Platz für Kurse, Gebäudetechnik, Betriebslager und Büros bieten sollte.
Gleichzeitig, so der Anspruch der Architektin, sollte er sich mühelos in das bestehende Gebäudeensemble einfügen: «Wir wollten auch beim Neubau den Charakter der einstöckigen Pavillons erhalten», erklärt sie. Wo aber hin mit all den zusätzlich benötigten Räumen? Plüss und ihr Team fanden eine aussergewöhnliche Lösung: Sie integrierten die oberen Stockwerke in das grosse, sich nach oben verjüngende Dach. So wirkt der Holzhybridbau nicht höher als die ihn umgebenden Pavillons.
Auch zum Innenleben hat sie sich einige Gedanken gemacht: «Es war uns wichtig, architektonisch nicht zu viele Vorgaben zur Nutzung zu machen», erläutert sie. Die einzelnen Räume sind daher einfach gestaltet und pflegeleicht. Gebrauchsspuren stören die Ästhetik nicht, sondern sind im Gegenteil Teil des Konzepts. Ausgefeilt ist dafür die Veranstaltungstechnik des Saals.
Und der Lärmschutz: Die Scheiben sind von so hoher Lärmdämmung, dass kaum ein Geräusch nach aussen dringen wird. Durchdacht ist zudem die Luftzirkulation des Gebäudes: Die zurückversetzten Fenster im Erdgeschoss verstecken sich hinter der perforierten Fassade. Dadurch hat man von aussen keinen Zugriff auf sie – was ermöglicht, dass sie nachts offenstehen können. Gleichzeitig kann die Dachluke geöffnet werden: «Das erzeugt eine Kaminwirkung und sorgt für optimale Durchlüftung des Gebäudes», so Plüss.
Märchenhafter Spielplatz
Schliesslich hat auch der Aussenraum eine Aufwertung erfahren. Der Spielplatz hat seine Thematik als Märchenwald beibehalten, die einzelnen Elemente wurden jedoch erneuert und ergänzt. Der bereits bestehende Hartplatz zwischen Café und Bauernhof wurde von den Parkplätzen befreit und dient, nun komplett autofrei, nicht nur als Basketballplatz, sondern auch als Freifläche für Velos und Trottinetts. Und auf der der Strasse zugewandten Rückseite des Cafés wurde durch den Rückbau von bestehenden Schuppen Platz gewonnen, der mit neuen Bäumen zum Verweilen einladen soll.
Noch sind die letzten Bauarbeiten im Gang, doch ab November soll die Wiedereröffnung in den Räumlichkeiten stattfinden. Ein grosser Moment – sowohl für die Mitarbeitenden des GZs als auch für das Architektur-Team. «Ich bin sehr gespannt, wie die Quartierbevölkerung das neue GZ aufnehmen wird», sagt Plüss. Und ergänzt: «Es ist schon ein seltsames Gefühl, den Umbau, der so viel Zeit in Anspruch genommen hat, jetzt fertigzustellen», gesteht sie. «Wir haben uns enorm viele Gedanken über Nutzungen und Angebote gemacht – und nun werden diese Ideen Realität.»
Das muss sich ein wenig so anfühlen, wie wenn der Nachwuchs flügge wird: Jahrelang wurde das «Kind» vom Team begleitet, nun muss und darf es sein eigenes Leben leben.
Wiederinbetriebnahme GZ Wipkingen
Es ist so weit! Im November zieht der Betrieb zurück ins GZ. Eingeweiht wird im April 2027. Mit dem Umzug verbunden ist die Schliessung dreier provisorischer Standorte mit ihren je verschiedenen soziokulturellen Angeboten und die Inbetriebnahme von drei GZ Gebäuden, die teilweise umgenutzt oder neu gebaut wurden. Damit der Übergang gut gelingt, erfolgt die Inbetriebnahme schrittweise.
Schritt 1: Schliessung Standort Wiese 1 Ab nach den Herbstferien finden im Provisorium „Wiese 1“ keine Atelierangebote mehr statt. Geöffnet bleibt bis Ende Oktober voraussichtlich das Kafi und das Sekretariat. Spätestens ab November ist die „Wiese 1“ definitiv geschlossen. Ab Mitte Dezember erfolgt der Rückbau.
Schritt 2: Wiedereinzug ins GZ und Teileröffnung des Betriebs und der Anlage Im November findet das grosse Zügeln statt. Das Kafi eröffnet in der zweiten Novemberhälfte, das Sekretariat im Dezember. Auch das Atelier nimmt im Dezember seinen Betrieb wieder auf, mit dem beliebten Winteratelier. Mit der Öffnung des Kafis werden zugleich die Bauzäune entfernt und das ganze GZ-Areal wird wieder für die Bevölkerung zugänglich sein.
Schritt 3: Start aller Dienstleistungen und Angebote Ab Mitte Januar 2027 können im GZ wieder Räume gemietet werden und spätestens dann finden auch wieder alle Angebote in den GZ Räumlichkeiten statt.
Das Provisorium «Platz 1» bleibt bis Ende 2026 bestehen. Dies gilt auch für die Kursangebote im GFA Sydefädeli und im «Studio» im GZ. Die ganze Zeit in Betrieb bleiben der Wipkihof, der Musikübungsraum sowie der Standort Begegnungsraum BAZ.
Eingesandt vom GZ Wipkingen


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