Der verlorene Sohn

Im Herbst 1851 verstarb Martin Fritschi. Der Schicksalsschlag traf die Gemeinde sehr.

Der Dorfkern der Gemeinde Wipkingen um 1895
Die Familie Fritschi wohnte im 19. Jahrhundert in den Häusern der späteren Druckerei Siegfried im alten Dorfkern (Nr. 4), da wo heute die Hönggerstrasse 51 steht (Zeichnung: Lori) 1 Wipkingerbrücke / 2 Anker / 3 Röschibachhäuser / 4 Druckerei / Siegfried, vormals Fam. Fritschi / 5 Neuhof: Schwanenapotheke, Bierhalle zum Neuhof / 6 Tanzsaal Neuhof / 7 Inseli / 8 Kehlhof / 9 Gelbes Haus / 10 Alte Kirche Wipkingen.
Die Gedenktafel für den 1851 verunfallten Martin Fritschi, angebracht an der Seite des alten Kirchleins
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Seine Kanone weckte die Gemeinde in aller Herrgottsfrühe. Lehrer Weber hatte die «Fritschi-Kanone» geordert, damit niemand die erste Schulreise verpassen sollte. Die Schüler waren mit dem Wunsch an ihn getreten, ob wieder einmal ein Jugendfest veranstaltet werde, worauf die Schulpflege traktandierte: «Bestimmung einer der Schuljugend zu veranstaltenden Freude durch ein Jugendfest oder durch einen Ausflug». Lehrer Weber empfahl eine Reise ins Herz der Schweiz, worauf die Schulpflege beschloss, eine Schulreise nach Luzern zu organisieren. Damals verkehrten die neuen Dampfbahnen in der Schweiz; die Spanisch-Brötlibahn als erste 1847 und seit 1856 brauste die Nordostbahn durch Wipkingen. Lehrer Weber rekognoszierte und wählte das «Schützenhaus» als Reiseziel. Offeriert war ein Mittagessen mit Suppe, Rindfleisch und Gemüse für 70 Rappen, dazu einen halben Schoppen «Hitzkircher» für 15 Rappen pro Schüler, «in nützlicher Mischung mit Wasser».
Schlossermeister Rudolf Fritschi weckte also die Gemeinde am Montag, 22. August 1864 um drei Uhr in der Früh mit seiner Böller-Kanone. 160 Schüler und 50 mitreisende Eltern besammelten sich beim Kirchlein und marschierten zügig zum Hauptbahnhof, wo der Zug nach Luzern um 5 Uhr losfuhr. Die Fahrt nach Luzern führte durch die neu eröffnete Linie über Affoltern am Albis. In Luzern besuchte man die Hofkirche, ass im «Schützenhaus» zu Mittag, besuchte das Löwendenkmal und das «Gütsch», bis am frühen Abend der Zug nach Zürich wieder losfuhr.

Fritschi-Familie

Es war die Zeit der Männerchöre und Turnvereine. Nach dem liberalen Umbruch um 1848 standen die Zeichen auf Föderalismus, Eigenständigkeit und Freiheit. Die bekannten Wipkinger Geschlechter wie Siegfried, Rütschi, Hotz, Laubi und Fritschi trugen wesentlich zum politischen und gesellschaftlichen Gedeihen der Gemeinde bei. Fast alle Männer waren Mitglied in der Schützengesellschaft, im Turnverein oder im Männerchor (siehe «Wipkinger» vom Dezember 2017). Die Frauen führten wesentliche Rollen in den Samaritervereinen, in der Kirche, in der Kindererziehung und im Finanziellen (siehe «Wipkinger» vom September 2016).
Die Schlosserwerkstatt der Familie Fritschi stand im alten Dorfkern, dort wo der Inselweg in die Hönggerstrasse einbog. Vater Fritschi stammte aus Flaach, kaufte 1825 die Liegenschaft von Rudolf Siegfried am Röschibach und errichtete eine Schlosserei gegenüber der Druckerei Siegfried. Der ältere Sohn Martin war Pontonierwachtmeister, der jüngere Rudolf Artillerist. Vater Jakob Fritschi und seine beiden Söhne Rudolf und Martin galten als wackere Berufsleute. Beide waren in der Schlosserei berufstätig.
Rudolf Fritschi wurde beschrieben als «ein sorgfältiger und kunstreicher Meister in seiner Berufsarbeit, ein begeisterter Freund des Gesanges, in Gesellschaft in seiner stillen Weise sich selbst ganz vergessend in Hingebung an andere». Er war zudem ein geschickter Waffenschmied und baute mit seinem älteren Bruder Martin in der Werkstatt eine Kanone, die sie an der «Landwirtschaftlichen und Industrieausstellung» in Wipkingen ausstellten. Bei Festen, dörflichen Anlässen und bei Grümpelschiessen feuerten sie mächtige Böllerschüsse aus ihrer Kanone ab. Rudolf Fritschi installierte auch den Ofen in der alten Kirche.

Ein tragischer Unfall

Martin Fritschi, der ältere Bruder, heiratete im Sommer 1851. Im August desselben Jahres rückte er in die Pontonierschule Thun ein. Am 1. September erlitt er einen tragischen Unfall: Beim Schlagen einer Brücke kippte ein Ponton, er verstrickte sich in ein Seil, fiel in den Fluss und wurde unter Wasser gerissen. Erst nach Tagen fand man seine Leiche weit flussabwärts. Man bestattete Martin Fritschi auf dem Thuner Friedhof. Pfarrer Felix Pfister hielt am 5. Oktober in der Kirche an der Limmat einen Gedenkgottesdienst mit einer angemessenen Feier auf dem Totenacker. Die Kirchgemeinde spendete dem Verunfallten ein kleines Denkmal auf dem Friedhof mit dem Sinnspruch:

«Im Vaterlandsdienst beflissen
hat dich der Strom uns schnell entrissen,
Als Waffenbrüder widmen wir
dem Verewigten dies Denkmal hier.»
Im folgenden Frühling gebar seine Frau ein Töchterchen. Die Gemeinde widmete dem verstorbenen Bürger eine Gedenktafel, welche an der Vorderseite der Kirche angebracht wurde.

«Dem Andenken des am 1. September 1851 im Eidg. Militärdienste in Thun in der Aare verunglückten Pontonier Wachtmeister Martin Fritschi.
Ruht auch Deine Hülle nicht in diesem Raume,
In den Herzen Deiner Freunde lebst Du dennoch fort.
Freudig finden nach entschwundenem Erdentraume,
Dich die Gattin, und die Lieben dort.»

(Quelle: Nachlass Jakob Frei, Stadtarchiv)

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