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Quartierleben

Die Kinderkrippe im Kehlhof

16. Dezember 2020 von

Der alte und neue Kehlhof (links) vor dem eingerüsteten Kirchgemein- dehaus, März 1931.
Foto: BAZ, Sammlung Gammeter)

Der alte und neue Kehlhof (links) vor dem eingerüsteten Kirchgemein- dehaus, März 1931.

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16. Dezember 2020

Printausgabe vom
17. Dezember 2020
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Vor gut hundert Jahren eröffneten fortschrittliche Wipkingerinnen zusammen mit der GGW eine Kinderkrippe im alten Kehlhof. Es war eine der ersten Krippen in der Schweiz.

Am dritten Dezember 1968 fand im kleinen Saal des Kirchgemeindehauses eine schlichte Feier statt: Anlass war das 50-Jahr-Jubiläum der ersten Kinderkrippe Wipkingens. «Rührend waren die Lieder, Reigen und Spiele, welche von den kleinen Krippeinsassen dargeboten wurden» schrieb Jakob Frei im Jahresbericht der GGW, Gemeinnützige Gesellschaft Wipkingen, der Vorläuferin des heutigen Quartiervereins. Nach den Darbietungen der Kinder gab es einen Abendimbiss und Jakob Frei, Autor des Buches «Wipkingen – einst und heute» erzählte die Geschichte der ersten Krippe. «Die GGW darf stolz darauf sein, vor 50 Jahren die erste Kinderkrippe Wipkingens ins Leben gerufen zu haben», schliesst der Bericht. Der grosse Wunsch, eine Sonnenterrasse für die Kinder, war nicht erfüllbar. Als Geschenk wurde den Betreiberinnen eine Abwaschmaschine geschenkt, überreicht von befreundeten Insti­tutionen und der GGW.

Geleitet wurde die Krippe von einer elfköpfigen lokalen Krippenkommission, Präsidentin war Frau Rosenberger-Huber. Diese Kommission verwaltete die Gebäulichkeiten und stellte das Personal ein. Schwester Maria Fuchs führte die Angestellten, Oberaufsicht hatte der Frauenverein Wipkingen. Die Gesamtleitung lag bei der Zürcher Sektion des Schweizerischen Frauenvereins.
Das Krippenpersonal bestand Ende der 1960er-Jahre aus einer diplomierten Kinderschwester, einer Kindergärtnerin, einer Höcktante, einer Köchin, einer Hausangestellten, Lehrtöchtern und Praktikantinnen. Die Elternbeiträge waren nach Einkommensklassen abgestuft und betrugen zwischen 2.50 Franken und 12.50 Franken. Diese Tarife waren nicht kostendeckend; die Differenz trugen private Spenden und zu grossen Teilen die Adolf-Walder-Stiftung.

Auch damals waren Krankheiten ein Thema. «Da in Krippen leicht Krankheiten eingeschleppt werden können, gehört zu jeder ein Krippenarzt», schrieb die GGW. Fast dreissig Jahre lang besorgte dies Dr. Franz Gyr grösstenteils unentgeltlich. Dr. Gyr war auch Aktuar, Vizepräsident und Präsident der GGW. Als sein Nachfolger amtete Dr. Willi Jäckli als Krippenarzt. Beim 20-Jahre-Jubiläum 1938 betreute das Personal 76 Kinder, davon 17 Säuglinge und 59 Kleinkinder an insgesamt 9486 Verpflegungstagen. Krippenleiterin war Maria Fuchs, Kindergartenleiterin Fräulein W. Herzog und Kindergärtnerin Fräulein A. Berger. Es war Usus, dass man unverheiratete Frauen als «Fräulein» aufführte und den Vornamen nicht ausschrieb. «Auch dieses Jahr sind unter den Krippenkindern wieder spezifische und unspezifische Infektionskrankheiten aufgetreten», schrieb Dr. Jäckli 1938 im Jahresbericht. «Sie alle waren gutartiger Natur und konnten stets rechtzeitig eingedämmt werden», hiess es weiter. Man isolierte die Kranken und schickte gefährdete Risikopatienten nach Hause.

Eine unternehmerische Glanzleistung

Die Gründung der Kinderkrippe im Kehlhof ist ein weiteres Beispiel für unternehmerische Leistung von Frauen in Wipkingen, die kaum bekannt sind. Der Anstoss kam von Dr. Custer, der als Krippenarzt die Kinderkrippe des Schweizerischen Frauenvereins an der Hallwylstrasse betreute. Diese war die erste Krippe in der Schweiz. Custer referierte an einer GGW-Versammlung über die neuen Krippen. Es dauerte einige Zeit, bis Vizepräsident Dr. Moosberger – nach ihm ist der Moosbergerweg im Letten benannt – zusammen mit Präsident Bolleter einen Antrag auf Gründung eines Krippenfonds einreichte. Symbolische hundert Franken wurden ins Budget aufgenommen. Kassier Bossard war klar, dass es damit keine grossen Sprünge gäbe. Der Frauenverein kontaktierte vermögende Wipkinger und brachte über 10  000 Franken zusammen. Für 13  000 Franken kaufte die GGW 1165 Quadratmeter Land an der Ecke Breitenstein-/Hönggerstrasse. Ein Bauprojekt wurde auf 80  000 Franken veranschlagt. Der Frauenverein und die GGW verschickten Bettelbriefe in der ganzen Stadt. Die grösste Spende mit 5000 Franken stammte von Alfred Rütschi, Sohn des Seidenfabrikanten Salomon Rütschi. Der erste Weltkrieg brach aus und an einen Hausbau war nicht mehr zu denken. Die meisten Wipkinger Männer standen im Aktivdienst und Baumaterialien waren unerschwinglich teuer. Formell waren dies GGW-Geschäfte, die treibende Kraft dahinter waren jedoch berufstätige Frauen im Frauenverein Wipkingen, welche für ihre Kinder gute Betreuung schaffen wollten. Es brauchte Geduld: 18 Vorstandssitzungen und zwei Generalversammlungen waren nötig, bis alles geregelt war. Die Umgangsformen mit der Anrede als «Fräulein» und einer Abwaschmaschine als Geschenk mögen mit heutigen Augen altertümlich erscheinen. Jedoch gab es in den 1910er-Jahren in Wipkingen zahlreiche selbstständige und berufstätige Frauen, auch mit unehelichen Kindern, die ihr eigenes Geld verdienten, ein eigenes Bankkonto hatten und anspruchsvolle Berufe ausübten (siehe Wipkinger Zeitung 2/19, «Die Frauenkolonie im Letten»).

Der alte Kehlhof

«Der Mensch denkt und Gott lenkt», pflegte Präsident Bolleter zu sagen. Ein Glücksfall trat ein: Der Frauenverein gelangte an den Kehlhof-Besitzer Emil Siegfried-Notz. Sein Vater, Landwirt und Gemeinderat Hans Heinrich Siegfried, hatte nach dem Brand von 1895 eine Villa im Jugendstil neu aufgebaut. In der wachsenden Gemeinde würde kein Platz für den Bauernstand mehr sein. Seinem Sohn Emil gefiel das Krippenprojekt und er verkaufte das stattliche Gebäude zu einem guten Preis von 100  000 Franken, deutlich unter dem Marktwert. Eine Besichtigung durch den Frauenverein mit Schreinermeister Jakob Ott, ebenfalls Vorstandsmitglied der GGW, brachte zutage, dass ein zweckmässiger Umbau zur Krippe gut machbar sei. Weitere 4000 Bettelbriefe brachten 40  000 Franken ein; grösste Spenderin war die Familie Rütschi mit dem Betrag von 15  000 Franken. Eine aus­serordentliche Generalversammlung stimmte dem Kaufvertrag zu und am 1. Oktober 1918 konnte der Frauenverein die Krippe im Kehlhof eröffnen. Pfarrer Theodor Goldschmid sprach an der schlichten Einweihungsfeier Worte der tief empfundenen Freude.
Beim Bau des neuen Kirchgemeindehauses 1931 riss man den schönen Kehlhof ab und integrierte ein neues Gebäude in modernem Baustil in den Komplex. Das Haus an der Hönggerstrasse 60 heisst immer noch Kehlhof, auch wenn dies kaum mehr allgemein bekannt ist. Das Schöne: es befindet sich noch immer eine Krippe im Gebäude.  

Im Kehlhof eröffnete der Frauenverein Wipkingen 1918 die erste Kinderkrippe.

Im Kehlhof eröffnete der Frauenverein Wipkingen 1918 die erste Kinderkrippe.

 

Quellen
Jahresberichte der GGW 1938 und 1968, div. Beiträge von Jakob Frei
Martin Bürlimann, Kurt Gammeter: «Wipkingen – Vom Dorf zum Quartier», Wibichinga Verlag, 2006.

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