Die Kunst, mit Emotionen umzugehen

Die Wipkinger Musiktherapeutin Katariina Gaehler behandelt nicht nur Menschen mit Musik, sondern komponiert auch eigene Lieder. Aus ihren Stücken ist ein inszenierter Liederabend entstanden. Darin verarbeitet sie ihre Erfahrungen als Therapeutin.

Ist nicht nur Musiktherapeutin, sondern so ganz nebenbei auch noch Komponistin: Katariina Gaehler. (Foto: das)

Musik begleitet mich schon mein ganzes Leben. Bereits als Kind habe ich Klavierstunden genommen und musste mich eigentlich nie dazu überwinden zu üben. Es war mir ganz einfach ein Bedürfnis, mich musikalisch auszudrücken. Deswegen stand für mich auch schon früh fest, dass ich die Musik zu meinem Beruf machen werde.

Nach der Schulzeit habe ich die Aufnahmeprüfung ans Konservatorium gemacht und dort klassisches Klavier studiert. Die Ausbildung war hart, der Druck enorm, es ging hauptsächlich darum, Stücke perfekt wiedergeben zu können, Kreativität war da weniger gefragt. Doch ich habe durchgehalten und das Studium mit einem Lehrdiplom für Klavier abgeschlossen.

Mir war aber schon damals klar, dass ich nicht hauptberuflich Klavierlehrerin werden möchte. Und auch als Konzertpianistin sah ich mich nicht. Ich bin eher eine intuitive Musikerin, die es liebt, selber zu gestalten und zu komponieren.
Nach dem Studium habe ich mich daher ein wenig umorientiert und mich zur Musiktherapeutin weitergebildet. Seit 15 Jahren führe ich eine eigene Praxis und arbeite viel mit Traumapatienten, behandle posttraumatische Belastungsstörungen.

Musiktherapie bietet die Möglichkeit, über den Klang einfach spielbarer Instrumente Stimmungen und Gefühle auszudrücken und hörbar zu machen. So ist Kommunikation auch da möglich, wo Worte fehlen. Dabei müssen die Klient*innen kein musikalisches Vorwissen haben oder ein Instrument spielen können, die Therapie besteht aus reiner Improvisation. Ich frage etwa: «Wie klingt das für dich?», wenn sie mir ein Erlebnis schildern. Dann versuchen wir gemeinsam, das in Klang umzusetzen.

Eigene Ohrwürmer komponieren

Daneben habe ich aber auch Wege gefunden, meine kreative Ader auszuleben: Lange Jahre konnte ich etwa für das Märlitheater Zürich zu den Kindertheaterstücken die Musik komponieren. In diese Tätigkeit bin ich mehr zufällig reingerutscht und stellte dann fest, dass es mir tatsächlich gelingt, Lieder zu schreiben, die dem Publikum ins Ohr gehen. Das hat sich super angefühlt.

Leider ist die Zusammenarbeit mit dem Märchentheater vor einiger Zeit ausgelaufen. Ich begann, das Komponieren zunehmend zu vermissen. Und neben meiner 60-Prozent-Tätigkeit in der Praxis habe ich mittlerweile, seit meine beiden Kinder langsam zu Teenagern heranwachsen, wieder mehr Zeit für mich. Also habe ich irgendwann damit begonnen, meine Erfahrungen als Musiktherapeutin musikalisch zu verarbeiten, indem ich Lieder komponiert habe.

Zunächst habe ich sie niemandem gezeigt, doch irgendwann habe ich mir ein Herz genommen und sie einer guten Kollegin vorgespielt. Aufgrund ihrer begeisterten Reaktion habe ich mir überlegt, die Stücke vielleicht doch auf einer Bühne zu präsentieren. Diese Schnittstelle zwischen der intimen Arbeit als Therapeutin und der Verarbeitung von Emotionen und Erfahrungen auf einer Bühne, das hat mich sehr fasziniert.

Weil ich selber aber lieber begleite, als selbst zu singen, habe ich jemanden gesucht, der die Stücke singen könnte und bin schliesslich auf die Sängerin Carmen Oswald gestossen. Unverbindlich habe ich angefragt, was sie von meiner Idee hält – und sie hat sofort ihre Mitarbeit zugesichert. Gemeinsam haben wir das Projekt in Angriff genommen, ergänzt durch Leslie Thomas-Gérard, die nun den zweiten Part übernimmt.

Therapeutinnen mit Herz

In der Auseinandersetzung mit den Songs wurde uns bewusst, dass es nicht funktionieren wird, die Lieder ohne Kontext auf der Bühne zu präsentieren. Deshalb haben wir begonnen, rund um die Musik eine Rahmenhandlung zu kreieren. Daraus entstand die Geschichte der beiden Therapeutinnen Ursina Sammetherz und Stéphanie Stark, die gemeinsam ein Seminar vorbereiten und dabei mit ihren eigenen Emotionen, Geschichten und Problemen konfrontiert werden. Damit möchten wir dem Publikum einen kleinen Einblick hinter die Kulissen der therapeutischen Arbeit bieten, ihm einen neuen Zugang zu unserer Arbeit ermöglichen.

Die Projektphase ist abgeschlossen, wir sind nun mitten in den Proben und ab Mai geht es los. Insgesamt werden wir zehn Mal auftreten, an verschiedenen Orten in der ganzen Schweiz. Den Abschluss der Tour bilden drei Vorstellungen hier in Zürich, im Keller 62. Ich bin sehr gespannt und freue mich ausserordentlich auf dieses neue Kapitel in meinem Leben.

Es wird mit Sicherheit ein sehr intensiver Frühsommer werden, doch als Stress verstehe ich diese Arbeit nicht – im Gegenteil: Ich komme mit dem Projekt so richtig in den «Flow»: Nach einem Tag proben bin ich zwar müde, aber sehr zufrieden.
Was ich danach in Angriff nehmen werde? Ich habe bereits Ideen für ein neues Projekt. Und die beiden Figuren aus dem Stück sind mir mittlerweile so ans Herz gewachsen, dass ich sie nicht einfach sich selbst überlassen kann – ich denke, es wird eine Fortsetzung der Geschichte geben.

Aufgezeichnet von Dagmar Schräder

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