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KISS

Geigenspiel als Brücke zwischen Kulturen

12. Dezember 2018 von

Ueli Bänziger und Latif Sultany beim Geigenunterricht.
Foto: Natasa Karnath

Ueli Bänziger und Latif Sultany beim Geigenunterricht.

Von

Online seit
12. Dezember 2018

Printausgabe vom
13. Dezember 2018
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Ueli Bänziger ist Historiker, Latif Sultany floh vor drei Jahren aus Afghanistan. Die beiden fanden durch die Vermittlung von Natasa Karnath zu einem Tandem zusammen. Sie und Ruedi Winkler sprachen mit den beiden.

Latif Sultany, wie sind Sie zu KISS gekommen?

Sultany: Im Moment besuche ich den Kurs «Trampolin Basic» bei der AOZ. In der Sommerpause wollte ich etwas Sinnvolles tun. Eine Freundin machte mich auf KISS Zürich Höngg-Wipkingen aufmerksam. Ich wollte jemandem helfen, aber Frau Karnath fragte mich, ob ich selber auch irgendwo Unterstützung brauche. Da fiel mir mein Lebenstraum ein: Ich wollte immer schon Geige spielen lernen.

Ueli Bänziger, wie kam es zum Kontakt zu Herr Sultany?

Bänziger: Einmal pro Monat besuche ich ein Treffen von HEKS Visite. Dort fragte man mich, ob ich einem Flüchtling das Geigenspielen beibringen könne. Frau Karnath von KISS arrangierte ein erstes Treffen mit Herr Sultany: Dank gegenseitiger Sympathie stand dem Unterrichtsbeginn nichts im Weg. Eine Freundin stiftete eine Geige, ein Freund den Geigenkasten, ein brauchbarer Bogen fand sich auch. Ich selber habe eine Ausbildung zum Geigenlehrer gemacht, aber danach die Geige viele Jahre nicht mehr angerührt. Seit zehn Jahren spiele ich aber intensiver und besser denn je: Etwas vom Schönsten am Musizieren ist, dass es einen mit anderen Menschen zusammenbringt.

Ist es anders, einen Ausländer zu unterrichten als einen Schweizer?

Bänziger: Die Geige ist ein sehr europäisch geprägtes Musikinstrument, das macht Geigenunterricht, Vermittlung der europäischen Kultur und europäischer Musiksprache notwendig. Selbstverständlich bin ich auch meinerseits an Herr Sultany’s kulturellem Hintergrund interessiert, so ergibt sich ein lebendiger Austausch mit ein paar sprachlichen Hürden. Zum Glück ist Herr Sultany lern- und wissbegierig, und damit das Unterrichten auch für mich anregend.

Herr Sultany, Sie sind 22 Jahre alt. wie lange sind Sie in Afghanistan zur Schule gegangen?

Sultany: In meinem Heimatort ging ich zehn Jahre zur Schule. Unter der Taliban-Herrschaft beschränkte sich der Unterricht fast ausschliesslich auf das Lesen des Korans. Seit meiner Kindheit habe ich davon geträumt, Arzt zu werden. Darum habe ich mich auch selbstständig weitergebildet und ich habe auch viel gelesen.

Wie verfolgen Sie dieses Ziel nun in der Schweiz?

Sultany: Ich werde versuchen, die Ausbildung zum Fachmann Gesundheit oder zum Pharma-Assistenten zu machen und über den zweiten Bildungsweg zu einem Studium zu gelangen. Ich bin überzeugt, das ist für mich der richtige Weg.

Wie erleben Sie bisher den Kontakt zu den Schweizern?

Sultany: Die Sprache ist zentral. Im Moment besuche ich einen Deutschkurs und lerne daneben selbstständig Deutsch über Youtube. Ein bisschen Glück braucht es auch: Ich lebe in einer Neuner-WG und Kontakte wie mit Herr Bänziger sind für mich sehr wichtig.

Wie denken Sie, Herr Bänziger, über das Älterwerden und die Zeitvorsorge bei KISS?

Bänziger: Freundschaft und Kultur sind für mich zentral. Im Eigeninteresse würde ich mich auch ohne die Zeitgutschriften engagieren. Für andere mag das aber ein zusätzlicher Anreiz sein. Ich werde nächstes Jahr frühpensioniert, aber natürlich werde ich den Unterricht dessen ungeachtet fortsetzen.

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