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Quartierleben

Gespräche auf dem «Röschi»

24. Juni 2020 von

Matthias Gabi arbeitet oft mit fremdem Bildmaterial: „Die Clichés sind wie schlafende Bildspeicher, die ich jetzt reaktiviere.“
Foto: Anne-Christine Schindler

Matthias Gabi arbeitet oft mit fremdem Bildmaterial: „Die Clichés sind wie schlafende Bildspeicher, die ich jetzt reaktiviere.“

Von

Online seit
24. Juni 2020

Printausgabe vom
25. Juni 2020
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Der Röschibachplatz hat sich zum «Dorf»-Platz Wipkingens gemausert. Hier treffen sich Leute aller Couleur und jeden Alters. Der Künstler Matthias Gabi ist einer davon. Der «Wipkinger» wollte von ihm wissen, was ihn im Leben umtreibt.

Seit ich Kinder habe, kann ich keine Deadlines mehr ausreizen. Ich versuche meistens, einen Tag vorher abzugeben – so habe ich spatzig, falls etwas schiefläuft. Nachtschichten liegen keine mehr drin. Das ist aber für alle besser so, denn, wenn ich zu wenig schlafe, kriege ich schlechte Laune.
Gerade gestern habe ich eine Eingabe gemacht. Ich sammle bei verschiedenen öffentlichen und privaten Kunstförderungsstellen Geld für ein Kunstprojekt. Im Archiv der Kunsthalle Bern habe ich ein Konvolut von 2500 alten Druckplatten gefunden, die zwischen 1918 und 1975 gebraucht wurden, um Ausstellungskataloge zu illustrieren. Nach 1975 wurde auf Offsetdruck umgestellt, aber das Druckverfahren mit diesen Clichés – so heissen die Platten – war lange Zeit üblich. Es ist um 1880 entstanden und funktioniert so, dass Fotografien auf eine Metallplatte geätzt werden. Der Prozess ist natürlich komplexer, als er jetzt klingt. Trotzdem war der Cliché-Druck im Vergleich zu anderen Druckverfahren verhältnismässig kostengünstig. Fotografien konnten damit auch in hohen Auflagen gedruckt werden. Für die Tageszeitungen war das eine Revolution.

Ich habe also eine künstlerische Recherche gemacht und aus den 2500 Clichés schliesslich 83 ausgewählt, die ich nachdrucken möchte. Daraus wird ein Buch: Das Bild wird immer auf der rechten Seite zu sehen sein, die andere lasse ich frei, und hinten gibt es einen Index. Meine Auswahl der Clichés ist subjektiv und ich ordne sie auch nicht chronologisch. Das ist meine künstlerische Handschrift. Ich habe aber darauf geachtet, nicht nur bekannte Namen zu reproduzieren, sondern auch der lokalen Kunst Platz zu geben.

Ich habe lange herauszufinden versucht, was von welchem Künstler oder welcher Künstlerin ist. Die Ordner mit Details zu den Clichés sind leider nicht erhalten, deshalb habe ich die alten Ausstellungskataloge durchsucht. Jetzt kenne ich die Geschichte von jedem der 83 Bilder. Der einzige Text, der dann aber ins Buch soll, ist ein kunsthistorischer Essay von einer Person, die sich mit Kunstreproduktion auskennt. Kunstgeschichte als universitäres Fach ging übrigens Hand in Hand mit dem Medium Fotografie. Sie etablierte sich erst, als Kunst reproduzierbar und so zugänglicher wurde. Plötzlich waren die Werke im Studierzimmer anschaubar, es war nicht mehr jedes Mal eine Reise nötig.
Das Buch wird also kein herkömmliches Buch mit Bild und Text, wie man es eben kennt. Der Druckprozess gehört zum Konzept – er macht das Projekt recht experimentell. Ich weiss beispielsweise noch nicht, ob ich alle 83 Platten werde brauchen können. Sie sind wie schlafende Bildspeicher, die ich jetzt reaktiviere, und teilweise sieht man ihnen die Altersspuren an, Kratzer beispielsweise. Manche sind möglicherweise zu stark beschädigt. Im Moment sind sie fast alle noch eingepackt. Die Verpackungen sind sehr schön und ich möchte auch sie dokumentieren, bevor ich sie öffne.

Von Auge sieht man nur aus einem bestimmten Winkel, dass auf diesen Platten etwas ist. Wenn man mit dem Fingernagel drüberfährt, fühlt man, dass sie gerastert sind. Einzelne Pünktchen sind um wenige Millimeter erhöht: die ergeben dann das Bild. Man kann sich vorstellen, dass es anspruchsvoll ist, mit diesen Clichés zu drucken. Sie müssen millimetergenau ausgerichtet werden, damit das Bild schön wird, und natürlich braucht es dazu bestimmte Maschinen. Im Typorama in Bischofszell gibt es noch welche. Sie gehören einem Verein, der schon in den 1980ern angefangen hat, solche alten Druckmaschinen zusammenzutragen. Es gibt dort auch viele pensionierte Drucker, die das Metier noch verstehen, und einen jüngeren Siebdrucker, der von den älteren gelernt hat, wie man diese Maschinen bedient.

Früher wurden diese Druckplatten aufbewahrt und wiederverwendet, weil die Herstellung so aufwändig war. Das Konvolut in der Kunsthalle Bern ist der einzige erhaltene Bestand, den ich kenne. Es ist wohl Zufall, dass sie nicht entsorgt worden sind. Bis heute liegen sie in einem separaten Kämmerchen im Archiv.

Im Archiv zu arbeiten, ist ein bisschen gefährlich. Man verzettelt sich so schnell. Ich bin auf ganz viele Seitensträsschen gestossen, denen nachzugehen auch interessant wäre. Etwa, wie die Bilder zirkuliert sind. Eins der Clichés ist beispielsweise ans Kunsthaus Zürich verschickt worden, wo es dann zum Drucken verwendet wurde, bevor es wieder zurück nach Bern ging. Ich habe es in einem Kunsthaus-Katalog wiedergefunden. Auch in den Ausstellungskatalogen der Kunsthalle Bern tauchen immer wieder die gleichen Bilder auf. Je älter sie sind, desto kleiner. Bis in die 1940er waren die Ausstellungskataloge allgemein wenig illustriert, sie ähnelten eher Werklisten. Ab den 1950ern finden sich ungefähr 16 Bilder pro Katalog. Bis in die 1990er gab es ausserdem hinten einen Inserateteil, in dem das lokale Gewerbe Anzeigen schalten konnte. Heute, wo die Ausstellungskataloge viel wichtiger und auch teurer sind, würde das als Kommerz abgelehnt. Dabei ist das Sponsoring-Modell, das heute üblich ist, nicht weniger kommerziell – es ist bloss weniger sichtbar.

Mit den Clichés setze ich mich seit 2017 auseinander, aber natürlich parallel zu anderen Projekten. Wenn ich es mir in den vergangenen drei Jahren jeweils einrichten konnte, fuhr ich nach Bern, um die Druckplatten zu inventarisieren. Dass ich mir fremdes Bildmaterial aneigne, gehört zu meiner künstlerischen Praxis. Was mich am Projekt mit den Clichés interessiert, ist die zusätzliche Abstraktionsebene, die mit den Druckplatten dazukommt. Bei dreidimensionalen Objekten wie Statuen kommt ausserdem die Lichtsituation dazu, der Betrachtungswinkel… Und nicht zuletzt sind die Drucke schwarz-weiss, was ein weiteres verfremdendes Element ist. Für Farbdruck sind vier verschiedene Platten nötig, was den Druckprozess noch anspruchsvoller macht. Aber ich habe welche gefunden: Ein einziges Bild im Buch soll farbig werden.

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