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Quartierleben

Gespräche auf dem «Röschi»

26. März 2019 von

Der Wipkinger Jörg Ruggle macht sich einige Gedanken zum «richtigen» Leben.
Foto: Patricia Senn

Der Wipkinger Jörg Ruggle macht sich einige Gedanken zum «richtigen» Leben.

Von

Online seit
26. März 2019

Printausgabe vom
28. März 2019
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Der Röschibachplatz hat sich zum «Dorf»-Platz Wipkingens gemausert. Hier treffen sich Leute aller Couleur und jeden Alters. Der Architekt Jörg Ruggle ist einer davon. Der «Wipkinger» wollte von ihm wissen, was ihn im Leben umtreibt.

Als Architekt lebt man ein wenig in einem Mikrokosmos. Da ist der Austausch mit Freunden, Familie, Auftraggebern wichtig. Mir zum Beispiel gefallen Arealüberbauungen mit mehreren Wohnhochhäusern, die zusammen mit dreigeschossigen Bauten ein Ensemble bilden. In den niedrigeren Gebäuden können für verschiedene Nutzungen wie Detailhandel, Kleingewerbe oder Ateliers stattfinden, während man in den höheren Gebäuden im 25. Stock die freie Aussicht geniesst. Vernetzte, grosse, naturnahe Parkanlagen würden den Dichtestress neutralisieren. Aber alleine über diese Idee lässt sich endlos diskutieren, und das finde ich spannend. Am Ende steht für mich immer die Frage: Wie will ich wohnen? Nicht: ist es trendy? Sondern: Wie muss es sein, damit ich mich wohlfühle? Solche Dinge treiben mich um. Aber auch die Frage, ist es richtig, was Du tust? Das geht über die Architektur hinaus, lässt sich auf das gesamte Leben anwenden. Zum Beispiel die Lebensform: Ich lebe mit meiner Partnerin im Konkubinat. Es gibt Leute, die sagen, man sei nicht bindungsfähig oder wolle sich nicht richtig «comitten». Dabei sind wir schon länger zusammen, als andere verheiratet waren. Mit Freunden teilen wir uns ein Segelboot auf dem Neuenburgersee, das ist besser als Alleinbesitzer zu sein, so wird das Boot mehr bewegt und die Unterhaltsarbeiten kann man gemeinsam machen. Es macht ohnehin mehr Spass, mit anderen Menschen unterwegs zu sein. Sowohl beruflich als auch privat. Wobei das als Selbstständiger ja immer ineinanderfliesst, die Grenze ist nicht so trennscharf. Das Leben ist kurz, ich möchte es mit spannenden Menschen und Themen verbringen. Und auch hier immer wieder die Frage: Was ist wichtig? Für mich ist es beispielsweise die Natur. Im Nachdiplomstudium Umweltwissenschaften habe ich gelernt, dass das Wort «Umwelt» ungenau ist, passend ist «Mitwelt», der menschliche Organismus ist ja nicht getrennt von der restlichen Welt, sondern ein Teil davon. Innen wie aussen, ohne die Bakterien, Pilze und andere Mikroorganismen in unserem Körper könnten wir überhaupt nicht existieren. Die Natur hat das genial entwickelt. Wenn man sich das eingehender überlegt, wird man automatisch achtsamer. Jedes Ding in der Natur hat seinen eigenen Wert. Unser Problem als Menschen ist unsere Widersprüchlichkeit. Wir wollen rücksichtsvoll sein, nehmen aber eigentlich alleine durch unsere Existenz zwangsläufig jemandem etwas weg. Wir sind der grösste Räuber auf dem Planeten. Gut, die meisten sind eigentlich zufrieden damit, wenn ihre Grundbedürfnisse gestillt sind, wenn sie ein gutes Zuhause, einen Job und eine Familie haben. Was die antreibt, die Eigentum und Geld weit über ihren Eigenbedarf hinaus anhäufen, ist mir ein Rätsel. Meiner Ansicht nach sollte Geld eine Energie sein, um positive Veränderungen zu ermöglichen und nicht zum Selbstzweck werden. Aber eben: Es ist kompliziert und anstrengend, konsequent zu sein. Wir alle wollen im Winter am Abend in eine geheizte Wohnung kommen. Ich nehme mich da selber nicht aus: Ich will auch nicht im Wald wohnen oder vegan leben. Fleisch esse ich auch immer noch. Dass es aus tierfreundlicher Haltung stammt, macht nicht ungeschehen, dass ein Tier dafür sterben musste. Ich erinnere mich an ein Treffen in den 1990er-Jahren. Da kam eine Gruppe von Leuten aus verschiedenen Berufsbereichen zusammen, um die Umweltschutzthematiken zu diskutieren und die neuen Erkenntnisse zurück in ihre verschiedenen Branchen zu tragen. Schon damals gab es die ganz düsteren Prognosen, dass man den Niedergang der Menschheit höchstens verzögern, nicht aber verhindern könne, Stichwort Klimaveränderung. Kombiniert mit den daraus folgenden riesigen Völkerwanderungen wird die Gesellschaft noch heftig durchgeschüttelt werden. Man könnte sich jetzt fragen, welchen Anreiz es dann überhaupt noch gibt, «richtig», beziehungsweise nachhaltig zu leben? Und trotzdem bemühe ich mich darum, auch im beruflichen Bereich. Ich habe grosse Ehrfurcht vor der Natur, die es erreicht hat, in sich nachhaltig zu sein. Sicher sind auch technische Entwicklungen interessant, mit denen wir uns Zeit verschaffen und innovative Projekte starten können, denn die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber persönlich finde ich es fast spannender zu verstehen, wie die Natur in sich geregelt ist. Betrachten Sie mal ein Korallenriff aus der Nähe und Sie werden erkennen, in welcher Vielfalt das Leben darin stattfindet. Gespräche mit Leuten zu führen, die sich ähnliche Gedanken dazu machen, ist immer sehr bereichernd. Ich bin ein Stadtmensch, aber ich halte die 2000-Watt-Gesellschaft in der heutigen urbanen Struktur für nicht erreichbar. Viele von uns arbeiten hart, sind ständig unter Druck. Da bringt Konsum in der Freizeit die ersehnte Entspannung und Belohnung. Und solange wir so konsumorientiert sind, werden wir das 2000-Watt-Ziel nicht erreichen können.

«Gespräche auf dem <Röschi> ist eine lockere Serie von aufgezeichneten Gesprächen, die in Wipkingen mit Wipkinger*innen zustande kommen können. Ohne Themenvorgabe erzählen Leute «wie Du und ich» aus ihrem Leben, oder davon, was sie gerade umtreibt.

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