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Quartierleben

Horchen auf die Revolution

24. März 2021 von

«Es braucht grosse Veränderungen – nur hin und wieder eine Korrektur reicht nicht».
Foto: Lina Gisler

«Es braucht grosse Veränderungen – nur hin und wieder eine Korrektur reicht nicht».

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Online seit
24. März 2021

Printausgabe vom
25. März 2021
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Von der 68er-Bewegung über ihr Engagement als Juristin bis hin zu ihrem heutigen Unternehmen EQuality: Zita Küng lebt und arbeitet in Wipkingen und kämpft seit vielen Jahren für die Rechte von Frauen. Zu tun gibt es noch immer viel.

Wenn Zita Küng vom Frauenstreik 1991 erzählt, sieht man ihr an, dass dieser Tag für sie ein besonderer war: «In der ganzen Schweiz ist es abgegangen – grandios!» Nicht nur für die Mitorganisatorin, sondern für die gesamte Schweiz war der Tag historisch – «und es ist meine Schuld, dass man fast nichts davon weiss.», erzählt Küng lachend. Im Vorfeld des 14. Junis machte sie sich intensiv Gedanken dazu, welche Branchen sie für den Streiktag mobilisieren wollte. Sie setzte sich dann besonders dafür ein, dass Journalistinnen streikten – was sie im Nachhinein bereute: «Ausschliesslich Männer haben über den Frauenstreik berichtet. Es gibt keine Bilder, keine anständigen Interviews – es ist eine Katastrophe! Es war der grösste politische Fehler, den ich gemacht habe.» Beim Frauenstreik 2019, auch da war Küng an vorderster Front dabei, habe sie den Journalistinnen dann etwas anderes erzählt, berichtet Küng schmunzelnd.

Wer darf sagen, was mit dieser Frauenkraft passiert?

Doch schon lange vor dem Frauenstreik 1991 hatte sich Küng engagiert. Politisiert wurde sie mit der 68er-Bewegung, eine Zeit, die sie teilweise in Bern, teilweise in Zürich verbrachte. Auf die Frage, um welches Thema es für sie in dieser Zeit prioritär ging, meinte sie: «Wir haben die Revolution geplant! Das war keine monothematische Angelegenheit, sondern es ging darum, das ganze Leben zu denken: Alle sozialen Bezüge, die ganze Ökonomie, die ganze Kultur, die ganze Emotionslage, die Finanzen.» Dabei stellten sie und ihre Mitaktivist*innen sich eine zentrale Frage: Wie würde es aussehen, wenn die Menschen nicht unterdrückt würden? Wenn die Menschen selbstbestimmt wären? Für Frauen forderten sie aus Prinzip mehr, sagt Küng, denn «es ist klar: Frauen haben eine doppelte Produktionskraft: Sie haben die Leistungsfähigkeit einer Person und dazu kommt, dass sie noch ein Kind gebären können. Und dann stellt sich die Frage: Wer darf sagen, was mit dieser Frauenkraft passiert?» Die gängige Antwort empörte Küng und ihre Mitaktivist*innen: «Diese Vorstellung, dass hier Männer sind, die es besser wissen. Die finden, sie müssen bestimmen, ob eine schwangere Frau ein Kind austrägt oder nicht, ob sie erwerbstätig ist oder nicht.» Die Aktivist*innen kämpften dagegen an, dass solche Abhängigkeiten als normal galten. Neben der Selbstbestimmung der Frau setzten sie sich für weitere Themen ein – beispielsweise Umweltschutz. «Wir haben schon damals gewusst, dass wir die Welt an die Wand fahren, wenn wir mit dieser Ökonomie so weitermachen wie bisher». Aus dieser Analyse heraus kamen sie zum Schluss: «Es braucht eine Revolution – man muss das alles neu denken, anders angehen, man kann nicht einfach diese Verhältnisse aufrechterhalten und dann hoffen, dass es gut kommt. Für mich war immer klar: Es braucht grosse Veränderungen – nur hin und wieder eine Korrektur reicht nicht.»

Die Mechanik verstehen

Für ihren politischen Aktivismus zahlte Küng einen hohen Preis: Sie hatte zwar die Ausbildung zur Primarlehrerin gemacht – zu dieser Zeit war es jedoch nicht möglich, als links-aktivistische Person als Primarlehrer*in zu arbeiten. Küng entschied sich daraufhin für ein Jus-Studium an der Uni Zürich. Eine Wahl, die auch politisch motiviert war: «Ich wollte einfach besser verstehen, wie diese Mechanik funktioniert.» Sie wollte sich intensiv damit auseinandersetzen, in welchem Verhältnis das Recht zur Ungleichheit steht. Das Studium bereitete Küng aber auch Schwierigkeiten: «Es gab dort nur ganz wenige Menschen, die bereit waren, sich tatsächlich Fragen stellen zu lassen. Die Norm war, dass uns einfach gesagt wurde, wie es geht.» Um die Inhalte des Studiums kritisch hinterfragen zu können, organisierte sie sich mit Mitstudierenden. Später war sie Mitgründerin des Schweizerischen Instituts für feministische Rechtswissenschaft und Gender Law (FRI). Diese Organisation hat zum Ziel, das Recht «aus einer geschlechterbezogenen Perspektive genau anschauen und sich dabei fragen: Was hat das für eine Implikation? Und in welche Richtung sollte es sich entwickeln?»
Zudem hat Küng dabei geholfen, die Juristinnen Schweiz – «mit einem kleinen i» zu gründen, den Berufsverband der Juristinnen. Ein primäres Ziel sei dabei gewesen, den Frauen, die Jura studieren oder studiert haben, einen Ort der Auseinandersetzung zu bieten, einen Ort, an dem sie über ihre beruflichen Möglichkeiten als Frauen reflektieren und sich über das Recht Gedanken machen können. Dabei ist Küng besonders stolz auf den Einfluss, den sie bei Vernehmlassungen hatten und noch immer haben: «Es ist uns gelungen, Juristinnen immer wieder zu interessanten Analysen von Gesetzesprojekten zu motivieren.»

 Das Recht und der feministische Kampf

Küng sagt jedoch von sich: «Ich bin eine untypische Juristin. Juristen meinen meist: das Recht erklärt die Welt. Ich finde: nur zum Teil. Natürlich, das Recht spielt eine ganz wichtige Rolle – aber es ist nicht das ganze Leben!» Und entsprechend ist auch ihre Einstellung gegenüber der Bedeutung des Rechts im feministischen Kampf. «Manchmal bremst das Recht den feministischen Kampf auch», findet Küng. Vor 1971 konnten Frauen gar keine Initiativen einreichen, sodass Küng und ihre Mitaktivist*innen auf Männer zugehen mussten, damit diese die Initiative unterschreiben. «Das Recht kann den Kampf der Frauen also extrem einschränken.» Noch heute ist dies der Fall – Küng beschreibt ein besonders extremes Beispiel, das sie von polnischen Freund*innen erfahren hat: Noch vor der Gesetzesverschärfung zum Abtreibungsgesetz seien Staatsanwälte in Spitäler gegangen, um Untersuchungen mit Ärzt*innen durchzuführen bei Frauen, die mit einer Frühgeburt in das Spital eingeliefert wurden – um diesen dann vorzuwerfen, dies wäre ein verkappter Schwangerschaftsabbruch. «Eine Frühgeburt ist ein unglaublich schwerwiegender Einschnitt im Leben einer Frau – auch abgesehen von den gesundheitlichen Schwierigkeiten. In dieser Situation noch verdächtigt zu werden, eine Abtreibung zu machen, das ist einfach eine unglaubliche Geschichte!» Dies ist ein klares Beispiel, meint Küng, bei dem das Recht dem Patriarchat in die Hand spielt – in Polen haben Staatsanwälte das Recht, solche Anschuldigungen zu machen. Gleichzeitig zeigt sich dabei auch: «Es spielt eine Rolle, was im Recht steht», erklärt Küng.
Ein zentraler Eckpfeiler in feministischer Hinsicht ist das Gleichstellungsgesetz, das dank dem Frauenstreik 1991 durchgesetzt werden konnte. Für Schweizer Verhältnisse sei dieses Gesetz wahnsinnig schnell implementiert worden – wobei es bei der Umsetzung noch immer hapert: «In diesem Gesetz stehen Dinge, die noch lange nicht Realität sind – es ist eigentlich noch immer futuristisch!». Dies sei auch einer der Gründe gewesen, wieso es 30 Jahre später nochmals einen Streik gebraucht habe: «Wir sind noch lange nicht dort, wo wir sein sollten. Es gibt noch einige interessante Abschnitte in diesem Gesetz, die wir umsetzen sollten. Ein Gesetz als Fundgrube!» Und so kämpfte Zita Küng auch nach der Einführung des Gesetzes in den 1990er-Jahren weiter für mehr Gleichstellung, beispielsweise als erste Leiterin des Gleichstellungsbüro für Frau und Mann der Stadt Zürich.

 Wenn ein Sprung möglich ist: springen!

1999 gründete sie das Beratungsunternehmen «EQuality», mit dem sie Regierungen, Verwaltungen, Organisationen und Betriebe darin berät, was sie machen können, um die Gleichstellung voranzubringen. Auch unterstützt sie Frauen, indem sie mit diesen über ihre Entwicklungsmöglichkeiten reflektiert, damit sie möglichst viele Chancen haben, das umzusetzen, was ihnen vorschwebt. «In unserer Kultur starten Frauen nicht bei null, sondern bei unter null. Dann versuche ich, dafür zu sorgen, dass sie auf null oder etwas darüber kommen.» Manchmal stellt sich natürlich die Frage, ob dies genügt – oder ob es nicht sinnvoller wäre, beim System anstatt bei den Frauen anzusetzen. Küng findet dazu: «Wenn ich die Wahl hätte, das System zu ändern, dann würde ich das machen – klar! Aber das System kann ich nicht alleine ändern.» Denn für Küng heisst eine Systemänderung auch immer, Mehrheiten zu finden – was sie auch immer wieder versucht. «Gleichzeitig, parallel dazu, existieren eben wir Menschen als eine Kontinuität.» Denn Frauen, die vor einer schwierigen Situation stehen, können nicht warten, bis sich die Struktur verändert hat, weiss Küng. Sie erklärt: «Kleine Schritte machen – und immer wieder schauen, ob ein Sprung möglich ist – wenn ja: springen!» Küng wünscht sich nach wie vor eine Revolution – «deshalb bin ich immer am Horchen, ob sich nicht etwas tut, damit ich dies nicht verpasse – denn das würde ich bereuen.» Eine grosse Veränderung kann scheitern, klar. Das mache ihr nach wie vor keine Angst – «mir macht mehr Angst, wenn sich nichts ändert.»

50 Jahre Frauenstimmrecht
Zum Jubiläum 50-Jahre-Jubiläums der Frauenstimmrechts porträtiert der Wipkinger in jeder Ausgabe eine Frau aus Wipkingen.

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