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Gewerbe Wipkingen

«Ich will ans Meer»

31. März 2022 von

Corinne Jeisy am Feilnagel in ihrer Werkstatt mit Laden.

Corinne Jeisy am Feilnagel in ihrer Werkstatt mit Laden.

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31. März 2022

Printausgabe vom
31. März 2022
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Corinne Jeisy ist Goldschmiedin durch und durch. In Wipkingen verwurzelt, zieht es sie dennoch immer in die Welt hinaus, wo sie ihrem «Feilnagelblick» entkommen und neue Idee kreieren kann.

Der dunkle von farbigen Linien durchzogene Schal liegt gekonnt drapiert auf ihren Schultern, die Ohrringe sind in Gold gefasste dunkelblaue Saphire, eine runde schwarze Brille sitzt auf ihrer Nase und die Lippen glitzern unaufdringlich. «Ja, ich schmücke mich gerne», sagt Corinne Jeisy. Schmuck habe etwas Aufwertendes, gegenüber sich selbst Wertschätzendes. «Niemand <braucht> Schmuck. Und trotzdem wird er auf der ganzen Welt und von allen Kulturen getragen», sagt die Goldschmiedin. Sie sitzt in ihrem Laden, der gleichzeitig Werkstatt ist, und lächelt entspannt. Früher war ein Friseur in diesem kleinen Raum nahe der Nordbrücke eingemietet. Heute wird hier gefeilt, gelötet, gesägt, gebogen. Jeisy macht «Schmucke Stücke», und so heisst auch ihr Laden.

«Einmal Goldschmiedin, immer Goldschmiedin»

In der Familie spielten Sport und Basteln eine wichtige Rolle. «Wir machten ständig etwas mit den Händen, daher kommt wahrscheinlich auch meine handwerkliche Veranlagung», erzählt Jeisy und betrachtet ihre schmalen, aber starken Finger. Vom Naturell her ist sie eher der Typ Zappelphilipp, aber beim Arbeiten mit den edlen Materialien wird sie ganz ruhig. «Mein Vater hat schon früh gesagt, ich solle mich selbstständig machen», erzählt die Goldschmiedin. «Wer hätte damals gedacht, dass ich einmal mit Murmeln den Schritt
wagen würde». Die Rede ist vom «Murmelring», den sie für einen Wettbewerb entworfen hatte und der grosse Beachtung fand. Ein Ring mit einer silbernen Fassung, in die man Glasmurmeln legen und so immer unterschiedliche Ringe kreieren kann. Der Erfolg beflügelte sie und gab ihr den Mut, 2007 in Wipkingen ihren eigenen Laden, damals direkt am Röschibachplatz, zu eröffnen. 15 Jahre später hat sie diese Entscheidungen nicht bereut. Im Gegenteil: «Einmal Goldschmiedin, immer Goldschmiedin», sagt sie. Eine Alternative habe es eigentlich nie gegeben. Nicht, dass sie nicht schon andere Dinge ausprobiert hätte.

Die goldenen Wanderjahre

An ihre Schulzeit in St. Gallen erinnert sich Jeisy nicht besonders gerne. Entsprechend kam es für sie nicht in Frage, nach der Sekundarschule noch weiter die Schulbank zu drücken. Maskenbildnerin oder Goldschmiedin, das waren Berufe, die sie interessierten. Da sie für die Maskenbildnerin jedoch erst zwei Jahre Ausbildung als Coiffeuse hätte machen müssen, strich sie diesen Wunsch schnell von der Liste und schnupperte stattdessen bei einem Goldschmied. Sein Fazit: «Fräulein Jeisy ist wohl noch nicht reif genug». Also machte sie erst ein Welschlandjahr und versuchte es danach erneut, diesmal mit Erfolg. «Die Lehre lief gut für mich, auch die Schule gefiel mir. Am Ende meiner Ausbildung meinte mein Ausbildner, ich sei die beste Lehrtochter gewesen, die er bisher gehabt hatte», erzählt Jeisy stolz und ihre Augen leuchten. Schon immer hatte es sie gereizt, zu studieren. Während eines Sommerkurses in Salzburg lernte sie eine Professorin der Hochschule Pforzheim kennen – Pforzheim gilt als die sogenannte sogenannte «Goldstadt». Wahrscheinlich ermutigte diese Begegnung sie einige Jahre später, nachdem Jeisy der Liebe wegen nach Strassburg gezogen war und dort arbeitete, sich für den Studiengang Schmuck- und Gerätedesign zu bewerben. Auf zwei Gastsemester folgten vier Jahre Studium. In dieser Zeit lernte sie während eines Praktikums in der Ostschweiz ihren Mann, einen Physiker, kennen. Mit ihm reiste sie später nach Wien, wo sie ein Austauschsemester belegen konnte. «Das war eine geniale Zeit», schwärmt die jugendlich wirkende Frau. 1999 schliesslich zog das Paar nach Wipkingen, wo wenig später ihre Tochter zur Welt kam.

Zukunft schmieden

Im Mai macht sie einen Roadtrip und fährt zu ihrem Bruder nach Irland. «Ich brauche diese Auszeiten, um dem <Feilnagelblick> zu entkommen. Eine Art Tunnelblick. In diesen Wochen kann ich ausserhalb des Alltagstrotts kreativ werden, neue Produkte entwickeln.» Krisen kommen und gehen. Einschüchtern lässt sie sich davon nicht mehr so leicht. «Mit den Jahren kommt auch die Erfahrung und ich bin grundsätzlich eine optimistische Person.» Dennoch hat sie mit ihrem Mann abgemacht, dass sie aufhören würde, bevor sie sich verschulden müsse. «Dass ich nicht die Alleinversorgerin der Familie bin, hilft sicherlich auch, etwas gelassener zu bleiben», meint Jeisy. Immer wieder betont sie, wie privilegiert ihr Leben sei. So durfte sie in den vergangenen Jahren mit ihrer Familie mehrere Monate in Australien und Indonesien verbringen – die Reiselust hat sie nie verlassen. Nun, da ihre Tochter flügge geworden ist, juckt es sie wieder: «Ich möchte unbedingt einmal am Meer wohnen, ich liebe diese Weite, die Brandung, die unablässige Bewegung der Wellen.» Wer weiss, vielleicht zieht es sie nochmals für länger ins Ausland. Das braucht Mut, aber daran  mangelt es der quirligen Frau nicht.

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