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Quartierleben

Im Wartesaal auf Reisen gehen

25. März 2020 von

Pashkevilim, meist bildlose, schwarz-weiss gehaltene und in der Regel mit viel Text bedruckte Plakate, graphisch immer sehr ähnlich gestaltet, dienen als mediale Kommunikationsform.
Foto: Judith Holly

Pashkevilim, meist bildlose, schwarz-weiss gehaltene und in der Regel mit viel Text bedruckte Plakate, graphisch immer sehr ähnlich gestaltet, dienen als mediale Kommunikationsform.

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Online seit
25. März 2020

Printausgabe vom
26. März 2020
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Der Bahnhof Wipkingen ist nicht nur Bahnhof, sondern auch Gastgeber für kulturelle Veranstaltungen. 2020 bietet hier die «Kassette» Veranstaltungen aus Wissenschaft, Kunst und Literatur an. Am 12. Februar eröffnete sie die Veranstaltungsreihe mit der Präsentation einer Forschungsarbeit.

Dieser Veranstaltungsort hat seinen ganz besonderen Charme: Direkt im Bahnhof Wipkingen kommt man sich ein wenig so vor, als sei man aus der Zeit gefallen. Nostalgisch wirkt er, der Bahnhof, mit seinem kleinen, aber sehr zweckmässigen und liebevoll betreuten Schalter ohne modernen Schnickschnack und dem grosszügigen und gemütlichen Wartesaal, der wenig gemeinsam hat mit den zugigen und unfreundlichen Aufenthaltsräumen, die sonst auf Bahnhöfen zu finden sind. Gewartet wird allerdings in diesem Raum schon länger nicht mehr – ganz im Gegenteil, hier bietet die «AG Bahnhofreisebüro Wipkingen», die den Bahnhof führt, die unterschiedlichsten kulturellen Veranstaltungen an.

Ein Bahnhof fürs Quartier  

An diesem Abend begrüsste Regula Fischer vom Bahnhofreisebüro rund 30 Gäste in «ihrem» Wartesaal. Das Reisebüro im Bahnhof Wipkingen biete das gleiche Angebot wie im Hauptbahnhof, so erklärte sie augenzwinkernd, nur mit mehr Charme. Mit der SBB habe das Reisebüro einen Leistungsvertrag, der allerdings Ende dieses Jahres auslaufe – die Zukunft des kleinen Bahnhofs sei also ungewiss (siehe Frontartikel). Mit den Kulturveranstaltungen, die nun vermehrt auch im Bahnhof stattfinden sollen, möchten die Betreiber*innen somit unter anderem auch darauf aufmerksam machen, wie wichtig der kleine Bahnhof für das Quartier ist.

«Kassette» zu Gast

Dieses Jahr ist die «Kassette» zu Gast im Wartesaal. Der Verein, der Ausstellungen, Aktionen, Installationen, Lesungen und Workshops zu verschiedenen Themen anbietet, war von 2013 bis 2017 in Hottingen beheimatet, musste den Standort dort wegen Besitzerwechsels der Liegenschaft aber aufgeben und startet nun neu an diesem aussergewöhnlichen Standort mit einer Reihe von Veranstaltungen. Und weil sich im Bahnhof Wipkingen die schweizweit einzige Agentur der Österreichischen Bundesbahn befinde, so erklärte Philipp Messner, der Moderator des Abends, wiesen die nächsten Veranstaltungen alle einen Bezug zu Österreich oder Österreicher*innen auf.   

«Pashkevilim» – ein Plakat der ganz anderen Art

Der erste Anlass, organisiert von der «Kassette», gemeinsam mit «Swiss Graphic Designers», stellte eine kleine kulturwissenschaftliche Exkursion nach Israel dar. Judith Holly, eine Österreicherin aus Wien, führte in den Jahren 2017 und 2018 im Rahmen ihres Studiums für Visuelle Kommunikation im Jerusalemer Stadtteil «Mea Schearim» ein Forschungsprojekt zu den «Pashkevilim» durch. «Pashkevilim», so erläuterte sie, das sei eine Form von Plakat, ein einseitig bedrucktes Papier, das im orthodoxen Stadtviertel «Mea Schearim» überall und in grosser Zahl im öffentlichen Raum zu finden sei, an Haus- und Plakatwänden aufgeklebt und sogar als Flugblatt auf dem Boden verteilt. Das zumeist bildlose, schwarz-weiss gehaltene und in der Regel mit viel Text bedruckte Plakat, graphisch immer sehr ähnlich gestaltet, dient hier als mediale Kommunikationsform. Holly begegnete den «Pashkevilim» während ihres Studienaufenthaltes in Jerusalem und war von ihnen so fasziniert, dass sie begann, sich intensiver damit auseinanderzusetzen. Die Ablehnung der digitalen Medien und die Befolgung des mosaischen Bilderverbots lassen in den orthodoxen Wohngegenden diese ganz eigene Form der Kommunikation entstehen, die sich sehr deutlich von der uns bekannten, mitteleuropäischen Form visueller Kultur unterscheidet.

Forschung ist noch nicht abgeschlossen

Durch Beobachtung und Dokumentation sowie durch Befragungen der Bewohner*innen des Stadtteils versuchte Holly in ihrer Forschungsarbeit, sich einen Überblick über Bedeutung, Herkunft und Nutzung der Plakate zu verschaffen. In ihrer Präsentation, die sie mit viel Bildmaterial untermalte, gab sie vertiefte Einblicke in ihr Vorgehen, die gewonnenen Erkenntnisse, aber auch die dabei auftretenden Probleme und die sich ergebenden weiterführenden Fragestellungen. Denn, so machte Holly auch im anschliessenden Gespräch und in der darauffolgenden Fragerunde mit ihrem interessierten Publikum deutlich, ihre Forschungsarbeit zu diesem Thema sei bei weitem noch nicht abgeschlossen und sie werde sich weiterhin wissenschaftlich damit auseinandersetzen.

Fortsetzung folgt – Zeitpunkt momentan noch unklar

Mit einem kleinen Apéro – mit österreichischem Wein – entliessen die Veranstalter*innen ihr Publikum in ihre angeregten Diskussionen. Auf die nächsten Veranstaltungen der «Kassette» in diesem gemütlichen Bahnhof darf man gespannt sein – auch wenn diese aufgrund der Corona-Präventionsmassnahmen zunächst einmal auf unbestimmte Zeit verschoben werden mussten.

 

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