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Quartierleben

Krimis mit Tiefgang

31. März 2022 von

Der Wipkinger Autor Wolfgang Wettstein lässt seine Protagonisten nicht nur Morde aufdecken, sondern auch über die grossen Fragen des Lebens nachdenken.
Foto: Yves Roth

Der Wipkinger Autor Wolfgang Wettstein lässt seine Protagonisten nicht nur Morde aufdecken, sondern auch über die grossen Fragen des Lebens nachdenken.

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31. März 2022

Printausgabe vom
31. März 2022
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Vor sechs Jahren hat Wolfgang Wettstein seinen Job als Redaktionsleiter beim «Kassensturz» an den Nagel gehängt und sich stattdessen dem Studium der Theologie gewidmet. Nebenbei schreibt er Krimis. Gerade ist sein dritter Roman «Der Fluch» erschienen.

Herr Wettstein, warum schreiben Sie Krimis?

Wenn Männer 50 werden, tun sie ja oft seltsame Dinge: Sie fangen etwa an, Marathon zu laufen oder kaufen sich vielleicht eine Harley. Das war nichts für mich. Ich wollte mit 50 einen Krimi schreiben. Eine Geschichte hatte ich bereits seit Jahren im Kopf. Also habe ich mich drangesetzt und einen Plot entwickelt. Aus dem einen Krimi wurde ein zweiter und schliesslich hat sich daraus eine Trilogie erge­ ben. «Der Fluch» ist nun der dritte Teil dieser Reihe.

«Der Fluch» beginnt mit dem Fund einer Leiche in einem Wipkinger Schrebergarten: ein Jude, der vor über 45 Jahren mit einer Waffe der Wehrmacht ermordet wurde. Nationalsozialismus und Holocaust sind zentrale Elemente der Geschichte. Warum verwenden Sie ein solch schweres Thema für einen Krimi?

Ich möchte mit meinen Krimis nie nur unterhalten, sondern immer auch zum Nachdenken und Disku­tieren anregen.  Daher habe ich bei allen drei Romanen neben dem eigentlichen Krimiplot noch eine zweite Ebene eingebaut, in der es um philosophische und theologische Fragen geht. Es gibt immer ein zentrales Thema, das sich durch das ganze Buch zieht. In «Der Fluch», soviel sei an dieser Stelle bereits verraten, geht es im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus um eine der grössten Fragen, die die Theologie bewegt.

Apropos Theologie: Was hat Sie eigentlich dazu bewogen, nach Ihrer Tätigkeit als Journalist beim Fernsehen noch mit einem Theologiestudium zu beginnen?

Die Theologie ist ein unglaublich reiches und vielfältiges Gebiet, das spannende Themen beinhaltet. Ich finde es faszinierend, wie viele kluge Köpfe sich seit mehr als 2000 Jahren Gedanken über elementare Fragen zum Leben gemacht haben. Auch die Einblicke in andere Religionen und Kulturkreise, die mir das Studium bietet, schätze ich sehr.

In den Romanen wird nicht nur viel philosophiert und Geschichtliches erklärt, auch generell legen Sie Wert auf genaue Recherche und Hintergrundinformationen zu dem, was Ihre Protagonisten erleben. Wie kommen Sie zu Ihren Informationen?

In der Tat ist es mir wichtig, meinen Geschichten fundierte Informationen zugrunde zu legen und nicht irgendein Halbwissen weiterzugeben. Da kommt mir meine Vergangenheit als Fernsehjournalist zugute. Ich habe für meine Berichte für den «Kassensturz» und die «Rundschau» ganz unterschiedliche Personen getroffen und viele berührende Geschichten gehört, aber auch in so manche Abgründe geblickt. Ich war beispielsweise einmal in Auschwitz und konnte in Deutschland mit ehemaligen KZ-Häftlingen über ihre Erlebnisse sprechen. Auch zur Rechtsmedizin habe ich aufgrund von früheren Berichten Kontakte und habe manches davon, was mein Protagonist, der Rechtsmediziner «Sokrates», in der Geschichte tut, mit eigenen Augen gesehen. Bei meinen Recherchen für den Roman habe ich mich an all die Fachstellen gewandt, bin bei der Rechtsmedizin, der Kriminalpolizei, der Israelitischen Kultusgemeinde vorbeigegangen und habe um Informationen gebeten.

Der Schauplatz Ihrer Geschichten ist Zürich, vieles spielt in Wipkingen. Wie sieht es mit den Personen aus? Sind diese auch echten Vorbildern nachempfunden?

Wenn mich Zuhörer bei Lesungen fragen, ob die Personen, die in meinen Romanen auftreten, in der Realität vorkommen, sage ich immer: «Ja, selbst der Mörder – der ist in diesem Moment mitten unter uns». Nein, im Ernst: Meine Personen sind rein fiktiv, insbesondere beim Mörder achte ich ganz besonders darauf, dass keine Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen existiert. Nur Sokrates, mein Hauptprotagonist, ist einer historischen Person nachempfunden.

Entwickelt man als Autor eine Beziehung zu seinen eigenen Figuren?

Das ist tatsächlich so. Mittlerweile sind mir Sokrates und die anderen Figuren so vertraut, dass sie, wenn ich Dialoge für sie schreibe, quasi selber sprechen: Ich muss nicht mehr überlegen, was sie sagen würden, vielmehr ergeben sich ihre Antworten fast automatisch. Sie haben ein Eigenleben entwickelt. Das ist ein sehr spannender Prozess.

Und wie geht es nun weiter – wird es eine Fortsetzung der Krimireihe geben? Und was sind beruflich Ihre weiteren Pläne?

Beruflich habe ich momentan keine Pläne. Ich bin bald sechzig Jahre alt und habe das Privileg, frei zu sein und über meine Zeit selbst verfügen zu können. Gerade habe ich damit begonnen, meine Doktorarbeit in Angriff zu nehmen. Den Rest der Zeit nutze ich zum Schreiben. Ich glaube aber, dass die Krimireihe nun abgeschlossen ist. Meine Figuren haben sich alle so weiterentwickelt, dass ich sie getrost in die Selbstständigkeit entlassen kann und mich nicht mehr weiter um ihre Zukunft kümmern muss. Aber ich habe bereits eine Idee für einen etwas anderen Roman. Wer weiss, vielleicht wird daraus ja etwas?

Herr Wettstein, herzlichen Dank für das Gespräch.

VON WOLFGANG WETTSTEIN BEREITS ERSCHIENEN:
«Mörderzeichen» (2015), «Feuertod am Sechseläuten» (2017, ausgezeichnet mit dem Zürcher Krimipreis 2018), «Der Fluch» (2022). Theologischer Verlag Zürich.

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