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Quartierleben

Meine Strasse: Ein Zeitzeuge erzählt

12. Dezember 2018 von

Haus an der Breitensteinstrasse 61. In diesem Haus wurde Ernst Max Häusler Senior 1908 geboren.
Foto: Archiv Familie Häusler

Haus an der Breitensteinstrasse 61. In diesem Haus wurde Ernst Max Häusler Senior 1908 geboren.

Foto: Archiv Familie Häusler

Ernst Max Häusler mit Ehefrau Elsa und Motorrad MGC im Hafen von Barcelona, 1933.

Foto: Archiv Familie Häusler

Ernst Max Häusler bei der Arbeit in seiner Werkstatt an der Breitensteinstrasse 67 in den 40er Jahren.

Von

Online seit
12. Dezember 2018

Printausgabe vom
13. Dezember 2018
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Nichts vermittelt Geschichte so gut wie Erzählungen von echten Zeitzeugen. Aus diesem Grunde veröffentlicht der «Wipkinger» Auszüge aus den Erinnerungen von Ernst Häusler Senior, Zeit seines Lebens Anwohner und «Fan» der Breitensteinstrasse.

«Meine Strasse. Das klingt recht überheblich, so als ob ich ihr Besitzer wäre. Dabei bin ich ja auch nur einer der vielen, die an ihr wohnen und noch wohnen werden. Denn ich hoffe, auch noch den kurzen Rest meines Lebens hier verbringen zu können, an meiner Strasse. Weil ich sie liebe wie ein braves kleines Kind seine Mutter liebt, anhänglich und vertrauensvoll.

Was mich so sehr an diese Strasse bindet, hat seine Gründe: Ich wurde hier im Haus Nummer 61 im Oktober 1908 geboren und wohnte dort 74 Jahre lang, ausser weniger Jahre anderswo, bis ich dann gezwungen war, ins Nachbarhaus Nummer 67 umzuziehen. Somit habe ich praktisch mein ganzes langes Leben an ihr zugebracht, denn ab 1. April 1941 begann im Werkstattanbau auch geschäftlich mein Domizil an dieser Nummer, als Kleingewerbebetreiber in der Velo- und Motorradbranche. Eine Reihe glücklicher Umstände hat es mir somit erlaubt, der am längsten an dieser Strasse wohnhafte Mitbürger zu sein, was ich als besondere Gunst des Schicksals betrachte, wenn ich an die vielen denke, die gezwungen wurden und noch werden, ihre geliebte Umgebung zu verlassen. (…)

Einst muss ein breiter Stein an ihr gelegen haben, woher sie auch ihren
Namen bekam: Breitensteinstrasse. Das ist sehr lange her, und wo er genau lag, könnte mir wahrscheinlich auch niemand sagen, dieser sagenhafte Stein. Für mich hat dieser Name einen magischen Klang, und wenn ich ihn schreibe oder an den Strassenschildern lese, kommt er mir vor wie ein Zauberschlüssel zu einem verborgenen Schatz. Es könnte nun den Anschein erwecken, dass die magische Kraft ihres Namens und die Strasse es mir schwergemacht hätte, mich je für längere Zeit von ihr zu trennen, gleich einem Dorfbewohner, der aus Angst vor der Fremde und Heimweh seine Heimat nie weit verlässt. Nein, das Gegenteil war der Fall, was man als paradox bezeichnen könnte, wenn man vergisst, dass eine Durchgangsstrasse zwangsläufig auch die Sehnsucht nach Freme weckt in einem Menschen voller Träume, Fantasie und Unternehmungslust. So ist es begreiflich, dass zwei Seelen in meiner Brust sich seit meiner Kindheit im Widerstreit befanden: Die Lust am Reisen und die Liebe zu meiner Strasse, die meine engste Heimat ist. Stets war ich von Glück erfüllt, und Zufriedenheit, wenn ich ihren Namen und ihre Häuser wieder sah. (…)

Es war aber nicht allein mein tiefes Heimatgefühl, das uns an das Haus Nummer 61 und unsere Wohnung fesselte, sondern es hatte auch ökonomische Gründe. Wir zahlten nämlich den uns von der städtischen Liegenschaftenverwaltung unter die Nase geriebenen niedrigsten Mietpreis sämtlicher ihr gehörender Wohnungen, der zuletzt 1982 78 Franken betrug. Da ist begreiflich, dass Komfort hier ein Fremdwort war. In kalten Wintern lief das Abwasser im Schüttstein nicht ab, weil es im Rohr gefror, im Sommer kam die Wohnung unter dem Estrich einer Sauna gleich, und bis zum WC im Vorraum ausserhalb der Wohnung musste man aus jedem Raum zuerst fünf Türen passieren. Aber die Riesenwohnung war romantisch wie eine alte Burg. Nebst kleiner Küche, vier Zimmern plus zwei Schlafstätten für Untermieter und fünf kleinen und grossen, abgeschrägten Nebenräumen, glich das Ganze fast einem Gespensterhaus. (…)

Vor den erwähnten Häusern vorn links der Strasse befand sich der Friedhof Wipkingens, bevor er zu einem Gemüsepflanzplätz umfunktioniert wurde, von einem altersgrauen Gemäuer und Friedhofgebüsch umsäumt, vor dem ein blechernes Pissoir stand. Das Einzige, was von allem übrigblieb, ist meine Erinnerung daran und ein dazugehöriger Bubenstreich. Als der Friedhof aufgehoben wurde, kamen Schädel zutage, und wir Buben machten uns einen Sport daraus, nachts mit ihnen zu «Tschuten». Vor solchen hatten wir Lümmel eben weder Furcht noch Respekt. (…)

Dem Seidenbaron Sieber gehörte fast alles Gelände rechts und links der Strasse, soweit es noch unüberbaut war. Einmal fand ein grosses Fest in einem ebensolchen Zelt unterhalb der Villa statt, zu dem die Nachbarn als arme Schlucker natürlich nicht eingeladen wurden. Was uns Sieber nicht schenkte, haben wir Kinder, natürlich die mutigen nur, uns selber geholt, nämlich Trauben aus seinem grossen Rebberg, der bis an meine Strasse reichte, aber hinter einer sehr dichten Hecke lag, die nicht leicht zu durchdringen war, und teilweise heute noch zu sehen ist. Zur «Wümmet» war Alt und Jung natürlich eher erwünscht. (…)

Der unbestrittene Spielplatz der Kinder war bevorzugt die Strasse. «Röiflen», «Seili gumpen», Hüpfen, Ballspiele und «Tschuten» waren Trumpf. Man badete auch gern und durchschwamm die damals noch saubere Limmat, oder wusch die Füsse im Wasserstrahl des pferdegezogenen Spritzenwagens an heissen Sommertagen. Winters lief man Schlittschuh auf der vereisten Strasse oder schlittelte auf der grossen Wiese rechts der Strasse und im steilen Waidfussweg zwischen Höngger-und Breitensteinstrasse. (…)

In einigen Häusern bis nahe dem Waidfussweg hat es an Läden und Kleingewerben wahrlich nicht gefehlt. Der Reihe nach befand sich zuoberst die Filiale der Lebensmittelfirma Simon, aus der dann die Discountkönigin Denner entstand. Hier musste mein Büblein Ernstli mit einem Tessinerkrätzli den Postbub machen. Das habe ich schon viele Jahre zuvor auch getan, wenn ich täglich im übernächsten Laden lange Zeit für den Glasermeister Herber Ormond-Stumpen und Bauernschüblig für seinen «Znüni»holen ging, mit einem «Batzen» belohnt. (…)

Im Haus wo jetzt die Ampèrestrasse abzweigt, befand sich einst eine lärmige, gut frequentierte «Tschinggenbeiz» mit elektrischem Klavier. In einem grossen Kellerraum spielten Kinder im Halbdunkel Pantomimen gegen fünf Rappen Eintrittsgebühr. (…) Um die Instandhaltung des Schuhwerks bemühten sich redlich zwei «Schueni», einer nebst der Italienerbeiz, der andere in einem der nachfolgenden Häuser. Der erste war Italiener, taubstumm, mit Mussolini-Gebärde, der andere Preusse und fanatischer Hitler-Fan. Das waren begehrte Leute, denn damals waren Schuhe noch kein Wegwerf-Konsumprodukt. Ihre Brotgeber aber waren mehrheitlich wir biederen Schweizer. (…)

Bald wurde endgültig Ladenschluss, aber nicht nur an meiner Strasse, die grosse Ladensterbezeit begann. Heute besteht nur noch einer rechts vorne an der Strasse, Nähe Wipkingerplatz.

Auch das Abfuhrwesen ist nicht mehr, wie es einst war. Der hölzerne Wagen, beidseits mit Behältern, läutete sein Kommen mit einer Glocke an, und die blechernen Ochsnerkübel machten beim Entleeren Verkehrslärm besonderer Art. Sehr unappetitliche Arbeit hatten die Kübelmänner zu verrichten, wenn sie die Ausscheidungen der Bewohner in grossen Kübeln auf dem Rücken zum Kübelwagen trugen, weil es noch keine Wasserspülung und Abwasserleitungen dieser Art gab. Wir im Haus Nummer 61 hatten es besser, indem der Unrat zur begehrten «Gülle» wurde, die, aus einer grossen Jauchegrube geschöpft, zu den nahen Gärten gelangte. Ja ja, in Sachen Hygiene war man nicht
so übertrieben zimperlich wie heute. (…)

An der, wie ich schätze, nur circa 800 Meter langen Strasse richteten sich in den insgesamt fünf aufgegebenen Läden immer wieder Gewerbetreibende ein, die hier erfolgreich zu existieren hofften und hoffen, was nicht immer gelang. Die unsichtbaren Pleitegeier kreisen halt auch über dem Breitenstein… (…)

Während des ersten Weltkrieges wurde an meiner Strasse eine Wurstfabrik namens «Famos» eröffnet, von den Anwohnern kurz «Famosi» genannt. Seit Jahren dient die Baute, erweitert, verschönert und modernisiert, als Lagerhaus für aus Deutschland mit Riesenlastern herbeigeschafften Waren mir unbekannter Art. Nach und neben der «Famosi» entstand ein jetzt noch stehendes, grosses, zinsgünstiges Mehrfamilienhaus. Hingegen verschwand die Glaserei und Fensterfabrik Herber, die nach Oetwil an der Limmat emigrierte. Ihre Stelle nimmt jetzt ein grosses Wohn-und Geschäftsgebäude ein, in dem die Verpflegungsautomatenbau und -Vertriebsfirma «Selecta» siedelt.
Aus all den aufgelisteten Gewerbe-Fabrik-und Handelsbetrieben geht hervor, dass diese Strasse eine sehr ausgeglichene Durchmischung von Wohn- und Arbeitsstätten schon seit meiner frühesten Jugend aufwies, wie es mancherorts wünschenswert wäre, um die Pendlerströme einzudämmen. (…)

Zwei auffällige Sonderlinge befahren sozusagen als Unikum seit Jahren meine Strasse: Ein seltsames, besonders leises, schon 23 Jahre altes Motorrad namens «Velocette», aus England stammend, und sein über 76-jähriger Lenker, ein verrunzelter Zwerg, der wie der Unterzeichnende, Ernst Häusler Senior heisst.»

Das Originaldokument wurde der «Wipkinger Zeitung» von Ernst Häusler Junior zur Verfügung gestellt. Inzwischen selbst ein «alter Mann» – seine Worte – wolle er den neuzugezogenen Wipkinger*innen dieses spannende Zeitdokument nicht vorenthalten. Er lebt und arbeitet heute noch an der Breitensteinstrasse, erst an der Hausnummer 61, dann 40 Jahre im Nebenhaus Nummer 67 und seit 2016 nun auf der gegenüberliegenden Strassenseite im Haus Nummer 58. Seit 1973 ist er Importeur der englischen CCM-Motorräder. «Wenn ich mit meinem Motorrad oder Auto mit 30 km/h durch die Breitensteinstrasse rolle und die Neubauten bestaune, wird mir der ewige Wandel von Zeit und Raum bewusst. Oft erinnere ich mich dann an meine acht Polizeibussen, die ich von 1952 bis 1956 beim Velofahren erhalten habe. Heute sind die Velofahrer daran, die Stadt zu erobern.»

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