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Quartierleben

Provisorium Lettenwiese: Ein Dilemma

25. September 2019 von

Auf der Lettenweise soll das geplante Provisorium zu stehen kommen.
Foto: Fredy Haffner

Auf der Lettenweise soll das geplante Provisorium zu stehen kommen.

Foto: Hochbaudepartement der Stadt Zürich

So sehen die Container aus, die auf der Lettenwiese aufgestellt werden sollen, hier im Bild das Kindergarten-Provisorium an der Winzerhalde in Höngg.

Foto: Hochbaudepartement der Stadt Zürich

So könnte es im Innern eines Containers aussehen, hier ebenfalls am Beispiel des Kindergarten-Provisorium Winzerhalde.

Von

Online seit
25. September 2019

Printausgabe vom
26. September 2019
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Die Einladung kam spät: Erst Ende August informierte die Stadt Zürich auf Druck des Quartiervereins Wipkingen die Anwohner*innen über das geplante Schulhausprovisorium auf der Lettenwiese. Grünfläche soll Schulraum weichen.

Am 26. August hatte die Stadt Zürich auf Druck des Quartiervereins und betroffener Anwohner*innen zu einer Informationsveranstaltung zum Bau eines Schulhaus-Provisoriums auf der Lettenwiese eingeladen. Die Stimmung im Vorlesungssaal der ehemaligen Schweizerischen Textilfachschule an der Wasserwerkstrasse war angespannt. Obschon die betroffene Baugenossenschaft des Eidgenössischen Personals (BEP) ihre Genossenschafter*innen an der Siedlungsversammlung Mitte Mai über das Vorhaben der Stadt informiert hatte, wollte die Mehrheit der anwesenden Personen erst durch die Medien oder die später aufgestellten Informationstafeln davon erfahren haben. Was für grosses Unverständnis sorgte, war der gewählte Zeitpunkt der Ausschreibung, die vom 26. Juli bis zum 15. August dauerte, also mitten in den Sommerferien. Dieser Umstand sei dem Zeitdruck verschuldet, beteuerte der Kommunikationsverantwortliche der Immobilien Stadt Zürich, Marc Huber. «Allerdings wurden die Bauprofile absichtlich früher erstellt, nämlich bereits am 9. Juli zusammen mit einer Informationstafel und dem Hinweis auf die Quartierveranstaltung im August». Ausserdem habe man sich um eine Berichterstattung im «Züri-Nord» bemüht, ein entsprechender Artikel sei am 11. Juli erschienen. Aber: Diese Massnahmen erfolgten erst, nachdem von Seiten des Quartiervereins Wipkingen eine entsprechende Aufforderung zur Information eingegangen war. Präsident des QVW, Beni Weder, machte aus seinem Ärger keinen Hehl und kritisierte den mangelnden Einbezug der Quartierbevölkerung. Die von ihm geforderte Mitwirkung sei bei Provisorien von fünf Jahren nicht üblich und auch nicht gesetzlich vorgeschrieben, entgegnete Huber. Sie dauere im Verhältnis zu lange und sei auch mit zusätzlichen Kosten verbunden. Immerhin: Was die mangelhafte Information angeht, erhielt Weder von Ueli Lindt vom Amt für Hochbauten eine Versicherung per Handschlag, in Zukunft besser und frühzeitiger zu informieren. Zur Verteidigung müsse gesagt werden, dass die Stadt noch keine Erfahrungen mit Bauten auf Grundstücken von Drittanbietern habe, da Provisorien bislang immer nur auf Schulplätzen erstellt worden seien. Dennoch: Dass die Verbauung von Grünflächen in der zunehmend verdichteten Stadt immer ein heikles Thema ist, dürfte keine Neuheit sein.

1000 Kinder mehr im Quartier

Bis 2026 soll die Anzahl der kindergarten- und schulpflichtigen Kinder im Schulkreis Waidberg um 1000 auf rund 6300 ansteigen. «Das sind 40 zusätzliche, grosse Klassen», informierte die an diesem Abend ebenfalls anwesende Präsidentin der Kreisschulbehörde Waidberg, Gabriela Rothenfluh. Eine Entwicklung, die nicht nur die Schule Letten vor Herausforderungen stellen wird. Heute umfasst sie 14 Primarklassen, zwei Aufnahmeklassen und sechs Kindergärten. «In den kommenden Jahren wird die Schule 18 Klassen, zwei Aufnahmeklassen und sieben bis acht Kindergärten aufnehmen müssen», so Rothenfluh. Neben den Unterrichtsräumen benötigt es immer auch Betreuungsplätze, gemäss Raumplanungsstrategie sollen die aktuell 190 Plätze auf 400 aufgestockt werden. Tagesschulen brauchen ausserdem eine Mensa und Aufenthaltsräume. Um den Schulraumbedarf in der Schule Letten decken zu können, ist geplant, die Liegenschaft an der Wasserwerkstrasse 119, welche schon heute Betreuungsplätze beherbergt, als neues Quartierschulhaus auszubauen. Ursprünglich hätte das Schulhaus schon 2020 in Betrieb genommen werden sollen, aber aufgrund Kapazitätsengpässen – die Ressourcen konzentrierten sich scheinbar auf das neue Schulhaus Guggach – ist es erst 2021 bezugsbereit. Da inzwischen auch die Instandsetzung der Schule Nordstrasse überfällig ist – geplant war sie für 2013 – und das Betreuungs- und Kindergartenlokal an der Imfeldstrasse 6 ebenfalls saniert werden muss, soll das Schulhausprovisorium zwei Jahre früher als vorgesehen aufgestellt werden. Wieso dafür ausgerechnet die Lettenwiese genutzt werden soll, wollte manchen Anwohner*innen nicht einleuchten. Grünraum in Wipkingen ist knapp und die Wiese dient sowohl den Schulkindern als auch den Vereinen und Anwohner*innen als wichtiger Treffpunkt und Sportplatz. Man zweifelte laut an, dass die Stadt tatsächlich ausgiebig nach Alternativen gesucht habe. Diesem Vorwurf widersprach Huber vehement: Man habe auf Homegate nach Mietobjekten gesucht, bei Liegenschaften Stadt Zürich, Baugenossenschaften angefragt, Alterseinrichtungen geprüft, bei der neuen Studentenüberbauung an der Rosengartenstrasse oder auch bei der Kirchgemeinde angeklopft. Die Sakristei der Kirche Wipkingen werde bereits seit 1. Juli für einen Mittagshort und Musikunterricht genutzt, auf Sommer 2020 sei ausserdem vorgesehen, das Pfarrhaus an der Wibichstrasse 41 für Kindergarten mit Betreuung in Betrieb zu nehmen. Mit der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde stünde die IMMO betreffend Kirchgemeindehaus an der Rosengartenstrasse in ständigem Kontakt. Dort bestehe allerdings von Seiten der Kirchgemeinde Eigenbedarf. Einer der Anwesenden wollte wissen, wieso das Areal beim Bahnhof Letten nicht genutzt werden könne. Abgesehen davon, dass dort eine Zwischennutzung etabliert sei, befände sich das Areal nicht in der Zone für öffentliche Nutzung. Eine Umzonung sei aufgrund des zeitlichen Drucks nicht möglich. Ausserdem, könnte man anmerken, stellt auch der Parkplatz einen wertvollen Freiraum im Quartier dar.

Das Projekt im Detail

Das geplante Bauprojekt sieht vor, dass im Frühling 2020 auf der Lettenwiese ein Fundament zwischen Hardplatz und Spielwiese gelegt, und ein erster, dreistöckiger Baukörper aufgestellt wird. Dabei handelt es sich nicht um Züri-Modular-Pavillons, sondern um Schulcontainer, welche angemietet werden. Darin finden die erwarteten zusätzlichen Klassen des Letten Schulhauses, sowie die Betreuungsplätze, die heute an der Wasserwerkstrasse 119 untergebracht werden, Platz. Nach Inbetriebnahme des Quartierschulhaus Wasserwerkstrasse wird das Gebäude zunächst als Doppelkindergarten mit Betreuung genutzt. Ab 2022 werden zwei zusätzliche zweigeschossige Bauten die Kinder der Schule Nordstrasse aufnehmen, da dieses ebenfalls instandgesetzt werden muss. 2024 können die Klassen wieder an die Nordstrasse zurückkehren und die beiden kleineren Gebäude rückgebaut werden, während das erste Gebäude noch drei Kindergärten und einen Teil der Betreuung aufnimmt, bis es im Sommer 2025 schliesslich ebenfalls rückgebaut werden soll. Eine Garantie dafür, dass dieser Zeitplan tatsächlich eingehalten wird und das Provisorium nach fünf Jahren verschwindet, konnte jedoch keiner der städtischen Angestellten geben. Sieht man sich die Zahlen genauer an, ist die Sorge der Anwohner*innen nicht unbegründet: Das Quartierschulhaus an der Wasserwerkstrasse kann nach Fertigstellung drei Klassen aufnehmen und 350 Betreuungsplätze anbieten. Im Schulhaus Letten finden maximal 15 Klassen und zwei Aufnahmeklassen Platz. Die erwähnten 18 Klassen, die in den kommenden Jahren erwartet werden, wären damit zwar untergebracht, sollte die Zahl der schulpflichtigen Kinder aber weiter ansteigen, steht die Schule erneut vor einem Platzproblem. Wo die zwei zusätzlichen Kindergärten und 50 Betreuungsplätze unterkommen, ist noch unklar. Mit derselben Problematik sehen sich auch andere Schulhäuser im Quartier – und in der ganzen Stadt – konfrontiert. Viele der Bauten sind denkmalgeschützt und können nicht beliebig erweitert werden. Die vermehrt eingesetzten ZM-Pavillons stossen ebenfalls auf Widerstand, weil sie bestehende freie Flächen zustellen.

Verschiedene Dilemmata

2017 hat die Stadtzürcher Bevölkerung den Gegenvorschlag zur Grünstadtinitiative* angenommen, und damit die Stadt zum Schutz bestehender Grünräume verpflichtet. Gleichzeitig, und das wurde auch an der Veranstaltung deutlich, ist man sich der Schulraumproblematik bewusst. Wenn Räume fehlen, müssen die Klassen vergrössert werden, mehr als 26 Schüler*innen, aktuell die erlaubte Maximalgrösse, sind jedoch weder im Interesse der Kinder, noch der Eltern oder Lehrpersonen. Gemeinderat Balz Bürgisser, der für diesen Anlass von Witikon nach Wipkingen gereist war, schlug vor, eine oder zwei Klassen des Schulhaus Letten vorübergehend ins Schulhaus Milchbuck zu schicken. Dieses liegt noch in zumutbarer Gehdistanz für Schüler*innen der Unterstufe, je nach Adresse auch für Kindergärtner*innen, und der Weg kann via Quartierstrasse relativ gefahrenlos zurückgelegt werden. Eine solche Verschiebung hält die Präsidentin der Kreisschulbehörde Waidberg jedoch für schwierig. Es stimme zwar, dass es im Milchbuck für etwa zwei Jahre freien Schulraum gebe, durch eine Verschiebung von ein bis zwei Klassen über sechs Jahre stünde das Schulhaus jedoch schon bald wieder vor einem Platzproblem, da auch in diesem Einzugsgebiet die Kinderzahlen zunehmen. Einen vierten Pavillon aufzubauen, sei weder im Interesse der Schule noch der Kreisschulbehörde. Die Klassen lediglich für ein bis zwei Jahre im Milchbuck unterzubringen, sei betrieblich ausgeschlossen und würde auch bei den Eltern Widerstand auslösen, ist Rothenfluh überzeugt.
Seit Jahren spricht die Stadt von einem Bevölkerungswachstum, bis 2035 wird eine Zunahme auf 505 000 Personen erwartet. Laut Amt für Statistik sind die Geburtenzahlen in den letzten 18 Jahren markant angestiegen: Waren es im Jahr 2000 noch 3577 Geburten, kamen 2018 5212 Kinder zur Welt. Gleichzeitig blieb die aufgrund der hohen Mieten und kleinen Wohnungen erwartete «Stadtflucht» aus, die Wegzüge machten die Zunahme der Geburten nicht wett. Interessant: Die Nettozuwanderung ist seit 2000 mit plus drei Prozent nahezu unverändert. Das heisst, die Migrationsbewegungen sind im Vergleich zu den Geburtsraten (+46%) vernachlässigbar. Den Vorwurf, zu spät auf die Entwicklung reagiert zu haben, müssen sich die Verantwortlichen bei der Stadt gefallen lassen. Es sei aber auch an die Diskussionen erinnert, die im Zuge des Baus der Schule Im Birch in Oerlikon ausgelöst wurden, weil die Stadt vorausschauend Raum «auf Vorrat» baute und einige Zimmer eine Zeitlang leerstanden. Die Aufgabe, es allen betroffenen Zielgruppen recht machen zu wollen, scheint im Vorherein unlösbar. Die Kommission, die sich im Gemeinderat mit dem Thema auseinandersetzen musste, dürfte dies ebenfalls gespürt haben. Eine Minderheit der Kommission hatte einen Rückweisungsantrag gestellt, welcher von der Mehrheit abgelehnt wird. Das Geschäft ist für den 2. Oktober traktandiert.

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