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Quartierleben

Schreibend die Welt verstehen

1. Oktober 2020 von

Tabea Steiner: Autorin, Feministin, Wahl-Wipkingerin.
Foto: Anne-Christine Schindler

Tabea Steiner: Autorin, Feministin, Wahl-Wipkingerin.

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1. Oktober 2020

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2019 stand Tabea Steiner mit ihrem Erstlingsroman Balg auf der Shortlist des Schweizer Buchpreises. Über Frauen im Literaturbetrieb, literarische Figuren und fremde Welten: Porträt einer Wahlwipkingerin.

Wenige Monate vor Timons Geburt sind Antonia und Chris aus der Stadt aufs Land gezogen, ins Dorf, in dem Antonia aufgewachsen ist. Um näher bei Antonias Mutter zu sein, um einen Garten anzulegen, sagt Chris. Den Garten wird es nie geben: Das isolierte Leben auf dem Land, die erfolglose Jobsuche, das Kind – es ist nicht leicht, und als Timon die ersten Zähne gewachsen sind, zieht Chris zurück in die Stadt. Timon wächst jetzt allein bei seiner Mutter auf, aber er ist ein schwieriges Kind. Er beisst die anderen Kinder, seine Grossmutter, dabei muss Antonia arbeiten und hat keinen Kopf für solche Dinge. Nur bei Valentin, dem alten Briefträger, ist der Junge ruhig. Aber Antonia will nicht, dass Timon Zeit mit Valentin verbringt. Wegen dem, was früher passiert ist. Man redet im Dorf.

Ein Denkmal für Konrad

Tabea Steiner hat viele Fassungen von Balg geschrieben. Am Anfang war da nur Valentin, dessen Tour durchs Dorf sie hatte nachzeichnen wollen. Und plötzlich tauchte Timon auf, und ihm folgten alle anderen. Sie habe ihre Figuren sehr genau kennenlernen müssen, um über sie schreiben zu können, sagt Steiner. Eine Zeitlang – während sie sehr intensiv am Buch gearbeitet habe – habe sie an die Figuren gedacht wie an alte Bekannte. Nach einem Schreibtag habe sie ihrem Freund dann von ihnen erzählt, als hätte sie sie getroffen. Dabei gibt es keine der Figuren tatsächlich. Ausser einer: «Konrad ist mein Grossvater», erzählt Steiner, «er hat sich schon lange immer wieder in meine Geschichten geschlichen.» In «Balg» bekam er schliesslich seinen Platz, unter seinem echten Namen. Das Buch ist auch ein Denkmal für ihn. Konrad hat schon im Verhau über Marias Stall gewohnt, als er Valentin damals in der Klinik besuchte. Er redet wenig, aber wenn sich eine Biene auf seine Hand setzt, sagt er: «Fort mit dir, Madame.» Seine beiden Enkelinnen mit den langen Zöpfen sind die einzigen Kinder in der Gegend, die Timon beim Spielen nicht ausschliessen. Sie gehören, wie ihr Grossvater, zu den Versammlungsleuten. Mit «Balg» setzt sich Tabea Steiner ein Stück weit mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinander. Aufgewachsen ist sie in einem kleinen Dorf oberhalb des Bodensees, in einem freikirchlichen Umfeld. Während der Arbeit am Buch wollte sie sich vortasten: Kann ich darüber schreiben? Aber «Balg» ist keine Abrechnung und es ist auch nicht autobiographisch. Schreiben ist für Tabea Steiner vielmehr ein Weg, die Welt zu verstehen und Denkstrukturen nachzugehen. Ihr nächstes Buch, an dem sie gerade arbeitet, spielt ganz in einer Freikirchengemeinschaft.

Feministisch im Literaturbetrieb

Seit Tabea Steiner mit ihrem Debütroman für den Schweizer Buchpreis 2019 nominiert wurde, als Autorin ernstgenommen und gelesen wird, hat sich ihre Vorstellung von Literatur als gesellschaftlicher Dialog gefestigt. Ein Thema, das sie beschäftigt und mit dem sie sich in «Balg» auseinandersetzt, ist die Armut hier in der Schweiz. Als alleinerziehende Mutter reibt sich Antonia auf zwischen Arbeit und Kind. Der Plot spitzt sich zu, als sie Timons Fahrrad verkauft, um sich einen Mantel kaufen zu können. Das sei eine feministische Grundstimmung des Buchs – eine Auseinandersetzung damit, wie Frauen behandelt werden. Das ganze Dorf redet über Antonia, und auch in Buchbesprechungen geht es oft um sie, wie sie ihre Rolle als Mutter verfehlt. Tabea Steiner findet das spannend: Chris sei ja derjenige, der einfach verschwinde, sich ein neues Leben in der Stadt aufbaue. Für sie sei er gerade durch seine Abwesenheit im Buch sehr präsent. Darin, wie sein Weggehen in Besprechungen übergangen und nur über Antonia geschrieben wird, sieht sie Parallelen zur Realität: «Als Frau wirsch ja eh immer ‹judged›». Sie habe es sich lange überlegt, eine negative Frauenfigur zu zeichnen. Mit Antonia haderte sie manchmal: Tabea Steiner wollte nie, dass die Figur böse schien, ohne dass sie ihr Handeln irgendwie nachvollziehen konnte. Seit einiger Zeit ist Tabea Steiner Teil des feministischen Autorinnenkollektivs RAUF, das sich mit (struktureller) Diskriminierung innerhalb des Literaturbetriebs auseinandersetzt. Sexismus auf der Bühne, Männer, die höhere Vorschüsse oder mehr Gage bekommen, jede Autorin könnte dir mindestens drei Geschichten erzählen, sagt sie. RAUF trifft sich alle zwei bis drei Monate zu einem Stammtisch: «Es geht nicht darum, unseren Feminismus zu definieren – darunter versteht sowieso jede etwas anderes – sondern darum, ein Netzwerk zu haben und einander Tipps zu geben.» Dieser Austausch ist ihr wichtig. Oft kommt man als Frau nämlich erst im Dialog mit anderen Frauen darauf, den Fehler nicht immer bei sich zu suchen – und erst indem man Dinge ausspricht, überwindet man die damit verbundene Scham. Tabea Steiner wünscht sich solche Kollektive in der ganzen Schweiz.

Ein Dorf in der Stadt

Schon vor ihrem Debüt als Autorin war Tabea Steiner im Literaturbetrieb zu Hause. Während ihres Germanistikstudiums in Bern veranstaltete und moderierte sie Lesungen und Literaturfestivals. Seit vier Jahren ist sie Teil der Jury für Literaturpreise des Bundesamts für Kultur, zwischen Juni und November liest sie deshalb sehr viel Schweizer Literatur. Es ist eine schöne Arbeit, aber wenn sie vorbei ist, liest Tabea Steiner als erstes zwei oder drei englische Bücher. Durch eine fremde Sprache in eine fremde Welt einzutauchen, ist einfacher. Gelesen hat Tabea Steiner schon als Kind sehr viel. Denn Kino, Fernsehen, Radio: Das alles gab es für sie nicht. Irgendwann kam das Schreiben dazu. An «Balg» hat sie fünf Jahre lang gearbeitet, und auch für das nächste Buch nimmt sie sich Zeit. Im Moment kann sie sich dank einem Stipendium von der Landis-&- Gyr-Stiftung ganz dem Schreiben widmen. Sonst übernimmt Steiner, die ursprünglich die Ausbildung zur Primarlehrerin gemacht hat, gerne Vertretungen in Schulen. Das sei auch schön, sich immer wieder in einer ganz anderen Welt zu bewegen. Das Dorf, in dem ihr erster Roman spielt, kennt Tabea Steiner ganz genau. Vor allem in der frühen Schreibphase, als sich das Buch noch ganz um Valentin drehte, hat sie viele Zeichnungen gemacht. Gewisse Bilder verdankt sie auch ihrer Kindheit auf einem Bauernhof. Etwa, wie es aussieht, wenn ein Kätzchen die Augen öffnet. Von dort sind ihr auch die Dynamiken vertraut, die es in kleinen Dörfern gibt. Trotzdem ist das Dorf in «Balg» ein ganz anderes als das, in dem sie aufgewachsen ist. Heute ist Tabea Steiner ganz in der Stadt zu Hause. Morgens radelt sie dem Fluss entlang von Wipkingen nach Altstetten, wo sie ihr Schreibatelier hat. Sie wohnt sehr gerne im Quartier. Die Lesebeizli, der Markt, dass man sich kennt, dass sie nachts durchs offene Fenster den Brunnen plätschern hört: Auf eine Art sei auch Wipkingen einfach ein schönes Dorf. 

«Balg» von Tabea Steiner. Erschienen im Verlag Edition bücherlese, 22. Februar 2019. ISBN 978-3-906907-19-2

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